Nach dem Gewinn der Bronzemedaille bei der Turn-WM reitet Gefreiter Marcel Nguyen auf einer Euphoriewelle. Anfangs bin ich manchmal nachts aufgestanden und habe geschaut, ob die Bronzemedaille auch wirklich noch an der Wand hängt", so Gefreiter Marcel Nguyen.
Im Flur bewahrt der 20-jährige gebürtige Unterhachinger all seine Trophäen auf: Urkunden, Pokale, Medaillen teilen sich hier die Aufmerksamkeit. Doch der größte Erfolg gelang dem Nachwuchsstar jetzt bei den 40. Turnweltmeisterschaften in Stuttgart. Zusammen mit den beiden Stabsunteroffizieren (FA) Thomas Andergassen und Robert Juckel, sowie Philipp Boy, Eugen Spiridonov und dem erfolgreichsten deutschen Turner, Fabian Hambüchen, schaffte er das "Wunder von Stuttgart". | ![]() Marcel Nguyen (20), Bronzemedaillen-Gewinner mit der Mannschaft bei der WM in Stuttgart. |
Vor über 6000 begeisterten Zuschauern gelang der deutschen Riege ein Wettkampf der Superlative mit einem abschließenden dritten Platz, hinter den hohen Favoriten China und Japan. "Euphorie ist Wahnsinn" In den Annalen des deutschen Turnerbundes muss man schon einige Kapitel zurückblättern, um einen ähnlichen Erfolg in Erinnerung zu rufen. 1991 in Indianapolis war es, als das deutsche Team das letzte Mal einen Podiumsplatz errang. Da war Nguyen gerade drei Jahre alt und ging das erste Mal zum "Mutter-Kind"-Turnen.
"Die Euphorie ist ein Wahnsinn", betont der zurückhaltende Abiturient im Gespräch mit "aktuell". Ganz Stuttgart stand Kopf, und feierte den Erfolg ausgelassen. "Jeder wollte ein Autogramm und Fotos mit uns machen", erinnert sich der 20-jährige. Die Tür zur Schleyer-Halle hätte man letztlich abschließen müssen, denn immer mehr Menschen drängten zu den Turn-Helden.
Die Welle schwappte weiter über die gesamte Republik, die Turner beherrschten tagelang die Schlagzeilen, allen voran Florian Hambüchen. Der Star im Team holte zusätzlich zum Mannschaftserfolg Gold am Reck und Silber im Mehrkampf. Neid zu seinem Mannschaftskollegen, nein, der käme keinesfalls auf, unterstreicht Nguyen. "Er hat sehr hart trainiert und den Erfolg verdient." Vielmehr sporne der Erfolg auch die Mannschaft an. "Da will man n a t ü r l i c h nicht nachstehen", resümiert der Gefreite. Richtig ausspannen und sich auf den Lorbeeren ausruhen kann der Wahlmünchner derzeit aber nicht. Die Ligasaison startet, der Weltcup steht an und im kommenden Frühjahr müssen die Turner bei den Europameisterschaften beweisen, dass ihr Erfolg keine Eintagsfliege war. Getragen werden sie nun von der Hoffnung, eine kleine Euphoriewelle ausgelöst und Werbung für das Turnen gemacht zu haben.

Marcel mit Ex-Bayern Profi Giovane Elber.
Sportförderung optimal
M a r c e l Nguyen jedenfalls ist weiterhin mit großem Spaß dabei, sagt er. "Turnen ist nie eintönig." Das Training an sechs Geräten eröffne eine unglaubliche Bewegungsvielfalt, Möglichkeiten sich zu verbessern seien immer da, findet der Absolvent eines Sportgymnasiums, der Bodenturnen und Barren zu seinen Favoriten zählt. Von seinen Fähigkeiten, vor allem am Barren, überzeugten sich die Zuschauer bei der WM. So beherrscht der Sportler einen Tsukahara-Abgang - einen Doppelsalto gehockt mit einer Schraube - ein Übungselement, das außer ihm nur eine Handvoll weiterer Sportler beherrscht.
Viel Zeit für andere Dinge neben dem Sport bleiben Nguyen kaum. "Das ist ein 24-Stunden-Job", so der Nachwuchsturner, der seit dem 1. Juli Mitglied der Sportfördergruppe Neubiberg ist. "Das Beste, was ein Sportler machen kann, ist zur Bundeswehr zu gehen", betont er. "Man hat den Kopf für seinen Sport frei und kann sich optimal auf die Wettkämpfe vorbereiten."
Text: Heike Hasselbach
Fotos: btc/Ulrich Heister



