Wie seit 2004, fasziniert Berlin die Leichtathletikwelt mit erneutem Marathon-Fabelweltrekord. Erstmals ging dabei ein deutsch-französisches Militärteam beider Sanitäts-dienste mit auf die 42,195 Kilometer lange Strecke.

"Die schönsten Franzosen kommen aus New York", dies wissen die Berliner spätestens seit der im Sommer 2007 in der Nationalgalerie am Kulturforum Potsdamer Platz gezeigten und bestens besuchten gleichnamigen Kunstausstellung. Woher aber kommen die "ausdauernsten Franzosen" - insbesondere, wenn es um das Stehvermögen auf der klassischen Marathondistanz über gut 42 Kilometer geht? Die, zugegeben, eher hypothetische Antwort, sollten zehn Soldaten der französischen Armee vom "Service de Santé des Armee", der französischen Sanitätstruppe bei ihrem Marathon-Debüt in der deutschen Hauptstadt geben.
Marathonpremiere in der deutschen Hauptstadt
Beim 34. Berlin-Marathon, trat erstmalig eine deutsch-französische Läufermannschaft beider Sanitätsdienste an, um die 42,195 Kilometer gemeinsam auf Berlins bekanntesten Prachtstrassen zu bewältigen. Die Idee zum franco-alemannischen Teamlauf in einheitlichen Trikots, stammte vom französischen Verteidigungsministerium - genauer gesagt von Hauptmann Éric Wable aus der Sektion Sanitätsdienst. Ziel sei es, die hervorragende fachliche Zusammenarbeit zwischen beiden befreundeten militärmedizinischen Organisationen über den völkerverbindenden Charakter des Fairplay im Sport weiter auszubauen, so Oberfeldarzt Dr. med. Christoph Otto, Projektstabsoffizier und Pressechef vom Koblenzer Sanitätsführungskommando. Sein Auftrag: Als Delegationsleiter an der Spitze der binationalen Läufertruppe das angestrebte Pemiererennen in Berlin organisatorisch in die Tat umzusetzen: So schickte der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr zehn Soldaten aus ganz Deutschland in den Wettkampf, während die zehn französischen Kameraden überwiegend aus Paris und Toulon kamen.

Gut getimte Hälfte bei Kilometer 21. Stabsunteroffizier der Reserve, Irina Mikitenko, kam auf den letzten sieben Kilometern richtig in Fahrt.
Lauf der Superlative
Der Berlin Marathon ist ein Weltsportereignis der Superlative. So rangiert der Hauptstadtmarathon weltweit - was Masse und Klasse betrifft - unter den "Big Five", also gleichauf mit London und New York und nimmt auch hinsichtlich der Ergebnisdichte stets internationale Spitzenpositionen ein. Einen Tag vor dem spektakulären Langstreckenrennen hieß es für die zwanzig deutschfranzösischen Lauffreunde, darunter drei Französinnen und eine deutsche Läuferin, bei der traditionellen Marathon- Nudelparty unter dem Funkturm noch einmal tüchtig zulangen, um die Kohlehydratspeicher zu füllen.
Endlich war es dann soweit: Marathontag für über 48.000 Läuferinnen und Läufer aus rund 100 Nationen. Sportlich gut präpariert ging die deutsch-französische Läuferschar auf die flache wie pfeilschnelle Berliner Piste. So wie die Spitzenathleten, darunter der groß angekündigte Favorit und mehrfache Weltrekordläufer über 5000 und 10 000 Meter, Haile Gebrselassie. Die Startnummer "EINS" aus Äthiopien, umgarnt von einer Phalanx toptrainierter Pacemaker, wurde schon beim Überqueren der Induktionsmatte an der Halbmarathondistanz seiner Paraderolle gerecht: Mit schwindelerregenden Durchgangszeiten knapp unter drei Minuten pro Kilometerabschnitt eilte der Ausnahmeläufer dem Ziel entgegen: Klar weltrekordverdächtig. Von den rund eine Million geschätzten Zuschauern am Straßenrand frenetisch umjubelt, stürmte Haile dann auch wie beflügelt durch das imposante Brandenburger Tor der Zeitnahme entgegen. Bei 2 Stunden 4 Minuten und 26 Sekunden Endzeit blieb die Marathonuhr stehen - ein neuer Fabelweltrekord, den derzeit nur der "Meister selbst" anzugreifen in der Lage sein dürfte, war geboren.

Schwindelerregende Durchgangszeiten auf der Halbdistanz.
Haile Gebrselassie stürmt dem Weltrekord entgegen.
Deutsches Frauendebüt überraschte mit Weltklassezeit
Turbulent ging es ebenfalls in der Frauenwertung zu. Auch hier ging der Gesamtsieg nach Äthiopien, weil Gete Wami mit 2 Stunden 23 Minuten und 17 Sekunden ein absolutes Spitzenergebnis lieferte. Für die große Überraschung in der Frauenkonkurrenz sorgte allerdings Stabsunteroffizier der Reserve Irina Mikitenko. Die mehrfache Deutsche Langstreckenmeisterin und deutsche 5000-Meterrekordhalterin lief als Marathondebütantin gleichwohl ein grandioses Rennen. Die deutschstämmige Läuferin, erst seit 1996 als Spätaussiedlerin aus Kasachstan in Deutschland, torpedierte sich mit ihren 2 Stunden 24 Minuten und 51 Sekunden gleich in Weltklasseposition für Olympia Peking 2008.

Marathon-Debütantin. Stabsunteroffizier der Reserve, Irina Mikitenko, gelang gleich beim ersten Marathonlauf der Sprung in die absolute Weltspitze.
Zwanzig Freunde im Ziel
Auch für die zwanzigköpfige binationale Equipe war der Berlin-Marathon ein unvergessliches Toperlebnis. Windstille und Temperaturen um 15 Grad Celsius sorgten für optimales Marathonwetter und der Jubel der Zehntausenden spornte die engagiert laufenden "Sanitäts- Marathonis" tüchtig an. Klar, dass die Kameraden der deutsch - französischen Militärdelegation deutlich länger als die "Gazellen" auf der Piste waren, dennoch Bummelei war für den Schnellsten unter Ihnen nicht drin. So nahm Hauptmann Peter Scheck vom Sanitätszentrum Ulm das kürzeste "Bad in der Menge" und benötigte beachtliche 3 Stunden und 9 Minuten. Oberstabsfeldwebel Michael Hudek, für das Sanitätsführungskommando startend, hingegen genoss wohl eher die "Leichtigkeit des Seins" und absolvierte die Marathondistanz als joggender Tourist: Mit gefälligen 5 Stunden und 28 Sekunden "finishte" er als Delegationsschlusslicht.

Marathon -Triumphator. Haile Gebrselassie im Medienrummel.
Persiflage mit Augenzwinkern
Glücklich wie unverletzt und mit der beliebten Marathonmedaille um den Hals geschmückt, lautete im Ziel das sportliche Fazit jedoch einhellig: "Cèst fait - Geschafft!" Die Mutmaßungen über die Herkunft der "ausdauernsten Franzosen", beantwortete Delegationschef Otto zuletzt mit einem Augenzwinkern: "Die (...) kommen aus Berlin." Eine sportliche Wiederauflage wird es bereits im Olympiajahr 2008 geben. Dann plant die erfolgreiche binationale Sanitätsmannschaft ihr sportliches Comeback in Frankreich. "Man" trifft sich am 06. April in der französischen Metropole an der Seine: Zum Stelldichein auf der Champs-Elysées - beim Paris - Marathon.
Text und Fotos: Volker Schubert


