Alle 4000er der Alpen besteigen, davon träumte Ivo Meier schon als Kind. "Wenn ich 1 bis 2 Berge pro Jahr mache, dann bin ja fast 100 Jahre alt, bis ich alle geschafft habe" dachte er sich damals. Warum also nicht den Jahresurlaub zusammenlegen und alle 82 Viertausender (lt. Offizieller Liste der UIAA) auf einmal besteigen?

Diese Frage stellte er im Juli 2007 seinem Freund Michael Schubert, der die Faszination und Leidenschaft für den Alpinismus ungebrochen mit ihm teilt.
Michael: "Ich empfand es als eine besondere Herausforderung und hab zugesagt." Das Projekt war geboren und hatte einen Namen bekommen: "35 Tage gegen 82 Viertausender". Kennen gelernt haben sich Ivo und Michael 2002 bei der Bundeswehr im Hochgebirgsjägerzug Schneeberg. Die beiden Gebirgsjäger absolvierten im Rahmen ihrer Dienstzeit im Gebirgsjägerbatallion 571 verschiedene Spezialausbildungen. Weiterhin hatten die beiden Kameraden schon etliche gemeinsame Erfahrungen bei Wettkämpfen und Touren sammeln können. Sei es bei der Skipatrouille, bei den intern. Divisionsskimeisterschaften oder im gemeinsamen Urlaub in den Dolomiten beim alpinen Klettern.
Ivo erwarb zusätzlich in den vergangenen Jahren als Heeresbergführer in den Alpen, sowie bei seinen bisherigen Besteigungen Kenntnisse im Hochalpinismus. Insgesamt also beste Voraussetzungen für ihre Unternehmung.
Nach intensiven Vorbereitungen fiel am 11.07.2008 der Startschuss für das Mammut-Projekt. Die ersten Gipfel bestiegen sie in der Bernina-Gruppe. Dann ging es weiter in Richtung Grand Paradiso und Barre des Ecrins. In Höchstgeschwindigkeit bezwangen sie einen Gipfel nach dem anderen. Am 8. Tag ihrer Tour eroberten Sie 11 Gipfel hintereinander, was bereits für sich rekordverdächtig ist. Klassiker wie der Mt. Blanc (4807 m) und das Matterhorn (4477 m) durften natürlich auch nicht fehlen. Neben den fantastischen Eindrücken und Erlebnissen mussten sie aber auch erfahren was es heißt, körperlich und psychisch an ihre Grenzen zu stoßen. Bereut haben sie jedoch nichts. Am 14.08.08 war das Projekt zu Ende und der Zähler stoppte bei 73 Gipfeln.
![]() |
|
Habt Ihr damals schon geahnt, was während der Vorbereitung und der Tour alles auf Euch zukommt?
Micha und Ivo: Ne!! Wir wussten schon, dass es umfangreich wird, aber so! Es war die erste Tour in der Form, ohne Erfahrung von meiner Seite. Wir haben einiges dazu gelernt. Die Ausarbeitung des Kartenmaterials und die Einarbeitung des GPS', die Beschaffung der Ausrüstung und der Sponsoren, das alles hat riesige Ausmaße angenommen und war schon vor Beginn der Tour eine echte Herausforderung, das alles mit Arbeit, Training und Familie unter einen Hut zu bringen. Eigentlich war ich schon vorher kaputt. Noch dazu kam die Distanz zwischen unseren Wohnorten, wir mussten fast alles übers Telefon klären.
Gab es ein spezielles Trainingsprogramm als Vorbereitung für Euch?
Ivo: Ja, neben dem allgemeinen Training kamen noch zusätzliche Einheiten mit dem Rad, und den Rollerskiern dazu. Weiterhin viel Laufen und auch Schwimmen. Wir konnten auch einige Vorbereitungstouren zusammen in den Stubaier Alpen und den Dolomiten gehen.
Während der Tour habt Ihr viel erlebt. Was ist Euch als schönstes Erlebnis in Erinnerung geblieben?
(Nach einiger Zeit des Überlegens) Ivo: (lacht) Nach 11 Gipfeln gegen 22 Uhr endlich ein warmes Essen zu bekommen. Wenn wir die Zeit hatten motivierten wir uns immer mit einem Apfelstrudel und einem Cappuccino. Es ist unglaublich wie viel dir solche Kleinigkeiten bedeuten, wenn du wochenlang auf dem Zahnfleisch gehst.
Micha: (stimmt Ivo nickend zu) Ja das war das höchste. Was uns auch noch positiv im Gedächtnis geblieben ist, war die Hilfsbereitschaft einiger Bergführer und Bergfreunde, die uns mit Tipps, Infos und manchmal sogar mit ihrem letzten Proviant versorgten. Auch der Besuch unserer Freunde, von zuhause hat uns sehr gerührt und motiviert. Du schaust tagelang nur in fremde, z.T. auch abweisende Gesichter und bist auf dich gestellt, dann kommen deine Freunde und fahren 2300 km nur für dich. Da merkt man erstmal, was echte Freunde sind.

Hat Euch die Tour trotzdem gefallen?
Ivo: Oh ja! Es war eine coole Tour und ich möchte sie nicht missen. Was wir in diesen 35 Tagen an Erfahrungen sammeln konnten, kann uns niemand nehmen. Diese Tour war etwas ganz besonderes.
Seid Ihr enttäuscht, dass Ihr Euer Ziel "82 Gipfel in 35 Tagen" nicht erreicht habt?
Ivo: Nein, sind wir nicht. Wir sind über unsere erbrachte Leistung sehr zufrieden. Wir haben in 35 Tagen 73 Gipfel geschafft, das soll uns erst einmal jemand nachmachen.
Habt Ihr irgendwann einmal ans Aufgeben gedacht?
Ivo und Micha: Nein, zu keiner Zeit!
Während Ihr unterwegs wart gab es unzählige Unglücksmeldungen auch in den Gebieten wo Ihr unterwegs wart. Wie haben Euch solche Meldungen beeinflusst und was war Euer gefährlichster Aufstieg?
Micha: Es gab viele schwierige Berge und heikle Situationen. Doch die Besteigung des Matterhorns am 35. Tag unserer Tour war unter den Bedingungen die gefährlichste Besteigung. Schlechte Verhältnisse, das Wetter war unstabil und einige Passagen vereist. Dann noch das Unglück eines Bergsteigers beim Abstieg, welches wir direkt mitbekommen haben und dann noch unsere Kraft, die zu 100 % ausgeschöpft war. Da merkt man wie schnell der gesunde Respekt, den man in den Bergen hat, der Angst weicht. Aber während der gesamten Tour haben uns die Unglücksmeldungen zwar erreicht, aber nicht beeinflusst. Bei jedem neuen Gipfel haben wir uns zu 150% konzentriert und an nichts anderes gedacht, als an den Weg und das Ziel. Das war ein ganz entscheidender Punkt, dass wir 5 Wochen in den Bergen unterwegs waren, ohne Verletzungen und Unfälle. Aber immer dermaßen konzentriert zu sein, über so lange und intensive Zeit, ist verdammt schwer und tut irgendwann richtig weh!
Ihr sprecht davon, dass es "weh tat". Wie würdet Ihr allgemein Euren körperlichen und geistigen Zustand während des Verlaufs der Tour beschreiben?
Ivo: Der erste Tag war richtig schwer, da noch keine Akklimatisation stattgefunden hatte. Aber vom 3. Tag an ging es uns, bis auf ein paar Ausnahmen, immer gut. Wir waren jeden Tag aufs Neue motiviert und komischerweise reichten schon die wenigen Stunden Schlaf aus, um uns zu regenerieren. Es war uns sogar möglich, einige Berge als "SpeedBegehungen" absolvieren zu können. In der Regel haben wir immer nur die Hälfte der normal angegebenen Zeit benötigt. Das ging gut bis zum 32. Tag. Da ging es bergab. Die Kraft war alle, die Regeneration ging immer langsamer vor sich und es war sehr schwer sich zu motivieren.

Wie würdet Ihr die allgemeine, aber wichtige Situation Essen, Trinken und Schlafen beschreiben? Wer sich in den Bergen auskennt, der weiß um die Zustände auf manchen Hütten und Biwaks.
Micha: Grauenvoll !! Es war eine echte Zusatzbelastung und in den ersten Tagen mussten wir uns an die stressigen Nächte auf den Hütten gewöhnen. Es war Hochsaison in den Bergen. Auf einigen Hütten war abends gegen 22 Uhr nichts mehr zu Essen für uns da. Und das nach nur ein paar Energieriegeln über den gesamten Tag. Einige Male mussten wir sogar auf Tischen oder auf dem Boden schlafen. Am schönsten haben wir aber in unserem Bus geschlafen, mit richtiger Matratze, dickem Schlafsack und alleine, ohne schnarchende oder schniefende Bergsteiger um einen herum.
Ihr seit jetzt schon eine Woche wieder da. Welche Gedanken macht Ihr Euch, welches Resümee könnt Ihr ziehen?
Micha: Es ist eine verrückte Bergwelt geworden. Es wird immer gefährlicher. Der Gletscher geht zurück und der Einfluss der Natur wird krasser. Aber trotzdem werden es immer mehr Menschen. Ein Massentourismus der oft auch mit Opfern verbunden ist, da die Gewalt der Natur zu leicht unterschätzt wird. Die persönliche Herausforderung, der Anspruch an den eigenen Körper, wie weit man gehen kann. Oft haben wir gedacht, dass es nicht mehr schlimmer und härter ging. Doch es ist unglaublich, dass man sich dann doch noch weiter treiben und quälen kann. Wir sind oft an unsere Grenzen gestoßen und haben sie auch manchmal überschreiten können. Doch ohne die Unterstützung von zu Hause, unserem Org.-Team und den vielen Sponsoren, durch die ein kleiner Teil der enormen Kosten gedeckt werden konnte, wären wir nie so weit gekommen. Auch neue Freunde und Helfer unterstützten uns, dafür möchten wir uns herzlich bedanken.
Seid Ihr in Gedanken schon bei Euerm nächsten Projekt?
Ivo: Zurzeit haben wir nur die Fichtelbergüberquerung geplant (lacht). Ich glaube wir müssen dieses Projekt erst einmal verarbeiten. Micha: Im Herbst geht bei mir die Telemarksaison wieder los mit Trainingslagern und ab Dezember startet die Weltcupsaison. Da bleibt dann keine Zeit mehr für Ivo und die Berge (schmunzelt). Außerdem plant meine Freundin auch mal wieder eine gemeinsame Bergtour, die wird dann aber wesentlich entspannter werden.
Weitere Infos: www.sachsen-4000.de
Text: Susann Scheller, Susanne Kempe
Fotos: Michael Schubert, Ivo Meier
![]() |
|






