"….Hüftgurt, Kletterschuhe, HMS-Karabiner, Abseilachter und noch das Kletterseil! Nein, das Seil bleibt hier, Seile werden von der Lehrgangsleitung gestellt." Die Ausrüstung und Bekleidung ist komplett verpackt und wandert ins Kfz zum bereits verladenen Mountainbike.

Ein letzter Blick in den Kofferraum: Alles dabei? Werkzeugsatz, Kriechöl, Ersatzschläuche? Die Teilnahme am letzten Lehrgang dieser Art hat mich Mores gelehrt. Passt, also auf geht´s nach Oberammergau/Mittenwald.
Zum dritten Mal hat das Wehrbereichskommando IV/München den Lehrgang "Sportkletterschein (DAV) und Mountainbike" ausgeschrieben. Nach der Teilnahme an dem Modelllehrgang in 2006 (siehe Bundeswehr Sport-Magazin, Ausgabe 4/2006) und dem damaligen Erwerb des Topropescheins, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, die Lizenz um den Vorstiegschein zu erweitern.
Der Wetterbericht für die Woche vom 21.07. bis 24.07.2008 verhieß nichts Gutes. War das Wetter bei der Abfahrt noch ganz passabel, trübte es sich mehr und mehr ein, je weiter es nach Süden ging. In Garmisch regnete es bereits in Strömen. Hatte unser "Weatherman" am heimatlichen Platz doch Recht behalten: Der Tiefausläufer "Suzsanna" klammerte sich am Karwendelgebirge für die nächsten drei Tage fest und regnete sich dort ab. Der Anteil Mountainbike rückte somit in den Hintergrund und sollte nach Vorstellung der Lehrgangsleitung in Abhängigkeit von der Witterung durchgeführt werden. Aber "Suzsanna" ließ sich nicht erweichen und die Bikes blieben unbenutzt.
Die diesjährige Veranstaltung war für 18 Lehrgangsteilnehmer ausgeschrieben, doch lediglich 16 folgten dem Ruf der Diplomsportwissenschaftler und staatlich geprüften Heeresbergführer, Jörg Kunstmann und Karl Schandl. Durch die Reihen geschaut, handelte es sich bei den Teilnehmern um eine gut durchtrainierte und mit Klettererfahrung versehenes Klientel, das einhellig ein Ziel verfolgte: Den Erwerb des Vorstiegscheins des DAV. Eine weitere Besonderheit des Teilnehmerkreises war das relativ hohe Durchschnittsalter von ca. 40 Jahren.
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Nach dem Mittagessen ging es richtig los: Einweisung in die Klettertechnik und Sicherungsgeräte an praktischen Beispielen, zudem begleitet von einer umfangreichen Materialkunde in der mit Kletterwänden hervorragend ausgestatteten Sporthalle in der Karwendel-Kaserne der Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald. Begriffe wie Grigri, Reverso, Twistlock, Friends, Doppelter Bulin, etc. schallten durch die Halle und bestimmten die Themen des abzuhandelnden theoretischen Anteils der Ausbildung. Wie jede Sportart, so hat auch das Sportklettern seine eigene Terminologie.
Der erste Ausbildungstag wurde durch ausgiebiges Bouldern an der Kletterwand beschlossen. Ach ja, "Bouldern" bedeutet kurzgefasst ungesichert Klettern in Absprunghöhe (bis 2,50 m). An Kletterwänden ist die Boulderhöhe durch eine rote Linie markiert. Den Sportkletterern dient das Bouldern u.a. als erweitertes Training, um Griffe, Tritte und kletterspezifische Körperbewegungen auszuprobieren. Kurzum: Hier lässt sich sowohl Kraft als auch Technik sportartspezifisch auf ungefährliche Art und Weise in ungefährlicher Höhe trainieren. In den folgenden zwei Tagen stand uns die bis dahin jungfräuliche Kletterwand in der Sporthalle der Edelweiß-Kaserne in Mittenwald zur Verfügung. Die Schwierigkeitsgrade laufen dort von einer IV- bis zur VII+. Es gibt dort alles was das Kletterherz begehrt: Routen mit Kamin, Verschneidungen, Überhänge und Dächer. Unter fachkundiger Anleitung durch die Heeresbergführer, Oberstabsfeldwebel Wolfgang Windisch und Hauptfeldwebel Bernd Rabenstein, die die Sportlehrer des WBK IV in der Ausbildung unterstützten, wurde geklettert, bis die Muskeln der Unterarme brannten.
Tipps und Tricks wurden an den Lehrgangsteilnehmer gebracht, die ihrerseits das bereitgestellte Wissen wie Schwämme aufsaugten. Ganz oben auf der Agenda stand aber die Sicherheit. Dem zweiten Mann am Seil, dem Hintersicherer, wurde besonderes Augenmerk geschenkt. So wurden das dynamische Sichern und der kontrollierte Fall gesondert gelehrt. Jeder Teilnehmer musste, obwohl es sehr viel Eigenüberwindung kostet, sich nach Überklettern eines Überhanges fallen lassen und sich damit dem Geschick seines Partners, der ihn sichert, ausliefern. Natürlich hat das auch etwas mit dem Sichauf-den-Partner-verlassen, und dem Ihm-vertrauen-können zu tun. Am Abend konnte keiner mehr die Arme heben und jeder hatte das Gefühl, das Getränk oder die Zahnbürste mit der zweiten Hand zum Mund führen zu müssen.
Kein qualifizierter Lehrgang in der Bundeswehr ohne Prüfungsabschnitt. Jeder Teilnehmer hatte wenigstens eine Route im Schwierigkeitsgrad IV+ entweder im Vorstieg oder als Toprope zu durchklettern. Aber die Entscheidung stand ja, wie eingangs erwähnt, bereits fest. Die Kletterteams sahen sich zwei Prüfern gegenüber. Es wurde im Wechsel geklettert bzw. gesichert, und so wurde auch geprüft. Deshalb hieß das Motto: Keine Routine aufkommen lassen, alles schön der Reihe nach überprüfen, vom gegenseitigen Partnercheck bis hin zum Ablassen auf Kommando. Am Ende des Abschnitts stand fest, dass 16 Kletterscheine DAV zum Vorstieg ausgehändigt werden konnten.

Nachbesprechung.
Am letzten Tag hatte der Wettergott ein Einsehen mit uns und schickte über Nacht das Hoch "Volker", das "Suszanna" vertrieb. Es begrüßte uns ein sonniger Morgen und es stand fest: Heute geht es, wie verabredet, in den Fels. Das Ziel hieß Sportklettergarten (Fels) "Frauenwasserl" in der Nähe von Oberammergau. Die Topokarten, die das Klettergebiet entsprechend beschreiben, wurden bereits im Vorfeld ausgeteilt, so dass sich jeder entsprechend einlesen konnte. Als wir vor dem Fels standen, waren die Routen nicht auf Anhieb zu erkennen, lediglich die Schraubösen für die Expressschlingen wiesen den Weg. Die Griffe und Tritte musste man sich hier selbst suchen. Mit den Ausbildern wurde verabredet, dass drei Topropestrecken ausgelegt und zwei Vorstiegsrouten über mehrere Seillängen für die erfahrenen Kletterer genutzt werden sollten. Die Vorbereitung der Topropestrecken erwies sich schwieriger als gedacht, da der schattig gelegene Fels von den vorherigen Regentagen noch nass und glitschig war. Doch von Stunde zu Stunde wurde es wärmer, es trocknete schnell auf und das Klettern wurde zu einer reinen Freude. Das in der Halle erlernte konnte nun doch noch im Fels angewandt werden. Der Tag verging wie im Flug, ein wunderbarer Abschluss der viertägigen Ausbildung.
Abschließend sei allen Ausbildern Dank gezollt, die diesen Lehrgang "Sportkletterschein (DAV) und Moutainbike" zum wiederholten Male durchführen und ihn auch heuer wieder zu einem Erfolg haben werden lassen. Klettern, insbesondere das Sportklettern, fördert die Mobilisation und Stabilisation der Wirbelsäule. Was mit einem Modelllehrgang 2006 begann, hat sich als Lehrgang im jährlichen Angebot der WBK IV etabliert und so soll es auch bleiben. Einhellige Meinung aller war, dass sich auch jüngere Leute anmelden sollten, die in der Truppe als Multiplikatoren fungieren sollten.
Text: Hptm Matthias Tietje
Fotos: Lt Markus Sepper





