Begeisterte Fallschirmspringer trafen sich im amerikanischen Eloy / Arizona zu einem noch nie da gewesenen Versuch: 200 Menschen im Formationssprung. „Wir hatten in unserem Hangar vor Ort alle Stühle in der 200er Formation aufgestellt. Und tatsächlich hat auch jeder seinen Slot gefunden.
Hoffentlich klappt das in der Luft bald genauso“, erinnert sich Organisator Dieter Kirsch von Dädalus-Fallschirmsport. Während des Briefings in den Sektoren wurde mit den jeweiligen Teamcaptains die Sprünge für Morgen „trocken“ geübt. Der erste Tag zur Vorbereitung verlief schon fast zu gut, bei traumhaftem Sprungwetter. Die kleineren Formationen klappten einwandfrei und alle fieberten dem Rekordversuch entgegen.

Nach einer kurzen Schlechtwetterphase, ging es am dritten Tag ans Eingemachte. Mit mehreren Übungs- und Trainingssprüngen tasteten sich die Rekordler an die Formation heran. In vier Sprüngen wollte man wissen: geht's oder geht's nicht? Sprung 1: von 204 Teilnehmern waren bereits 84 zusammen. Dieter Kirsch: „Was wir daraus gelernt haben, war, das wir hier nich auf einem Kindergeburtstag waren! Sahen die Vorbereitungssprünge doch sehr gut aus, so zeigte uns die Zahl 200, daß das hier eine harte Nummer wird.“ Im zweiten Sprung kamen aber von 204 Leuten bereits 149 zusammen und es kommt langsam Stuktur in die Sache. Sprung 3: 182 von 204 zusammen, was bereits jetzt eine neue Deutsche Bestleistung darstellte. Dieser Sprung hat gezeigt: es ist möglich! Motivationsschub gab der vierte Sprung des Tages, obwohl mit 181 Menschen einer weniger in der Formation war. Dieser Sprung wiederum hat gezeigt: es ist möglich! Und kann von jetzt an bei jedem Sprung gelingen.
Tag vier, es ist zum verzweifeln! Auch heute kein Rekord. Die Truppe rackert, aber sie bekommen einfach nicht alle Springer in ihren Slot. Vier Sprünge wurden gemacht und bis auf einen etwas chaotischen waren alle wieder hauchdünn am Rekord. Aber es fehlen eben immer wieder ein, zwei Leute um den Sack zu zu machen. Die Basis macht einen Klasse Job, wobei mittlerweile die Hälfte davon kaum mehr richtig laufen 200 Springer - ein Ziel: Rekord! kann, weil seit wer-weiß-wie-viel Sprüngen (fast) 160 Leute an ihnen rum zerren. Alle sind gerädert von langen Steigflügen (45 min. und mehr) mit ausgetrockneten Schleimhäuten vom Sauerstoff, Briefings in der prallen Wüstensonne und packen von Schirmen voller Sand. Trotzdem gibt jeder immer wieder alles, was er noch zu geben hat, aber es will und will nicht klappen. Die Sektor Captains zerbrechen sich den Kopf, was man tun kann und kommen doch immer wieder zu gleichen Schluss: weiter, weiter, immer weiter.
Einbildung oder doch springerische Intuition, es lag etwas in der Luft, eine Spannung und Energie, anders als die Versuche zuvor. Ein angenehm kurzer Steigflug schonte die wunden Hinterteile der Spinger und niemand ging der Sauerstoff kurz vorm Exit aus. Die Flugzeug-Formation war in perfektem Setup. Ready - Set - Go, die Basis bildete sich zügig und verlässlich, wie schon in sämtlichen Sprüngen zuvor und die Fallrate passt auch. Die ersten Linien kommen ins Bild. Jetzt ist etwas anders: alle bewegen sich viel langsamer als die Male zuvor. Jetzt nur keinen Fehler machen scheint bei allen Teilnehmern die Devise zu sein.

Und so ist es, niemand macht etwas unüberlegtes, fast schon bedächtig fliegt jeder in seinen Slot. Die Formation sieht schon komplett aus, da gibt es doch nochmal eine Schrecksekunde: im „Simply Red Sektor“ reisst eine Linie ab, atmen, Nerven nicht verlieren, die Linie dockt wieder an und plötzlich wird es ganz ruhig in der Formation. Wer schon öfter dabei war kennt das Gefühl, das muss es sein. Separation, Schirmöffnung und die ersten Freudenschreie sind zu hören. Landung wie immer in der Pampa, schnell zur Landewiese, wo sich alles trifft. Ausgewachsene Basismenschen heulen schon Rotz und Wasser, fallen sich um den Hals. Dann ab in den Hangar und es beginnt das grosse Warten auf die offizielle Bestätigung von Bundeschefschiedsrichter Wolfgang Thiel, der es wie immer ganz genau nimmt. Endlich: Die erlösende Nachricht und Bestätigung: Wir haben es geschafft!!! Neuer Deutscher Rekord: 200.
Es war ein langer, steiniger Weg, aber wir haben den Rekord, 4 Sekunden lang gehalten. Jetzt heisst es Leinen los und Party.
Text: Ralf Wilke
Fotos: Dädalus


