Hobby Bundesliga: Sönke Glindemann. Er ist Schiedsrichterassistent und manchmal der Vierte Offizielle, er hebt die Fahne bei Foul und Abseits: Stabsfeldwebel Sönke Glindemann. Seit sechs Jahren steht der Norddeutsche als Unparteiischer auf der FIFA-Liste. Doch wie ist er da hingekommen?
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, 
so heißt es jedenfalls im Volksmund. Und bei Stabsfeldwebel Sönke Glindemann trifft diese Weisheit auch genau zu. Denn als er in den kleinen schleswig-holsteinischen Ort Meldorf im Alter von sechs Jahren mit dem Fußball anfing, war sein Vater Schiedsrichter. Kein Wunder also, dass Glindemann Junior als 14-jähriger seine Schiri-Prüfung machte und bestand. Was damals aber noch keiner ahnte, dass Sönke Glindemann bis in die Weltspitze der Unparteiischen vorstoßen würde und mittlerweile seit sechs Jahren auf der FIFA-Liste steht - allerdings als Schiedsrichterassistent.
"Mit 18 Jahren musste ich mich entscheiden, ob ich lieber Schiedsrichter sein wollte oder weiterhin Fußball spielen wollte", erinnert sich der Stabsfeldwebel, der im Heeresamt Köln seine Dienste verrichtet. Und da er schon als 17-jähriger die ersten Herrenspiele pfiff und es ihm so viel Spaß gemacht hatte, fiel ihm die Entscheidung nicht schwer. Und so begann er die Karriereleiter hinaufzuklettern - angefangen bei der Kreisklasse B, über Kreisklasse A, Kreisliga bis hin zum Bezirk und von da weiter über die Landesliga, Verbandsliga, Oberliga bis zur Regionalliga. "Vor zwölf Jahren bin ich dann auf die DFB-Liste gekommen." Jeder Aufstieg war mit einer Überprüfung seiner Fähigkeiten sowohl im Fußballregelwerk als auch im Fitnessbereich verbunden. Zudem wurde immer wieder überprüft, wie er die Spiele pfiff. "Man muss einer der Besten der Schiedsrichter seiner Klasse sein, dann steigt man auf", erklärt der Berufssoldat, der im Heeresamt in Köln in einer Weiterentwicklungsgruppe tätig ist, welche die Konzeption der ABC-Abwehr inne hat.
Als Sönke Glindemann 29 Jahre alt war, das heißt elf Jahre nach seiner ersten Entscheidung, musste er eine zweite treffen. Schiedsrichter oder Schiedsrichterassistent? "Damals standen vier Mann zur Auswahl und es war einer dabei, von dem ich wusste, dass er besser und auch jünger war." So war es dann mein Ziel, als Schiedsrichterassistent einen Platz in der Ersten Bundesliga zu bekommen." Internationale Spiele, Champions-League, UEFA-Cup, Europapokal, Bundesliga - so gestalten sich seine Wochenenden und auch manchmal die Wochen. "Wir müssen immer einen Tag vorher anreisen. Somit muss ich immer drei Tage einplanen." Das heißt entweder frei nehmen von der Familie oder von der Bundeswehr. Als Schiedsrichter ist Sönke Glindemann kein Sportler, sondern der, der über den Sport richtet und damit hat er keinen Platz in den Sportfördergruppen - zumal er keine Medaillen gewinnt und damit auch kein Aushängeschild für Deutschland ist. So bleibt das Pfeifen sein Hobby, wobei er auch zugibt, dass man es auch als Nebenberuf bezeichnen könnte. Schließlich gibt es Geld für den Antritt an der Linie.
Und da man national bis 47 und international bis 45 Jahren als Unparteiischer tätig sein darf, ist das Ende für ihn in Sicht. Sönke Glindemann ist 41 Jahre alt. Und dann wird seine Familie oberste Priorität haben. "Mein Sohn ist zwei Jahre alt, momentan bekommt er das nicht so mit, wenn ich mal wieder weg bin. Aber wenn er älter ist, wird es sicherlich anders sein."
Doch momentan hat Sönke Glindemann den Sport noch fest im Blick. Er sammelt Wimpel, Trikots oder Sticker als Erinnerungen an die Spiele, bei denen er als Schiedsrichterassistent dabei war, und könnte damit theoretisch sein ganzes Büro tapezieren. Doch er hat Besseres damit vor. "Zur Weltmeisterschaft tippen wir die Anzahl der Gesamttore und die des Torschützenkönigs. Jeder Tipp kostet zwei Euro. Und die Gewinner können sich dann ein Trikot aussuchen. Das Geld geht an das Bundeswehrsozialwerk", erklärt Sönke Glindemann und betont, dass er und seine Tippgemeinschaft mit seinem Schiedsrichter-Erfolg ein "bisschen Gutes" tun können.
Und was war sein schönstes Spiel? "Das schönste Spiel ist das, wo hinterher keiner was von mir und meinen Kollegen will und keiner von uns Notiz nimmt. Dann weiß ich, es ist alles rund gelaufen und wir sind nicht in Erscheinung getreten", sagt er und kennt durchaus andere Situationen - so wie in der Saison 2004/2005 als er bei Hertha BSC zwei Tore als Abseits aberkannte, die aber nicht abseits waren. "Ja, bei Hertha waren beide Entscheidungen falsch. Es war knapp, aber eben falsch", erinnert er sich. Es war keine schöne Zeit für ihn. Die Schmach, einen Fehler begangen zu haben, und die Berliner Presse ging mit ihm auch nicht gerade zimperlich um. "Das nächste Spiel war schon schwierig. Vom Schiedsrichterausschuss wurde das so gemacht, dass ich erst mal wieder auf niedrigerem Niveau als Schiedsrichterassistent eingesetzt wurde. Damit ich wieder meinen Rhythmus finden konnte", erzählt er. Und den hat er auch längst wieder gefunden, so konnte er in der gerade abgelaufenen Saison im Spiel von Bielefeld gegen Wolfsburg dem Unpartaischen gut helfen, als dieser ein Foulspiel nicht sehen konnte, dafür aber Sönke Glindemann die Fahne hob. Und genau dafür ist er ja auch da. "Alles, was der Schiedsrichter nicht sieht, muss der Assistent sehen. Das ist mein Job."
Natürlich wird er das Spiel bei Hertha nie vergessen, aber er hat auch daraus gelernt. "In Berlin habe ich das nicht geschickt gemacht. Ich habe mich auf Diskussionen eingelassen." Eigentlich hätte er sich nur "Abseits" entscheiden müssen, und dann weggehen sollen. "Als Schiedsrichterassistent hat man weniger Möglichkeiten als der Schiedsrichter. Ich kann diesem nur mitteilen, wenn jemand etwas gemacht hat, und dann muss der Schiedsrichter reagieren."
Aber es gibt für den Stabsfeldwebel hauptsächlich schöne oder ungewöhnliche Erlebnisse. So wie im Olympia Stadion von Barcelona als er zusammen mit Schiedsrichter und Oberstabsarzt Dr. Helmut Fleischer knöcheltief im Regen stand. "Das werden wir nie vergessen und wenn man sich dann wieder sieht, wird immer drüber gesprochen." So ist es für Sönke Glindemann doch auch immer ein Spaß und ein Hobby. Und was geschieht danach, wenn er in Schiri-Rente geht? "Vielleicht kann ich dann als Beobachter aktiv sein oder im Jugendbereich einsteigen. Das muss sich ergeben und hängt auch von der Bundeswehr ab, was da vielleicht noch kommt", sagt er. So ist die Zukunft von Sönke Glindemannnoch ziemlich offen. Sollte er jedoch nach Schleswig- Holstein versetzt werden, dann wird er definitiv weiter der Schiedsrichter- und der Fußballwelt erhalten bleiben. "Hier kennt man mich, hier kann ich vielleicht etwas bewegen."
Christine Blödtner-Piske


