27. Juni 2009 - Tag zwei des Junioren-Rettungspokals der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), kurz nach halb neun Uhr morgens. Es ist ungeahnt warm für ein Wetter mit dicker Wolkendecke und den Vorboten für Regenschauer.

Ein Mann in rot-weißer Kleidung steht an der Wasserkante des Tuttenbrocksee in Beckum "Kampfrichter" liest man auf seinem Rücken. Beim Marshalling prüft er, ob alle gemeldeten Rettungsschwimmer/innen für die erste Disziplin des Freiwasserwettkampfes startbereit sind. Namen werden aufgerufen. Die Damen bleiben zum Surf Race, dem 400m Schwimmkurs im See, die Herren schickt er zum Sandfeld 100 Meter weiter. Dort soll in wenigen Minuten die Disziplin Beach Flags beginnen. Aline Hundt, Sportsoldatin und Rettungsschwimmerin der Deutschen Nationalmannschaft, ruft auf: "Lauf eins…" ihr Ton ist bestimmt und unüberhörbar. Sechs Jugendliche finden sich in jedem Lauf eingeteilt. "Lauf fünf…" Showtime für Christian Ertel.
Christian Ertel ist 18 Jahre alt. Er gehört zum ältesten Jahrgang, der am 26. und 27. Juni beim bundesweit ausgeschriebenen Junioren-Rettungspokal in Warendorf und Beckum starten darf. Die jüngsten Teilnehmer sind gerade 14 Jahre alt. Als Stralsunder Rettungsschwimmer sammelt Ertel Punkte für Mecklenburg-Vorpommern, einem von vierzehn im Startfeld vertretenen DLRG-Landesverbänden. Und die Punktejagd ist bereits nach Tag eins Erfolg versprechend, wie Christians älterer Bruder Christoph Ertel, Mitglied der WM Nationalmannschaft von 2008 bestätigen kann: "Christian macht seine Sache gut. Er ist mit maximaler Punktzahl aus der Halle gekommen." Am ersten Tag mussten sich die Nachwuchsathleten in der Halle im Umgang mit Rettungsmitteln beweisen und zeigen, wie stark ihre Nerven sind. Schließlich war der Austragungsort kein geringerer als das 50m-Becken der Bundeswehr-Sportschule in Warendorf, wo die Jugendlichen zum Teil erstmalig auf elektronische Zeitmessung, neuartige Startblöcke und die aufmerksame Beobachtung von Bundestrainerin Anne Lühn stießen. "Für viele der Kids ist es sehr aufregend dort zu starten, wo die Älteren sonst im internationalen Teilnehmerfeld den Deutschlandpokal ausschwimmen", erklärt Lühn. "Aber für sie selbst geht es auch um die Qualifikation zur Junioren Europameisterschaft. Hier können sie ihre Kadernorm erreichen, die ich aus den Ergebnissen errechne."

4x50m Gurtretterstaffel: Wechsel vom zweiten
auf den dritten Athleten des Teams.
Noch ist nichts entschieden. Vor den Sportlern liegen an Tag zwei fünf Outdoordisziplinen. Am Beach Flags Feld startet Lauf fünf. Sechs Junioren ziehen Kärtchen beim Schiedsrichter und wählen so ihren Startplatz. Auf dem Bauch mit dem Kopf entgegen der Laufrichtung liegt Ertel im Sand. Er muss warten, bis der Schiedsrichter ungesehen vier kurze Gummistäbe gleichmäßig im Zielbereich in den Sand gesteckt hat. Die Konkurrenz liegt nur zu seiner rechten. Er hat eine Außenbahn, eine gute Startposition. "Ready - heads down", dann ein Pfiff. Christian Ertel springt auf, rennt. Am Ende des Feldes stecken nicht genügend Stäbe für alle. Wer einen erwischt, ist weiter, wer leer ausgeht, verabschiedet sich aus dem Wettkampf. So reduzieren sich die Teilnehmer von 6 auf 4, von 4 auf 3 Sportler. Nur diese drei ziehen in die Zwischenläufe ein. Kurz vor Erreichen des Stabes liegt Ertel im Sand, er ist gestolpert. Doch das Glück ist mit ihm. Sein nächster Mitstreiter entscheidet sich für einen Stab in der Feldmitte, nicht für den vor Ertels Nase. Start 1 im Vorlauf überstanden. Jetzt noch einmal zusammenreißen, schnell reagieren und noch schneller rennen. Die nächste Runde läuft besser für den 18-jährigen, auch die folgenden Zwischenläufe. Christian Ertel steht nach mehreren Sprints und Hechtsprüngen im Beach Flags Finale.
"Ich wusste gar nicht, dass ich Beach Flags so gut kann. Ich mache das Ganze eigentlich aus Spaß." Christian Ertel lächelt - die Augen strahlen ein wenig Schüchternheit aus, wenn man genauer hinsieht. Doch dann blitzt der Ehrgeiz durch: "Im Surf- und Board Race will ich unter die ersten drei kommen." Seit seinem siebten Lebensjahr schwimme er, seit vier Jahren nun als Rettungsschwimmer, wie sein großer Bruder Christoph. Der wird als ehemaliger Sportsoldat erst zu den Militärmeisterschaften in Kanada wieder selbst an den Start gehen. Die sportliche und berufliche Laufbahn des Bruders haben Christian geprägt. "Nach meinen letzten Abiturprüfungen werde ich für ein bis zwei Jahre zur Sportfördergruppe in Warendorf gehen. Im Dezember bin ich die Qualifikation dafür geschwommen und habe mich danach bei Anne Lühn beworben."
Aber die Bundestrainerin kann nicht allein entscheiden, wer einen der vier zur Verfügung stehenden Förderplätze für Rettungsschwimmen bekommt. Der Leiter der Sportfördergruppe Warendorf Rudolf Boberg klärt auf: "Die Bewerbung muss vom DOSB genehmigt werden. Er beschließt auch über die Anzahl der Jahre, die der Sportsoldat in der Fördergruppe bleiben kann. Bei den nichtolympischen Sportarten sind das meist zwei Jahre." 90 Sportler aus zwölf Sportarten, davon die meisten olympisch, sind aktuell in der Sportschule beschäftigt. Den Vorteil Soldat auf Zeit in einer der vierzehn bundesweiten Sportfördergruppen zu werden sieht Boberg in der optimalen Zeiteinteilung. "In Studium oder Lehre haben die Sportler Pflichtzeiten, was sie in ihrem Training einschränkt. Wer einen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr inne hat, kann sich 24 Stunden auf seinen Sport konzentrieren." Verkürzte Grundausbildung und die Möglichkeit des Heimtrainings unterstützen dies. Ein Fakt, den Christoph Ertel seinem jüngeren Bruder mitgeben konnte: "Christian konnte den Leistungsschub sehen, den mir das Jahr bei der Bundeswehr gebracht hat."

Ertel durchbricht als einziger Teilnehmer die 100-Punkte
Marke und wird Mehrkampf-Gesamtsieger.
Für den Junioren-Rettungspokal reicht allerdings auch die aktuelle Leistung des Abiturienten. In allen Disziplinen erreicht Ertel das Finale, kann sich im Surf Race auf Platz zwei und in der Staffel auf den 2. und auf den 4. Rang schwimmen. Nur im Board Race bleibt er mit Platz 11 unter seinen Erwartungen. Bleibt der Beach Flags Endlauf. Christian Ertel und Andreas Bocksnick aus Baden sind die einzigen beiden Junioren die im Sand liegen und konzentriert auf das Startsignal warten. Alle übrigen Finalisten sind längst ausgeschieden. "Ready heads down" … ein Fehltritt im unebenen Sand reicht, um den Sieg des Stralsunders zu vereiteln. Doch dafür entschädigt ihn der Sieg in der Mehrkampfwertung der Herren.
Silke Keul


