Vizeweltmeister ist Deutschlands bester Diskuswerfer schon. Bei der Leichtathletik-WM in Berlin will Sportsoldat Robert Harting den Thron gänzlich erobern. Volker Schubert hat den Topathleten vom Sportclub Charlottenburg beim WM-Vorbereitungstraining in Hohenschönhausen am Olympiastützpunkt Berlin besucht.

Weit und mit hohem Bogen fliegt das staffelstabähnliche Metallrohr über den Werferplatz. Dann trumpft das graue Eisen mit dumpfem Klang und Sand verspritzender Fontaine im kargen Erdreich auf. Irgendwo zwischen 50 und 60 Metern bleibt das Übungsgerät liegen. Das war der 27-igste Wurf aus einer Serie von heute maximal 30 Abwürfen. Eher klein, fast ein wenig unscheinbar, wirkt das 2,5 Kilo schwere Wurfgeschoss in der Hand seines menschlichen Katapults. Kein Wunder, denn der Werfer ist überaus muskulös, bringt beachtlich 126 Kilo auf die Waage und misst stolze 2,01 Meter an Körpergröße. Der da in Berlin-Hohenschönhausen am Olympiastützpunkt (OSP) auf dem Werferplatz neben der Lilly-Hennoch-Halle so unermüdlich trainiert, heißt Robert Harting - seine erste Trainingseinheit am Vormittag.
Archaisch anmutende Trainingsatmosphäre
Das Training ohne Diskus macht Sinn: Stahlstäbe fliegen nicht so weit und liegen deutlich schlechter in der Luft. "Das dient als Kontrastprogramm zum reinen Diskuswurf wie zur Verfeinerung und Optimierung des Abwurfverhaltens", erklärt der 24-jährige Sportsoldat von der Bundeswehr-Sportfördergruppe Berlin. Eine irgendwie archaisch anmutend Atmosphäre, die von dem Übungswurfplatz ausgeht: Neben einer Baumgruppe, die erstes zartes Blattgrün ziert, existiert dort nur Sand und die Betonplatte des Wurfkreises. Die halbkreisförmigen 50- und 60-Metermarkierungen haben sich Robert Harting und sein Trainer Werner Goldmann mittels Maßband selbst in den Boden gekratzt - vermutlich nicht anders, als es die antiken Athleten von um 700 vor Christus im altertümlichen Griechenland ebenfalls taten. Und "Balljungen", wie in der Geldsportart Tennis, die nach den Würfen des Vizeweltmeisters flugs die Wurfstäbe wieder an der Abwurfstelle abliefern, die gibt es hier nicht die holt Diskuswerfer Harting selbst.
Am Olympiastützpunkt Berlin trainiert Harting "Mut zur Technik"
Spätestes seit 2007 ist Robert Harting einer der ganz Großen seiner Disziplin, als er bei der WM im japanischen Osaka Vizeweltmeister wurde. Und auch 2008 machte der Diskushüne von der Spree international von sich Reden, als er in Peking mit Rang vier nur hauchdünn an olympischem Edelmetall vorbeischrammte. Zuvor hatte er im Juni des Olympiajahres mit seiner bisherigen Bestmarke über 68,65 Metern in der litauischen Werferhochburg Kaunas die Leichtathletikwelt beeindruck. Jetzt steckt der wurfgewaltige Elitesportler mitten im Vorbereitungstraining zum weltweit größten Jahresspitzensportereignis überhaupt: im August, bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Deutschlands Hauptstadt, hat der aus Cottbus stammende Wahlberliner natürlich nur ein Ziel vor Augen: den ganz großen Wurf wagen und im Berliner Olympiastadion vor heimischen Publikum auf den Weltmeisterthron steigen. So, wie sein Vorbild, der litauische Diskustriumphator und zweifache Olympiasieger Virgilijus Alekna (Bestweite 73,88 Meter), will er im Sommer in Spreeathens Nobelarena seine Kontrahenten mit "Mut zur Technik" beherrschen.
"Vor allem hektische Beinarbeit bringt nichts", weiß der Berliner Ausnahmeathlet, "dann werden die Würfe zu kurz, weil du weniger Fliehkraft aufbaust". Dann holt Robert Harting - derzeit mit Abstand Deutschlands bester Diskuswerfer - erneut zum Wurf aus. Auch der 28-igste fliegt weit. Harting lächelt zufrieden. Schließlich weiß er mittlerweile ganz genau, worauf es beim Techniktraining ankommt. "Mehr als 30 bis 40 Würfe pro Training sind nicht drin", erklärt Harting. Wegen der hohen Intensitäten, die bei jedem Abwurf auf den impulsgebenden Muskelschlingen liegen, "mehr Würfe bedeuten Qualitätsverlust". Wie viel Druck bei jeden Abwurf auf die Finger wirkt zeit auch die Tatsache, dass Harting Finger wie Mittelhandknochen mit blauem Tapeverband präpariert hat. Vor jeden Wurf wird der Eisenstab, der an einer Seite über eine leicht geriffelte Oberfläche verfügt, zunächst mit Haftspay eingesprüht. "Der Anpressdruck ist dann so hoch, dass dir bei Würfen ohne Schutzpflaster ein ganzer Hornhautballen abreißen kann", so der Vizeweltmeister. Doch trotz der Schutzpolster, kleine Hautblessuren gibt es immer, wie Hartings Handinnenflächen signalisieren.

Seit November 2008 im WM-Vorbereitungstraining
Gut anderthalb Monate Pause vom Hochleistungssport hat sich Harting nach seinem Wettkampfabschluss am Ende September letzten Jahres gegönnt. Dann hieß es wieder sieben bis zwölf Trainingseinheiten pro Woche fahren. Über den ersten Muskelkater nach einer halben Stunde Radfahren und etwas Kraftarbeit beim damaligen Auftakttraining, verliert Harting jetzt nur noch ein müdes Lächeln. Längst steckt Deutschlands Diskusmedaillenhoffnung wieder voll im Saft. "Die zwei Wochen Kienbaum sind gut angeschlagen", verrät er. Denn erst seit gut einer Woche trainiert Harting wieder im Berliner Olympiastützpunkt in Hohenschönhausen, immer mit dabei sein Trainer Goldmann, Bruder Christoph und die deutsche Diskushoffnung Julia Fischer. "Die zwei Wochen Trainingslager am Bundesstützpunkt waren hart und idyllisch zugleich". So habe er im abgeschiedenen Kienbaum an die 80 Tonnen an Gewicht gestemmt - oft in Form von Maximalkrafttraining.
Saisonstart mit guten Kraftwerten im Mai
Den beim ostbrandenburgischen Tapetenwechsel erzielen Kraftzuwachs plant Harting langfristig in Weite umzusetzen: "Ich fühle mich besser als 2007 und etwas schlechter als 2008. Das ist eine gute Grundlage", schätzt er seine derzeitige Form mit verschmitztem Lächeln auf den Lippen ein. Im Setzen immer neuer Reize liege die Kunst zum Erfolg im Diskuswurf, deren Geheimnis in der Kombination einer hochkomplexen Ganzkörperrotation - der anderthalbfachen Drehung mit dem daraus resultierenden Kreiseleffekt - und einer optimalen Wurfparabel, die dem linsenförmigen Diskus eine aerodynamisch günstige ballistische Flugbahn verschaffen soll, liegt. So hat er kürzlich ganz speziell seinen "Musculus pectoralis major" - den großen Brustmuskel trainiert, der vor allem für die wurfspezifischen Armzugbewegung nach innen und vorne verantwortlich ist. "Mehr Druck von unten", "bleib in der Achse" oder "dynamischer das Andrehen, Julia", immer wieder korrigiert Goldmann minutiös jeden einzelnen Trainingswurf der kleinen Trainingsgruppe um Harting, von dem Goldmann sagt: "Robert ist ein absoluter Brecher. Er kann sich ernorm mobilisieren und im entscheidenden Moment extreme Kraft aufbauen. Dies gepaart mit der richtigen Gefühlsdosis, ist die gesunde Erfolgsmischung". Seine sportlichen Pluspunkte hat der deutsche Ausnahmediskuswerfer bisher noch nicht ausgespielt.
Und auch von den derzeit geworfen Weiten der Konkurrenz zeigt sich Harting weitgehend unbeeindruckt. "Klar habe ich den ersten Fastsiebzigmeterwurf und einige der gerade erzielten vierundsechziger Weiten registriert". Doch von dem frühen "Feuerspucken" lasse er sich in seiner WM-Vorbereitung nicht irritieren. Damit spielt Harting auf die Mitte März von der Esten Gerd Kanter erzielt Weite über 69,70 Meter an. "Ich konzentriere mich ganz auf meinen Auftritt in Berlin". So will Harting "ganz bewusst" nicht auf eilfertige Erfolge bauen und hat seinen Saisoneinstieg entsprechend spät geplant: "Ich werfe am 16. Mai beim Meeting in Wiesbaden", sagt er mit innerer Gelassenheit in der Stimme.
"Die Bundeswehr ist für die Spitzenleichtathletik Deutschlands wichtigstes Bindeglied"
Damit Harting Tag für Tag seine harten Einheiten ohne zeitliche Einschränkungen und soziale Einbußen durchführen kann, baut er auf einen starken Partner, der bei Militäroperationen transkontinental unter der Symbolik des Eisernen Kreuzes firmiert: seit Oktober 2006 ist Robert Harting Soldat der Bundeswehr - allerdings im Sonderstatus "Sportsoldat". So gab es für LeichtathletikDeutschlands prominentesten Stabsgefreiten wegen seiner sportlichen Erfolge beim Sportlerempfang von Verteidigungsminister Franz-Josef Jung auch schon ein anerkennendes Händeschütteln. Für Topathlet Harting, als Heeresuniformträger personell beim streitkräftegemeinsamen Organisationsbereich Streitkräftebasis geführt, "ist die Bundeswehr für die Spitzenleichtathletik Deutschlands wichtigstes Bindeglied".
"Weil die Nachwuchsförderung in Deutschland ansonsten schlecht organisiert ist", sagt er. So beabsichtigt Harting das seit 1962 existierende Bundeswehr-Sportförderprogramm, das er als optimal bezeichnet, auch weiter auszuschöpfen. "Ich werde verlängern und mich zum Feldwebel ausbilden lassen", so seine Planung. Auch deshalb sei Bundeswehr eine dopingfreie Zone und nicht nur wegen der rund 20 Dopingkontrollen, "ein so gutes Trainingsumfeld würde sich jeder intelligente Sportler durch die Einnahme verbotener Substanzen nicht zerstören wollen". Das zusätzliche Ablegen von speziell sportlercodierten Eidesformeln, die auf ein dopingfreies Fair-Play-Training abzielen, ist für Harting "Schwachsinn". Schon wegen der unangekündigten, flächendeckenden Dopingkontrollen in der Leichtathletik, solle man wieder Lernen zu glauben, dass der Sportler drogenfrei ist, besonders wenn er Sportsoldat sei, die wäre wie ein Gütesiegel für sauberen Sport.
Sportfördergruppe Berlin - ein Superteam
Shakehands gab es für den sportlich hoch dekorierten Mannschaftsdienstgrad kürzlich auch von anderer Seite. Da tauchten mit Roland Saar und Walter Hattinger zwei "gestandene Feldwebeldienstgrade" im OSP auf - rein offiziell, zur Dienstaufsicht. Denn offiziell heißt das Motto für Sportfördersoldaten: 30 Prozent Marschieren und 70 Prozent Trainieren. "Das ist bei Roberts Vorbereitung auf die WM aber völlig illusorisch, der braucht jetzt alle Zeit der Welt für seine Medaillenpläne", sagt Oberstabsfeldwebel Hettinger, Leiter der Sportfördergruppe Berlin verständnisvoll. So laute sein Berliner Motto auch: "Erfolg braucht ein eingespieltes Team und Spitzenleistung erfordert Spitzenbetreuung."
Den "Oberstaber", wie ihn Harting mit herzlicher Tonlage anspricht, schätzt der Sportsoldat vor allem, weil sein Chef kein trockener, uniformierter Funktionärstyp ist, dessen Hüftgold einen Schwimmring in den Uniformstoff beult. Hettinger, dem man die 50 Lenze kaum ansieht, kommt von der Fallschirmjägertruppe und ist noch immer fit wie ein Turnschuh - absolviert als Vollblutsportler und Leichtathletikfan regelmäßig Langstrecken- und Marathonläufe. Und der 44-jährige Stabsfeldwebel Saar, Hettingers Stellvertreter, der den Diskus schon mal auf beachtliche 41 Meter schleuderte, war noch vor zehn Jahren saarländischer Mehrkampf-Seniorenmeister. Das besondere Verständnis für die Lebenssituation von Spitzensportlern sei es, warum die Berliner Sportfördergruppe ein Superteam sei, findet Harting.
Im SCC-Berlin gut integriert Seit 2001, als Robert Harting Vize-Jugendweltmeister, in Folge mehrfacher Deutscher Jugendmeister und 2006 U23-Europameister wurde wurde, habe er einen enormen Reifeprozess durchlebt, urteilt Harting aus heutiger Sicht über sich selbst. "Mit meinen damaligen Erfolgen war ich überfordert", sagt er, der von seiner Umwelt damals oft als emotional übermäßig gereizt und in seinem öffentlichen Auftritten häufig als provokant wahrgenommen wurde. Dies war vor allem in der Phase, als er von der Jugend- in die Männerkonkurrenz wechselte. Seither habe er einen inneren Wandel vollzogen, den er vor allem seiner guten sportlichen Integration ins "Team Berlin" des Berliner Leichtathletik-Verbands sowie dem Wechsel zum Sportclub Charlottenburg (SCC) verdanke. Unter der Symbolik des "Schwarzen C" verspüre er nun "einen bisher nie gekannten Wohlfühlfaktor" und "ein Superzusammenspiel" was die sportliche Unterstützung angehe. "Der SCC-Präsident ist ein Mensch, der den Athleten aus dem Herz spricht", so Hartiging über Klaus Henk, den er als Autorität schätze.
![]() Die Weite stimmt: Vizeweltmeister Harting kontrolliert beim Training penibel seine Stabwurfweiten. | ![]() Sind das Harting-Team: Stabsfeldwebel Roland Saar, Diskus-Trainer Werner Goldmann und Oberstabsfeldwebel Walter Hettinger. |
Von Richthofen-Straatmann: "Harting ist ein Leichtathletik-Aushängeschild"
Seelische Ausgeglichenheit und distanzierte Sichtweisen resultierten auch aus vielen langen Gesprächen mit Reinhardt von Richthofen-Straatmann, dem Präsidenten des Berliner LeichtathletikVerbandes. Der verzeichnet bei Berlins Gipfelstürmer unter der weltweiten Diskuselite eine ausgesprochen positive Entwicklung und bilanziert die letzten drei Jahre: "Robert ist ein guter Typ für Berlin und mittlerweile ein deutsches Leichtathletik-Aushängeschild mit internationaler Reputation". "Wenn Robert im Sommer in Berlin mit entfesselter Wurfkraft in den Ring steigt, ist Gold eine absolut realistische Größe", so der Berliner Verbandschef.
Was bildlich gesprochen zu verstehen ist: auf seiner Homepage - www.derharting.de - zeigt der Berliner WM-Medaillenaspirant seine muskulär gut verteilten Proportionen martialisch in schier unsprengbare, eiserne Kettenglieder gehüllt, was naturgemäß Journalistenfragen nach dem tieferen Sinn der Kollage geradezu heraufbeschwört. "Die Message der Symbolik soll deutlich machen in welchen sportlichem Dilemma wir Diskuswerfer stecken", so Harting. So müsse der Diskuswerfer sportlich viele Gegensätze in sich vereinen: muskulös von robuster Statur sein, gleichzeitig seine Feinmotorik in den 1,5 Sekunden den Drehmomenten der Abwurfphase optimal ausspielen und über hohe Explosivkraft verfügen, um dem Diskus Anstellwinkel, Druck und Geschwindigkeit auf seiner Flugbahn zu geben. Gewissermaßen "gordische Ketten", die der Athlet mit nur entfesselter Wurfkraft überwinden kann. Laut eigenem HomepageWM-Countdown bleiben Robert Harting noch einige Tage und Stunden als Vorbreitungszeit für seinen persönlichen WM-Fahrplan. Dann steht der Hauptstadthüne erstmals in Berlins blauem Oval des im vorigen Jahrhundert olympiagetauften 2,5 Meter-Wurfkreises, um in Richtung Gold auszuholen.
Volker Schubert




