„Meinen deutschen Sportlern gehört mein Herz“. Die Kamera schwenkt über die Schwimmhalle der Bundeswehr-Sportschule Warendorf. Sie fängt Bilder einer optimalen Wettkampfstätte ein, die am 20. und 21. November zum Domizil für Rettungsschwimmer/-innen aus 16 Landesverbänden und 17 Nationen dreier Kontinente war.

„Es ist schon komisch.“ Anne Lühn denkt dauernd daran, dass der 19. Deutschlandpokal in der Bw-Sportschule ihr letzter sein wird. „Dieses Jahr fühle ich mich so, wie bei meinem letzten Pokal als aktive Schwimmerin. Seitdem ich aufgehört habe, wurde immer in Hightech-Anzügen geschwommen. Heute ist es das erste Mal, dass sie verboten sind. Es ist wie damals zu meiner Zeit.“
Von 1993 bis 2000 war Anne Lühn selbst Athletin der Deutschen Nationalmannschaft im Rettungsschwimmen, konnte sich Welt- und Europameisterin nennen. Nach ihrem Abschied vor neun Jahren blieb sie der Deutschen LebensRettungs-Gesellschaft (DLRG) noch als Organisatorin von Großveranstaltungen erhalten, bevor sie 2003 zur Bundestrainerin ernannt wurde. Die Sportschule Warendorf, von der sie nur schwärmt, wurde ihr zweites Zuhause. Hier trainierte sie über Jahre zwei bis vier Sportsoldaten und koordinierte das Training ihrer übrigen Kadermitglieder. Lühn: „Meine Sportler und die optimalen Rahmenbedingungen, die ich in der Sportschule Warendorf für sie hatte, das wird mir alles sehr fehlen.“ Ab 2010 will sie sich beruflich umorientieren, in einer privaten Schwimmschule Kindern das Schwimmen beibringen, anstatt etablierten Schwimmern und Schwimmerinnen Höchstleistung abzuverlangen.
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Aline Hundt (22) und Stefanie Schoder (24) sind langjährige Leistungsträger, waren Sportsoldatinnen unter Lühn und kennen die Frau an der nationalen Spitze gut. Schoder: „Seit Anne Bundestrainerin ist, haben Aline und ich sie begleitet. Zudem waren wir zwei Jahre mit ihr bei der Bundeswehr und haben wahrscheinlich daher ein freundschaftliches Verhältnis miteinander aufgebaut.“ Aline Hundt lacht als man sie fragt, was das besondere Verhältnis zwischen Anne Lühn und ihren Athleten ausmache. „Man konnte sich mal anzicken, und dann war nach fünf Minuten alles wieder gut.“ Stefanie Schoder ergänzt: „Wenn man Probleme hatte, ob sportliche oder nicht, man konnte immer zu Anne kommen.“ Eine sympathische Trainerin und erfolgreich dazu: Europameister mit der Mannschaft bei der Heim-EM 2005, Platz drei bei der EM 2007 in Spanien, Viertplazierte bei der Heim-WM 2008 und Dritte bei den Worldgames 2005 sowie Rang fünf 2009.
Wie in der Vergangenheit sieht es beim Deutschlandpokal 2009 nach dem ersten Wettkampftag gut aus, auch wenn der Gesamtsieg noch auf der Kippe steht: „Es wird eng.“, prognostiziert Lühn am Morgen des zweiten Wettkampftages, besonders die Australier zerren an der Titelverteidigung der Deutschen. Am Eröffnungsabend im historischen Rathaus Warendorf hatte DLRG Präsident Dr. Klaus Wilkens noch mit einem Blick in die Reihen des Kaders gesagt: „Ein Sieg zum Abschluss, das wäre doch das richtige Geschenk.“ Eine Last auf den Schultern der deutschen Rettungsschwimmer und Rettungsschwimmerinnen, die sie bis zur Sieger ehrung am Samstagabend tragen sollten. Erst dort würde der Deutschlandpokal vergeben und ihnen die Last genommen werden, ob sie es schaffen würden oder nicht.

Somit sollte der zweite Wettkampftag für Bundestrainerin Lühn und ihre Sportler noch einmal zur Zerreißprobe werden. Die Athleten zeigten fortwährend starke Rennen, doch die Konkurrenz ließ sich nicht so einfach abschütteln. „Die Schwimmer sind platt von der Saison,“ erklärt Lühn. Wie es in ihrer Gefühlswelt aussieht, lässt sie außen vor – bis die Mittagspause am zweiten Wettkampftag vorüber ist. „Anne Lühn, Thomas Zachert und die deutschen Kaderathleten zur gegenüberliegenden Beckenseite, bitte.“, eine Lautsprecherdurchsage tönt durch die Halle und lockt die Bundestrainerin aus der Reserve. Eingereiht in eine Menschenschlange aus 40 Kaderathleten soll sie sich dem internationalen Publikum präsentieren. Tränen kann sie jetzt nicht mehr zurückhalten. Die Hallensprecher und ehemaligen Kaderathleten Sören Borch und Ralf Blumenthal bedanken sich zunächst bei Thomas Zachert, dem Freigewässer-Coach, und kommen dann zu ihr. Mit einer Laudatio in deutscher und englischer Sprache und der Übergabe eines Geschenks, Blumen und eines Bilderrahmens voll Erinnerungen bedanken sich die deutschen Leistungsschwimmer bei Anne Lühn für ihr Engagement. Das Publikum steht von seinen Plätzen auf und applaudiert der scheidenden Bundestrainerin.
Es ist nach 20 Uhr, als zahlreiche Fotokameras Bilder im geschmückten Raum des Warendorfer Kolpinghauses aufnehmen. Mehrere Siegerehrungen stehen am Festabend an, darunter auch die der 4x50m Gurtretterstaffel, eine Disziplin, die die Deutschen Rettungsschwimmer/-innen bei Damen und Herren vor Kontrahent Australien gewannen. Die Aufholjagd hatte zu dem Zeitpunkt begonnen und wurde von Jessica Luster (Gold) und Christoph Ertel (ehem. Sportsoldat, Bronze) in der letzten, der Königsdisziplin, 200m Super Lifesaver, fortgesetzt. Nun sollten sie dafür geehrt werden.

Das Bild fängt fröhliche Athletengesichter ein. Neben diesen ist das gefestigte Gesicht von Anne Lühn zu sehen, für Tränen hat die Organisatorin keine Zeit, sie ist für den perfekten Abend verantwortlich. Was in ihrem Kopf abläuft, weiß niemand außer ihr selbst. „Place three, Surf Lifesaving Australia…Place two…Royal Life Saving Australia“, in Australien gibt es zwei anerkannte Verbände, die an den Start gehen dürfen. Aline Hundt springt schon vor der Verkündung des Deutschlandpokalsiegers auf uns ab. Sie haben es geschafft. Die Damen und Herren aus Deutschland – sie sind zum dritten Mal in Folge, mit einem zweiten Platz (2004) bereits zum sechsten Mal seit der Jahrtausendwende Deutschlandpokalsieger. Hundt zieht Trainerin Lühn mit auf das Podest. Ein gelungener Abschied, den Anne Lühn nicht besser hätte haben können: „Als Trainerin aber auch als Sportlerin war der Deutschlandpokal immer etwas besonderes für mich und deshalb ist es schön, dass dieser mein Abschlusswettkampf ist.“ Und dann sagt sie das, was ihre Trainermentalität immer ausgezeichnet hat: „Meinen deutschen Sportlern gehört mein Herz.“ Eine Liebeserklärung die sich in den Köpfen der deutschen Schwimmer einprägen wird und sicher nicht einseitig ist.
Text: Silke Keul
Fotos: DLRG, Michael Siepmann und Juergen Wohlgemuth




