Die Liste der Erfolge ist lang bei Kugelstoßer Ralf Bartels: Fünffacher Deutscher Meister von 2002 bis 2006, Olympia-Achter 2004. Im Jahr darauf wurde er Dritter bei den Weltmeisterschaften in Helsinki. Jetzt setzte der Oberbootsmann und Bundeswehrsportler bei der Leichtathletik-Europa-Meisterschaft noch eins oben drauf.
Mit einem perfekten Stoß von 21,13m erkämpfte er sich in Göteborg die Goldmedaille und damit seinen ersten, großen internationalen Sieg. Kämpfen bis zum letzten Stoß. "Ich wusste, dass ich noch einen drauflegen kann", sagt der 28-jährige Neubrandenburger. "Aber dass es dann so weit wird, das ist auch ein bisschen Glückssache und natürlich auch das Adrenalin aus dem Wettkampf." Nur zwei Zentimeter weiter als sein Gegner, Ex-Weltmeister Andrej Michnewitsch, stieß Bartels die 16 Pfund schwere Kugel. Und das beim letzten Durchgang. Die Szene erinnert an Helsinki 2005. Beinahe den gesamten Wettkampf über wollte es dem Marinesoldaten nicht gelingen, seine wahre Stärke unter Beweis zu stellen. Ein schwacher erster Durchgang, ein ungültiger Versuch - der Platz auf dem Treppchen schien aussichtslos. In Göteborg hatte er 33 Zentimeter Rückstand auf den bis dahin Drittplatzierten Rutger Smith aus den Niederlanden. Aber "ein Wettkampf ist erst dann zu Ende, wenn Ralf seinen letzten Stoß gemacht hat", so sein Trainer Gerald Bergmann. Das wissen nun auch seine Gegner.
Ein Ausnahmesportler
Lange Zeit wurde Bartels von vielen nur belächelt. Die Fachzeitschrift Leichtathletik sah in dem 125kg-Mann mehr einen Teddybär, denn einen Grizzly. Der Kugelstoßer aber ließ sich nicht beirren, blieb konstant auf Kurs - und überwand selbst die große Enttäuschung bei der diesjährigen Hallen-Weltmeisterschaft in Moskau. Hier schied Bartels bereits in der Qualifikation aus. Die Trainingsmethoden änderten sich aufgrund dieser Niederlage nicht. "Moskau ist einfach eine Sache, die ist passiert. Das ist kein Grund, sofort etwas im Training zu ändern." Eine Einschätzung, mit der Bartels goldrichtig liegt. Als Qualifikationsbester mit einem Stoß von 20,58m konnte der Athlet in Göteborg selbstsicher in den Europameisterschafts-Wettkampf eintreten. "Ich habe nie gezweifelt", sagt er. Und Ralf Bartels schlug zu. Genau dann, als es keiner mehr erwartet hatte. Ein Ausnahmesportler? Keine Frage. Selbst Regen ist für ihn kein Problem. "Umso schlechter das Wetter, desto besser für mich." In seiner Technik sieht Bartels dabei den größten Vorteil: "Die Angleittechnik ist bei Nässe sicherer, als die Drehstoßtechnik", sagt er.
Nicht nur Technik ist ausschlaggebend...
Ihr Erfinder, der US-amerikanische Leichtathlet Perry O'Brien, ist für Ralf Bartels der bedeutendste Kugelstoßer aller Zeiten. "Er hat mit seiner Angleittechnik das Kugelstoßen salonfähig gemacht." Technik allein führt aber noch lange nicht zum großen Sieg. Aus diesem Grund trainiert der Zeitsoldat auch Kraft und Schnelligkeit. Fünf bis sechs Stunden am Tag. Doch es zahlt sich aus. Beim Cooper-Test legt Bartels 2500m in zwölf Minuten zurück. Eine bemerkenswerte Leistung für einen Mann von seinem Kaliber. Aber so ist der gebürtige Stavenhagener. Immer nach vorn und immer bis zum Schluss. Vor allem im Sport. Dieser ist schon seit langem wichtiger Bestandteil seines Lebens. Begonnen hat seine sportliche Laufbahn mit Handball. "Dass ich dann zum Kugelstoßen kam, war mehr Zufall, als Absicht", sagt Ralf Bartels. "Meine beiden älteren Brüder waren bereits bei der Leichtathletik. Irgendwann fing ich einfach auch damit an." Bereits 1996 wurde er Junioren- Weltmeister. Nur fünf Jahre später qualifizierte er sich unverhofft für die Weltmeisterschaft der Männerklasse in Edmonton/Kanada. Ein Leben ohne Sport erscheint daher so gut wie unmöglich für den Bundeswehrsportler der Sportfördergruppe Rostock. Der Faktor Spaß ist für Bartels dabei allerdings sehr wichtig. Und "solange ich diesen Spaß am Sport verspüre, solange mache ich weiter", sagt er.

Bundeswehrsportler Ralf Bartels der Sportfördergruppe
Rostock an seinem Arbeitsplatz.
...sondern auch Erholung
Regeneration ist aber auch für einen frischgekürten Europameister von größter Wichtigkeit. Ralf Bartels nutzt dafür vor allem seine Hobbys Computer spielen und Musik hören. Besuche in der Sauna und beim Physiotherapeuten stehen ebenfalls auf dem Programm. Und dann gibt es ja noch den Dienst bei der Bundeswehr. Eine leidige Pflicht stellt dieser für den Oberbootsmann aber nicht dar. Im Gegenteil. Seit 1998 bei der Bundeswehr, antwortet Bartels auf die Frage nach seinen beruflichen Zielen: "Ich möchte Berufssoldat werden." Sein Ziel für den Weltcup in Athen am 16. und 17.September äußert der starke Mann hingegen etwas zaghafter: "Natürlich möchte ich meine Leistung aus Göteborg bestätigen. Es geht mir aber nicht großartig darum, zu gewinnen. Man weiß schließlich nie, wie gut sich die anderen Teilnehmer vorbereiten."
Und da die Wettkämpfe im Olympia- Stadion stattfinden, lässt sich leider auch nicht auf regnerisches Ralf Bartels- Wetter hoffen. Trotz dessen darf man gespannt sein. Denn Nervenkitzel ist bei Ralf Bartels vorprogrammiert - vor allem beim letzten Stoß.
Monika Spryhs


