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Es ist das berühmteste Stück Schweiz der Welt. Außerdem ist es ein Berg, den die einen Bergsteiger zu belächeln pflegen und von dem die anderen reihenweise herunterfallen. Eine Überlebensübung am Matterhorn. Es ist morgens, was weiß ich, wahrscheinlich kurz nach sieben, Kaffee (ich Süchtiger) ist ersatzlos gestrichen, die Gnade von Schlaf wurde mir seit ein paar Stunden nicht mehr zuteil. Aber ich bin so hellwach, als hätte mir jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf geschüttet. |
Die Walliser Alpen um diese Tageszeit, das ist ein Hodler-Gemälde. Von hier oben aus auf fast 4.000 Metern hätte man eine erstaunliche Sicht der Dinge. Nur leider fehlt mir im Moment die Muße und Zeit, um die Erhabenheit der Natur richtig zu würdigen und zu bestaunen zu können. Bin ständig am hoch-steigen oder am sichern.
Mein Herz rüttelt an meinen Rippen wie ein wild gewordenes Tier. Meine Hände sind gerade dabei, sich in etwas zu verwandeln, was mehr Ähnlichkeit mit Holz als mit menschlichem Gewebe hat. Ich schätze, es dauert höchstens noch zwei Minuten bis sie völlig steif geworden sind. Der Krampf hat bereits alle, außer den kleinen Fingern, in seine Gewalt gebracht. Und auch meine Beine machen eine beängstigende Entwicklung durch. Seit der Solvayhütte kein Foto mehr gemacht, was sehr ungewöhnlich für mich ist.

1000 Meter runter
Vor allem das linke. Was ist denn mit dem los? Das Knie bewegt sich auf und ab wie die Nadel einer Nähmaschine. Tun lässt sich dagegen gar nichts. Und es ist vor allem nicht vorteilhaft zu lange auf das zitternde Knie hinunterzustarren. Denn so lässt sich die unangenehme Tatsache noch schlechter verdrängen, dass es unter dem zitternden Knie 1.000 Meter sehr, sehr steil nach unten geht. Bisher hab ich eigentlich immer angenommen, ich sei schwindelfrei. Jetzt bin ich nicht mehr so ganz sicher.
Schreien tun die, die stürzen, selten. Die Überraschung ist im ersten Moment größer als der Schreck.
Ich klammere mich an eine Felsrippe. Meine Kraft scheint zu schwinden und der Puls ist am Anschlag. – Schnell- Handlungsbedarf ist offensichtlich. Den linken oder den rechten Fuß bewegen? Die rechte oder die linke Hand? Aber wohin?! Rauf? Runter? Aber vor allem: Wie? Oder ist es nicht doch das Beste, alles so zu lassen, wie es ist? Zumindest bis dieses verdammte Bein nicht mehr so zittert? Das Matterhorn ein Spaziergang?! Ha! Dann rutscht mein Fuß ins Leere.
Was hat der Hüttenwart gestern Mittag gesagt? 95 Prozent von allen, die vom Matterhorn stürzen, verlieren das Bewusstsein bereits beim ersten Aufprall. Na, wenigstens das.
Nirgendwo mehr Tote
Das Matterhorn ist der Berg, den die einen Bergsteiger belächeln und von dem die anderen reihenweise runterfallen. Seit der Erstbesteigung im Sommer 1865 hat das «Horu» 550 Menschen umgebracht. Mehr Tote wurden bisher noch an keinem Berg der Welt gezählt.
Schon die Erstbesteiger, angeführt von Edward Whymper, einem jungen Graveur aus London, kamen nicht vollzählig wieder lebend runter. Am Anfang waren sie sieben, am Schluss noch drei. Rauf kamen die Engländer überraschend leicht. Oben auf dem Gipfel warfen sie triumphierend Steine auf die Italiener. Die hatten es am gleichen Tag von der anderen Seite her versucht. Sie wurden um ein paar Stunden geschlagen. Doch die Siegerlaune verging Whymper und seinen Leuten rasch.
Beim Abstieg rutschte ein Mann namens Douglas Hadow aus und riss drei weitere mit sich in die Tiefe, wo ein schneller Tod und langer Nachruhm auf sie wartete. Hadows Schuh ist heute im Matterhorn-Museum zu besichtigen. Eines muss man den Engländern lassen. Mut hatten sie. Der Schuh sieht nicht so aus, als sollte man damit vernünftigerweise etwas Steileres als eine Treppe in Angriff nehmen.
Die Erstbesteigung war symptomatisch dafür, wie es weiterging. Besonders makabre Verhältnisse herrschten am Matterhorn in den siebziger und den achtziger Jahren. Damals gab es schon mal 20 Tote in einem Sommer, an den vielleicht 30 Tagen, an denen der Berg überhaupt gut bestiegen werden kann. Seit dem ist es zwar besser geworden, doch auch heute noch bleibt das «Horu», auch auf der einfachsten Route über den Hörnligrat, eine erstaunlich mörderische Tour.
Statistisch gesehen sollte jeder 200. vorher besser sein Testament aufsetzen. Eine Besteigung des Matterhorns ist so lebensgefährlicher wie vier Monate lang als deutscher Soldat in Afghanistan zu dienen, was ich ja auch schon gemacht und überlebt habe. Das Matterhorn ist nicht nur das berühmteste Stück Schweiz, es ist auch der Ort, wo in der Schweiz schon mehr Menschen einen gewaltsamen Tod gestorben sind, als irgendwo sonst.

„Alles o. k.?“
Aber nicht ich! Mein Fuß kommt überraschenderweise nicht erst in meinem Grab, sondern bereits zehn Zentimeter weiter unten wieder zum Stehen. Wie sich herausstellt, auf einem Haken, den ich vorher übersehen hatte. Von oben kommt eine Stimme. «Alles o. k.?» «Alles o. k.», sage ich in der größtmöglichen Ruhe, die ich im Moment aufzubringen imstande bin.
Eine Minute später stehe ich fünf Meter weiter oben neben Jörn Heller, meinem Freund aus Freiburg mit dem ich schon das Triangel an du Takul (Mont Blanc) ein anderes Kaliber geklettert bin. Am Horizont geht gerade die Sonne auf. Was ein verzauberter Moment ist. Bei solchen Stimmungen werden „Naturreligionen“ geboren. Jörn schaut wie immer zuversichtlicher als ein Enzian. - ich dagegen schnaufe wie ein gehetzter Hund.
Mit Erleichterung nehme ich daher zur Kenntnis, dass Jörn meinen Ausrutscher offenbar nicht mitbekommen hat. «Jetzt haben wir die Hälfte», sagt er. Ich versuche nach oben zu blicken, ohne sofort das Gleichgewicht zu verlieren. „Prima, weiter geht’s!“, sage ich. Denken tu ich: „Wenn das so weitergeht, du meine Güte, dann wird das aber hammerhart.“
Aber es geht nicht so weiter. Es wird schlimmer. Seit Stunden (schon bei 3.400m) kommt zur Felswand auch noch Eis und Schnee dazu, und man musste Steigeisen montieren. Auf seiner Homepage: www.Jörn-Heller.de wird Jörn am nächsten Tag schreiben „Winterliche Verhältnisse“. Außerdem ist es so kalt durch den vielen Schneekontakt, dass man mit Handschuhen klettern muss. Wir befinden uns jetzt anscheinend am unteren Rand der Stelle, die «Dach» genannt wird. Schnell zeigt sich: Klettern mit Steigeisen ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern brutal anstrengend. Immerhin: Man sieht jetzt nicht mehr so genau, wie weit man runterfallen kann.

Als Vorbereitung für eine Besteigung des Matterhorns wird empfohlen, sich möglichst früh in die Höhe zu begeben, was ich mit der Besteigung der Königsspitze 3.858m vor 3 Tagen am 1.08. auch erfolgreich gemacht habe. Vor einem möglichst frühen Eintreffen in der Hörnlihütte ist aber aus meiner Erfahrung jedoch abzuraten. Die Terrasse vor der Hütte fungiert als so etwas wie die Tribüne alpiner Gladiatorenspiele. Dutzende von Feldstechern von Tagestouristen sind an einem schönen Tag hinauf in die Ostwand gerichtet. Und sagt jemand: „Schon etwas heruntergekommen?“, ist in aller Regel nicht von Steinlawinen die Rede.
Außerdem kommt man in der Hörnlihütte schwer an diejenigen vorbei, die an diesem Tag am Matterhorn schon gescheitert sind. Und die Gescheiterten sind nicht diejenigen, die die Gefahr kleinreden würden. Ein Engländer berichtet mit weit aufgerissenen Augen von überhängenden Felsen „over hang“ und bestellt zur Beruhigung noch einmal einen halben Liter Bier.
Für Gipfel-Aspiranten psychologisch wirklich ungünstig ist es, Kurt Lauber über den Weg zu laufen. Er ist der Mann, der weiß, was alles schiefgehen kann, richtig schief. Lauber ist seit 17 Jahren Hüttenwart der Hörnlihütte und seit Ewigkeiten stellvertretender Rettungschef von Zermatt. Hüttenübernachtungspreis 2011 günstige 75 Schweizer Franken ! Umtauschkurs eins zu eins?.

„Sonst: Wusch!“
Es war am Nachmittag Tags davor. Auf dem Herd dampft ein großer Topf Tee. Lauber hat sich hinter dem Tisch in der Küche eingerichtet und erzählt mit der Gelassenheit eines Zenmeisters, auf welche Weise einen das Matterhorn vorzugsweise ins Jenseits befördert. «Das Horu trügt. Es sieht weniger gefährlich aus als andere Berge, wie zum Beispiel der Liskam (war da letztes Jahr). Aber es ist dafür überall gefährlich. Bei jedem Tritt. Und das Zehn Stunden lang. Man muss den Kopf immer bei der Sache haben, sonst: Wusch!» Lauber lässt seine Handfläche auf einer steil abfallenden Bahn durch die Luft sausen.
Tödlich ist am Matterhorn meist nicht der Mangel an Können, tödlich ist die Selbstüberschätzung. Die meisten realisieren die Gefahr zwar spät, aber nicht zu spät. Früher verbrachten regelmäßig ein Dutzend Bergsteiger, die die Kraft verlassen hatte, eine kalte Nacht am Berg. Heute gibt es das Handy. Die Handyanrufe kommen nach fünf, wenn es den Leuten zu dämmern beginnt, dass sie es nicht mehr runterschaffen werden.
Doch alle holt die Air Zermatt auch heute nicht herunter. «Wir kommen nur im Notfall.» Um den Ernst der Lage zu prüfen, hilft meist ein kleiner Ausblick auf die zu erwartenden Kosten der Rettungsaktion. Lauber: «Zuerst jammern alle, dann sagt man ihnen, dass das aber 5.000 Franken kosten kann. Und dann sagen sie: »sie probieren es weiter…
Üblich sind am Matterhorn Zweierseilschaften. Weil es zu lange dauert, sich überall zu sichern, fällt, wer fällt, sehr oft zu zweit. Das ist auch der Grund, warum die Zahl der Toten am Matterhorn meist eine gerade ist. Letzten Sommer waren es acht. Schreien tun die, die stürzen, selten. Die Überraschung ist im ersten Moment größer als der Schreck. Später ist es zum Schreien zu spät.

Wer nicht, wie ein Spanier am Tage zuvor, schon auf den ersten Metern runterfällt und mit mehrfach gebrochenem Arm im Inselspital in Bern landet, der stürzt üblicherweise in die Ostwand. Die Ostwand, das ist Fels und Eis. Sie ist, außer ganz oben nicht senkrecht, sondern um die 50 Grad. Es gab schon Leute, die die Ostwand mit Ski bezwungen haben. Doch wer stürzt, ist in der Regel nicht mehr zu retten.
Schon bei einem Gefälle von 50 Grad ist die Beschleunigung fast so groß, wie im freien Fall. Ein menschlicher Körper beschleunigt in solchem Gelände in drei Sekunden von null auf hundert. Nach einer Sekunde legt er bereits zehn Meter pro Sekunde zurück. Nach fünf Sekunden rast er theoretisch mit über 200 Kilometern pro Stunde in die Tiefe.
In der Praxis ist die Geschwindigkeit hingegen weniger groß. Es gibt Felsen, die im Wege stehen. Wer durch die Ostwand stürzt, schlägt, bis er 1.000 Meter weiter unten auf dem Gletscher angekommen ist, ein Dutzend Mal auf. Dabei wird den Unglücklichen nicht nur der Rucksack und der Helm abgerissen, sondern auch die Kleider. Alle. Sogar die Socken. «Ganz unten sind sie immer nackt», sagt Lauber.
In den allermeisten Fällen fehlen den Verunglückten nach einem Sturz aber nicht nur alle Kleider, sondern auch Gliedmaßen, ein Bein, der Arm, der ganze Unterleib, manchmal auch der Kopf, manchmal alles zusammen. Lauber: «Ich habe schon Ärzte erlebt, die den Anblick nicht ertragen haben.» Aus Rücksicht auf das Rettungspersonal muss man denjenigen also fast schon danken, die nicht nur die Ostwand runterfallen, sondern auch noch gleich in eine Gletscherspalte, um darin auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Im Eis des Gletschers, über den auch eine Skipiste führt, liegen mittlerweile schätzungsweise fünfzig tiefgefrorene Leichen.

Stirbt jemand am Matterhorn, gibt es ein Dutzend Leute, die ihm dabei zusehen. Meistens mehr. Die Ostwand ist nicht nur von der Sonnenterrasse der Hörnlihütte mit ihrer Volksmusik und den Videokameras ausgezeichnet einzusehen. Auch vom Hörnligrat sieht man gut die ganze Ostwand hinunter. Ein Sturz kann bis zu 15 Sekunden dauern. Die Kletterer, die einen Sturz mitverfolgt haben, muss der Helikopter der Air Zermatt nachher in aller Regel auch zusammensammeln. «Ist einer runtergekommen, bewegt sich normalerweise keiner mehr von der Stelle“, sagt Lauber.
Auch für die Retter ist der Aufenthalt am Berg riskant. Am Fuße der Ostwand herrscht höchste Steinschlaggefahr. Auf die Hörnli-Route hat der Klimawandel, abgesehen von einem größeren Felssturz im Hitzesommer 2003, bisher kaum Auswirkungen. Auf die Ost- und Nordwand hingegen schon. In der Nordwand gibt es deutlich weniger Eis, vor allem das Sichern ist schwieriger geworden. Und die Durchsteigung der Ostwand gilt heute wegen des vermehrten Steinschlags, fast schon als Selbstmordkommando.
Was von einem Bergsteiger noch übrig ist, wird von den Rettern daher so schnell wie möglich an eine Winde gehängt und erst bei einem Zwischenstopp in den Leichensack verpackt. Nicht bei der Hütte, sondern auf dem Gletscher, möglichst ohne Zuschauer. Lauber: «Würden wir das hier bei der Hütte tun, ginge nachher garantiert niemand mehr rauf.» Unnötig zu erwähnen, dass die Nacht nach dem Gespräch mit Kurt Lauber eine eher schlaflose war.
Beim zigten Fixseil trifft Kazu die erste Attacke. Kazu ist der japanische Tourist vor bzw. manchmal wieder hinter uns am Seil. «You come up now, or we go down now!», ruft der Bergführer zu ihm herunter. Kazu strampelt mit seinen Steigeisen so verzweifelt auf den Felsen herum, dass die Funken sprühen. Eisstücke prasseln auf uns herab. «Next time you train and not just fly in!», brüllt der Bergführer jetzt noch ein bisschen lauter, eine Aufforderung, die zwar berechtigt ist, aber Kazu im Moment auch nicht viel weiterhilft. Kuzu, climbing, climbing… immer wieder echo mäßig hallt es den Berg her runter.

Eine Art Kampfsport
Sieht aus, als könnte das ein bisschen dauern. Sehr gut, in meinen Fingern macht sich längst wieder der Krampf bemerkbar. Jörn sagt: «Machen wir doch eine kurze Pause.» Habe mich selten mit einem solchen Vorschlag (kommt zu oft von meiner Frau) beim Bergsteigen so einverstanden erklären können.
Das Schlangestehen am Matterhorn ist eine so beliebte Redensart, wie der «Japaner in Turnschuhen». Beides hat mit der Realität wenig zu tun. Eine Art Kampfsport ist eine Matterhorn-Besteigung allenfalls am Anfang, morgens um halb vier, wenn bei bestem Wetter 100 Leute gleichzeitig aus der Hütte stürmen, um als erste in der Wand zu sein. Auf Grund der unsicheren Wetterlage waren es bei uns nicht mal die Hälfte an Gipfelbewerber. Nachher hätte ich gerne an den Schlüsselstellen mehr gewartet – aber wir waren allein, deshalb keine zusätzliche Verschnauf-Pause für mich. Und was die Japaner betrifft, die sind heute besser ausgerüstet als alle. Am Vorabend machen sie vor der Hütte Yoga. Die Stilvollsten sind übrigens – wenig überraschend – die Italiener. Die haben sogar Seile in Armani-Schwarz. Underdogs gibt es noch immer, aber es sind heute andere.
Ganz allgemein nennen Bergführer alle, die sich ohne Führer ans Matterhorn wagen, „Grampi“. Der Ausdruck geht auf das französische «Crampon» zurück, stammt aus der Zeit, als die Bergführer noch auf Nagelschuhe setzten, während sich die Touristen von den geschäftstüchtigen Sportartikelverkäufern schon Steigeisen hatten aufschwatzen lassen. Als Grampi hat man am Matterhorn nicht viel zu melden. Man steht grundsätzlich im Verdacht, sich zu überschätzen, den Weg nicht zu wissen und den Nachsteigenden Steine auf den Kopf regnen zu lassen.

Doch so richtig schlecht ist der Ruf der „Ostler“, der Polen, Slowenen, Tschechen. Zu allen Unzulänglichkeiten, die den Grampini nachgesagt werden, haben die Ostler nämlich noch die Fehler, keine Einsicht für gute Ratschläge und kein Geld zu haben, so dass sie zuerst nicht die Hütte und zum Schluss auch die – in ihrem Fall ja sehr wahrscheinliche – Rettungsaktion nicht bezahlen können.
Die Diskreditierung führerloser Touristen und finanzschwacher Bergfreunde aus Osteuropa mag auch ihre wirtschaftlichen Gründe haben. Es gibt 100 Bergführer alleine in Zermatt. Der Tarif fürs Matterhorn liegt bei 950 Franken. Doch die Statistik gibt den Bergführern recht. Mit Führer ist die Lebenserwartung unvergleichlich höher. Es ist Jahre her, seit ein Bergführer am Matterhorn verunfallt ist. In den letzten Jahren war da schon mal sechs der acht tödlich Verunglückten im letzten Jahr sind anderseits Osteuropäer.
Mit Steigeisen ins Bein
Und dann, es ist kurz vor halb Neun Uhr in der früh, es geht plötzlich nicht mehr weiter. Der Gipfel, 4.478 Meter über dem Meeresspiegel, der siebthöchste Punkt Europas ist erreicht. Was gibt es dort oben? Wenig Platz und eine Statue des heiligen Bernhard mit einem Blitzableiter auf dem Kopf. Es sind minus fünf Grad an einem solch heißen Tag im August, dazu ein Wind, der einem Murmeltier das Fell abziehen könnte. Und dann war es soweit – mein Traum wurde war. Vergessen waren die letzten anstrengenden Stunden - die schönsten 10 Minuten des Tages - oben alleine am Gipfel für mich. Ich blicke zum Nachbarberg Dent d‘Herens 4.177m hinunter, den ich am 20.08.2008 mit meinen Freunden Hebbe und Helmut erfolgreich erklommen hatte. Vor 3 Jahren hatte ich von dort aus das Matterhorn bewundert und der Wunsch war geboren, einmal auf dem „Horu“ zu stehen. Jetzt ist es soweit und ich genieße die Stimmung in vollen Zügen. Doch plötzlich war es mit der Ruhe und Einsamkeit vorbei – japanisch jubelnd sogar schreiend, als Kazu den Gipfel erreichte und sofort sein Mega-Fotoapparat aus dem Rucksack kramt. Verblüfft ging ich schnell aus dem Bild, damit nicht meine Nase in den Fotoalben in Tokio erscheint.

Und was sonst noch so passierte: 30 Minuten unter dem Gipfel und vier Stunden vor der Hütte geht mir schon das Wasser aus. Kazu rasselt beim Abseilen mir seine Steigeisen ins Bein, worauf meine Monturahose jetzt ein Matterhornloch hat. Ich trete mit den Steigeisen aufs schwarze Designer-Seil von zwei Italienern an der Solvayhütte, was gar nicht gut ankommt. Kazu donnert beim Abseilen böse an die Wand. In der Ostwand kommen die ersten Gerölllawinen des Tages runter, was sich anhört wie eine Kegelpartie in der Hölle. Und die Hütte kommt und kommt nicht näher.
Doch dann sagt Kazu plötzlich: «I enjoy!» Und zu meiner eigenen Verwunderung muss ich sagen: Ich eigentlich auch. Leben mag ja manchmal quälend sein - Überleben aber ist super.
Text & Fotos: Hans Beggel
Mein Herz rüttelt an meinen Rippen wie ein wild gewordenes Tier. Meine Hände sind gerade dabei, sich in etwas zu verwandeln, was mehr Ähnlichkeit mit Holz als mit menschlichem Gewebe hat. Ich schätze, es dauert höchstens noch zwei Minuten bis sie völlig steif geworden sind. Der Krampf hat bereits alle, außer den kleinen Fingern, in seine Gewalt gebracht. Und auch meine Beine machen eine beängstigende Entwicklung durch. Seit der Solvayhütte kein Foto mehr gemacht, was sehr ungewöhnlich für mich ist.

1000 Meter runter
Vor allem das linke. Was ist denn mit dem los? Das Knie bewegt sich auf und ab wie die Nadel einer Nähmaschine. Tun lässt sich dagegen gar nichts. Und es ist vor allem nicht vorteilhaft zu lange auf das zitternde Knie hinunterzustarren. Denn so lässt sich die unangenehme Tatsache noch schlechter verdrängen, dass es unter dem zitternden Knie 1.000 Meter sehr, sehr steil nach unten geht. Bisher hab ich eigentlich immer angenommen, ich sei schwindelfrei. Jetzt bin ich nicht mehr so ganz sicher.
Schreien tun die, die stürzen, selten. Die Überraschung ist im ersten Moment größer als der Schreck.
Ich klammere mich an eine Felsrippe. Meine Kraft scheint zu schwinden und der Puls ist am Anschlag. – Schnell- Handlungsbedarf ist offensichtlich. Den linken oder den rechten Fuß bewegen? Die rechte oder die linke Hand? Aber wohin?! Rauf? Runter? Aber vor allem: Wie? Oder ist es nicht doch das Beste, alles so zu lassen, wie es ist? Zumindest bis dieses verdammte Bein nicht mehr so zittert? Das Matterhorn ein Spaziergang?! Ha! Dann rutscht mein Fuß ins Leere.
Was hat der Hüttenwart gestern Mittag gesagt? 95 Prozent von allen, die vom Matterhorn stürzen, verlieren das Bewusstsein bereits beim ersten Aufprall. Na, wenigstens das.
Nirgendwo mehr Tote
Das Matterhorn ist der Berg, den die einen Bergsteiger belächeln und von dem die anderen reihenweise runterfallen. Seit der Erstbesteigung im Sommer 1865 hat das «Horu» 550 Menschen umgebracht. Mehr Tote wurden bisher noch an keinem Berg der Welt gezählt.
Schon die Erstbesteiger, angeführt von Edward Whymper, einem jungen Graveur aus London, kamen nicht vollzählig wieder lebend runter. Am Anfang waren sie sieben, am Schluss noch drei. Rauf kamen die Engländer überraschend leicht. Oben auf dem Gipfel warfen sie triumphierend Steine auf die Italiener. Die hatten es am gleichen Tag von der anderen Seite her versucht. Sie wurden um ein paar Stunden geschlagen. Doch die Siegerlaune verging Whymper und seinen Leuten rasch.
Beim Abstieg rutschte ein Mann namens Douglas Hadow aus und riss drei weitere mit sich in die Tiefe, wo ein schneller Tod und langer Nachruhm auf sie wartete. Hadows Schuh ist heute im Matterhorn-Museum zu besichtigen. Eines muss man den Engländern lassen. Mut hatten sie. Der Schuh sieht nicht so aus, als sollte man damit vernünftigerweise etwas Steileres als eine Treppe in Angriff nehmen.
Die Erstbesteigung war symptomatisch dafür, wie es weiterging. Besonders makabre Verhältnisse herrschten am Matterhorn in den siebziger und den achtziger Jahren. Damals gab es schon mal 20 Tote in einem Sommer, an den vielleicht 30 Tagen, an denen der Berg überhaupt gut bestiegen werden kann. Seit dem ist es zwar besser geworden, doch auch heute noch bleibt das «Horu», auch auf der einfachsten Route über den Hörnligrat, eine erstaunlich mörderische Tour.
Statistisch gesehen sollte jeder 200. vorher besser sein Testament aufsetzen. Eine Besteigung des Matterhorns ist so lebensgefährlicher wie vier Monate lang als deutscher Soldat in Afghanistan zu dienen, was ich ja auch schon gemacht und überlebt habe. Das Matterhorn ist nicht nur das berühmteste Stück Schweiz, es ist auch der Ort, wo in der Schweiz schon mehr Menschen einen gewaltsamen Tod gestorben sind, als irgendwo sonst.

„Alles o. k.?“
Aber nicht ich! Mein Fuß kommt überraschenderweise nicht erst in meinem Grab, sondern bereits zehn Zentimeter weiter unten wieder zum Stehen. Wie sich herausstellt, auf einem Haken, den ich vorher übersehen hatte. Von oben kommt eine Stimme. «Alles o. k.?» «Alles o. k.», sage ich in der größtmöglichen Ruhe, die ich im Moment aufzubringen imstande bin.
Eine Minute später stehe ich fünf Meter weiter oben neben Jörn Heller, meinem Freund aus Freiburg mit dem ich schon das Triangel an du Takul (Mont Blanc) ein anderes Kaliber geklettert bin. Am Horizont geht gerade die Sonne auf. Was ein verzauberter Moment ist. Bei solchen Stimmungen werden „Naturreligionen“ geboren. Jörn schaut wie immer zuversichtlicher als ein Enzian. - ich dagegen schnaufe wie ein gehetzter Hund.
Mit Erleichterung nehme ich daher zur Kenntnis, dass Jörn meinen Ausrutscher offenbar nicht mitbekommen hat. «Jetzt haben wir die Hälfte», sagt er. Ich versuche nach oben zu blicken, ohne sofort das Gleichgewicht zu verlieren. „Prima, weiter geht’s!“, sage ich. Denken tu ich: „Wenn das so weitergeht, du meine Güte, dann wird das aber hammerhart.“
Aber es geht nicht so weiter. Es wird schlimmer. Seit Stunden (schon bei 3.400m) kommt zur Felswand auch noch Eis und Schnee dazu, und man musste Steigeisen montieren. Auf seiner Homepage: www.Jörn-Heller.de wird Jörn am nächsten Tag schreiben „Winterliche Verhältnisse“. Außerdem ist es so kalt durch den vielen Schneekontakt, dass man mit Handschuhen klettern muss. Wir befinden uns jetzt anscheinend am unteren Rand der Stelle, die «Dach» genannt wird. Schnell zeigt sich: Klettern mit Steigeisen ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern brutal anstrengend. Immerhin: Man sieht jetzt nicht mehr so genau, wie weit man runterfallen kann.

Als Vorbereitung für eine Besteigung des Matterhorns wird empfohlen, sich möglichst früh in die Höhe zu begeben, was ich mit der Besteigung der Königsspitze 3.858m vor 3 Tagen am 1.08. auch erfolgreich gemacht habe. Vor einem möglichst frühen Eintreffen in der Hörnlihütte ist aber aus meiner Erfahrung jedoch abzuraten. Die Terrasse vor der Hütte fungiert als so etwas wie die Tribüne alpiner Gladiatorenspiele. Dutzende von Feldstechern von Tagestouristen sind an einem schönen Tag hinauf in die Ostwand gerichtet. Und sagt jemand: „Schon etwas heruntergekommen?“, ist in aller Regel nicht von Steinlawinen die Rede.
Außerdem kommt man in der Hörnlihütte schwer an diejenigen vorbei, die an diesem Tag am Matterhorn schon gescheitert sind. Und die Gescheiterten sind nicht diejenigen, die die Gefahr kleinreden würden. Ein Engländer berichtet mit weit aufgerissenen Augen von überhängenden Felsen „over hang“ und bestellt zur Beruhigung noch einmal einen halben Liter Bier.
Für Gipfel-Aspiranten psychologisch wirklich ungünstig ist es, Kurt Lauber über den Weg zu laufen. Er ist der Mann, der weiß, was alles schiefgehen kann, richtig schief. Lauber ist seit 17 Jahren Hüttenwart der Hörnlihütte und seit Ewigkeiten stellvertretender Rettungschef von Zermatt. Hüttenübernachtungspreis 2011 günstige 75 Schweizer Franken ! Umtauschkurs eins zu eins?.

„Sonst: Wusch!“
Es war am Nachmittag Tags davor. Auf dem Herd dampft ein großer Topf Tee. Lauber hat sich hinter dem Tisch in der Küche eingerichtet und erzählt mit der Gelassenheit eines Zenmeisters, auf welche Weise einen das Matterhorn vorzugsweise ins Jenseits befördert. «Das Horu trügt. Es sieht weniger gefährlich aus als andere Berge, wie zum Beispiel der Liskam (war da letztes Jahr). Aber es ist dafür überall gefährlich. Bei jedem Tritt. Und das Zehn Stunden lang. Man muss den Kopf immer bei der Sache haben, sonst: Wusch!» Lauber lässt seine Handfläche auf einer steil abfallenden Bahn durch die Luft sausen.
Tödlich ist am Matterhorn meist nicht der Mangel an Können, tödlich ist die Selbstüberschätzung. Die meisten realisieren die Gefahr zwar spät, aber nicht zu spät. Früher verbrachten regelmäßig ein Dutzend Bergsteiger, die die Kraft verlassen hatte, eine kalte Nacht am Berg. Heute gibt es das Handy. Die Handyanrufe kommen nach fünf, wenn es den Leuten zu dämmern beginnt, dass sie es nicht mehr runterschaffen werden.
Doch alle holt die Air Zermatt auch heute nicht herunter. «Wir kommen nur im Notfall.» Um den Ernst der Lage zu prüfen, hilft meist ein kleiner Ausblick auf die zu erwartenden Kosten der Rettungsaktion. Lauber: «Zuerst jammern alle, dann sagt man ihnen, dass das aber 5.000 Franken kosten kann. Und dann sagen sie: »sie probieren es weiter…
Üblich sind am Matterhorn Zweierseilschaften. Weil es zu lange dauert, sich überall zu sichern, fällt, wer fällt, sehr oft zu zweit. Das ist auch der Grund, warum die Zahl der Toten am Matterhorn meist eine gerade ist. Letzten Sommer waren es acht. Schreien tun die, die stürzen, selten. Die Überraschung ist im ersten Moment größer als der Schreck. Später ist es zum Schreien zu spät.

Wer nicht, wie ein Spanier am Tage zuvor, schon auf den ersten Metern runterfällt und mit mehrfach gebrochenem Arm im Inselspital in Bern landet, der stürzt üblicherweise in die Ostwand. Die Ostwand, das ist Fels und Eis. Sie ist, außer ganz oben nicht senkrecht, sondern um die 50 Grad. Es gab schon Leute, die die Ostwand mit Ski bezwungen haben. Doch wer stürzt, ist in der Regel nicht mehr zu retten.
Schon bei einem Gefälle von 50 Grad ist die Beschleunigung fast so groß, wie im freien Fall. Ein menschlicher Körper beschleunigt in solchem Gelände in drei Sekunden von null auf hundert. Nach einer Sekunde legt er bereits zehn Meter pro Sekunde zurück. Nach fünf Sekunden rast er theoretisch mit über 200 Kilometern pro Stunde in die Tiefe.
In der Praxis ist die Geschwindigkeit hingegen weniger groß. Es gibt Felsen, die im Wege stehen. Wer durch die Ostwand stürzt, schlägt, bis er 1.000 Meter weiter unten auf dem Gletscher angekommen ist, ein Dutzend Mal auf. Dabei wird den Unglücklichen nicht nur der Rucksack und der Helm abgerissen, sondern auch die Kleider. Alle. Sogar die Socken. «Ganz unten sind sie immer nackt», sagt Lauber.
In den allermeisten Fällen fehlen den Verunglückten nach einem Sturz aber nicht nur alle Kleider, sondern auch Gliedmaßen, ein Bein, der Arm, der ganze Unterleib, manchmal auch der Kopf, manchmal alles zusammen. Lauber: «Ich habe schon Ärzte erlebt, die den Anblick nicht ertragen haben.» Aus Rücksicht auf das Rettungspersonal muss man denjenigen also fast schon danken, die nicht nur die Ostwand runterfallen, sondern auch noch gleich in eine Gletscherspalte, um darin auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Im Eis des Gletschers, über den auch eine Skipiste führt, liegen mittlerweile schätzungsweise fünfzig tiefgefrorene Leichen.

Stirbt jemand am Matterhorn, gibt es ein Dutzend Leute, die ihm dabei zusehen. Meistens mehr. Die Ostwand ist nicht nur von der Sonnenterrasse der Hörnlihütte mit ihrer Volksmusik und den Videokameras ausgezeichnet einzusehen. Auch vom Hörnligrat sieht man gut die ganze Ostwand hinunter. Ein Sturz kann bis zu 15 Sekunden dauern. Die Kletterer, die einen Sturz mitverfolgt haben, muss der Helikopter der Air Zermatt nachher in aller Regel auch zusammensammeln. «Ist einer runtergekommen, bewegt sich normalerweise keiner mehr von der Stelle“, sagt Lauber.
Auch für die Retter ist der Aufenthalt am Berg riskant. Am Fuße der Ostwand herrscht höchste Steinschlaggefahr. Auf die Hörnli-Route hat der Klimawandel, abgesehen von einem größeren Felssturz im Hitzesommer 2003, bisher kaum Auswirkungen. Auf die Ost- und Nordwand hingegen schon. In der Nordwand gibt es deutlich weniger Eis, vor allem das Sichern ist schwieriger geworden. Und die Durchsteigung der Ostwand gilt heute wegen des vermehrten Steinschlags, fast schon als Selbstmordkommando.
Was von einem Bergsteiger noch übrig ist, wird von den Rettern daher so schnell wie möglich an eine Winde gehängt und erst bei einem Zwischenstopp in den Leichensack verpackt. Nicht bei der Hütte, sondern auf dem Gletscher, möglichst ohne Zuschauer. Lauber: «Würden wir das hier bei der Hütte tun, ginge nachher garantiert niemand mehr rauf.» Unnötig zu erwähnen, dass die Nacht nach dem Gespräch mit Kurt Lauber eine eher schlaflose war.
Beim zigten Fixseil trifft Kazu die erste Attacke. Kazu ist der japanische Tourist vor bzw. manchmal wieder hinter uns am Seil. «You come up now, or we go down now!», ruft der Bergführer zu ihm herunter. Kazu strampelt mit seinen Steigeisen so verzweifelt auf den Felsen herum, dass die Funken sprühen. Eisstücke prasseln auf uns herab. «Next time you train and not just fly in!», brüllt der Bergführer jetzt noch ein bisschen lauter, eine Aufforderung, die zwar berechtigt ist, aber Kazu im Moment auch nicht viel weiterhilft. Kuzu, climbing, climbing… immer wieder echo mäßig hallt es den Berg her runter.

Eine Art Kampfsport
Sieht aus, als könnte das ein bisschen dauern. Sehr gut, in meinen Fingern macht sich längst wieder der Krampf bemerkbar. Jörn sagt: «Machen wir doch eine kurze Pause.» Habe mich selten mit einem solchen Vorschlag (kommt zu oft von meiner Frau) beim Bergsteigen so einverstanden erklären können.
Das Schlangestehen am Matterhorn ist eine so beliebte Redensart, wie der «Japaner in Turnschuhen». Beides hat mit der Realität wenig zu tun. Eine Art Kampfsport ist eine Matterhorn-Besteigung allenfalls am Anfang, morgens um halb vier, wenn bei bestem Wetter 100 Leute gleichzeitig aus der Hütte stürmen, um als erste in der Wand zu sein. Auf Grund der unsicheren Wetterlage waren es bei uns nicht mal die Hälfte an Gipfelbewerber. Nachher hätte ich gerne an den Schlüsselstellen mehr gewartet – aber wir waren allein, deshalb keine zusätzliche Verschnauf-Pause für mich. Und was die Japaner betrifft, die sind heute besser ausgerüstet als alle. Am Vorabend machen sie vor der Hütte Yoga. Die Stilvollsten sind übrigens – wenig überraschend – die Italiener. Die haben sogar Seile in Armani-Schwarz. Underdogs gibt es noch immer, aber es sind heute andere.
Ganz allgemein nennen Bergführer alle, die sich ohne Führer ans Matterhorn wagen, „Grampi“. Der Ausdruck geht auf das französische «Crampon» zurück, stammt aus der Zeit, als die Bergführer noch auf Nagelschuhe setzten, während sich die Touristen von den geschäftstüchtigen Sportartikelverkäufern schon Steigeisen hatten aufschwatzen lassen. Als Grampi hat man am Matterhorn nicht viel zu melden. Man steht grundsätzlich im Verdacht, sich zu überschätzen, den Weg nicht zu wissen und den Nachsteigenden Steine auf den Kopf regnen zu lassen.

Doch so richtig schlecht ist der Ruf der „Ostler“, der Polen, Slowenen, Tschechen. Zu allen Unzulänglichkeiten, die den Grampini nachgesagt werden, haben die Ostler nämlich noch die Fehler, keine Einsicht für gute Ratschläge und kein Geld zu haben, so dass sie zuerst nicht die Hütte und zum Schluss auch die – in ihrem Fall ja sehr wahrscheinliche – Rettungsaktion nicht bezahlen können.
Die Diskreditierung führerloser Touristen und finanzschwacher Bergfreunde aus Osteuropa mag auch ihre wirtschaftlichen Gründe haben. Es gibt 100 Bergführer alleine in Zermatt. Der Tarif fürs Matterhorn liegt bei 950 Franken. Doch die Statistik gibt den Bergführern recht. Mit Führer ist die Lebenserwartung unvergleichlich höher. Es ist Jahre her, seit ein Bergführer am Matterhorn verunfallt ist. In den letzten Jahren war da schon mal sechs der acht tödlich Verunglückten im letzten Jahr sind anderseits Osteuropäer.
Mit Steigeisen ins Bein
Und dann, es ist kurz vor halb Neun Uhr in der früh, es geht plötzlich nicht mehr weiter. Der Gipfel, 4.478 Meter über dem Meeresspiegel, der siebthöchste Punkt Europas ist erreicht. Was gibt es dort oben? Wenig Platz und eine Statue des heiligen Bernhard mit einem Blitzableiter auf dem Kopf. Es sind minus fünf Grad an einem solch heißen Tag im August, dazu ein Wind, der einem Murmeltier das Fell abziehen könnte. Und dann war es soweit – mein Traum wurde war. Vergessen waren die letzten anstrengenden Stunden - die schönsten 10 Minuten des Tages - oben alleine am Gipfel für mich. Ich blicke zum Nachbarberg Dent d‘Herens 4.177m hinunter, den ich am 20.08.2008 mit meinen Freunden Hebbe und Helmut erfolgreich erklommen hatte. Vor 3 Jahren hatte ich von dort aus das Matterhorn bewundert und der Wunsch war geboren, einmal auf dem „Horu“ zu stehen. Jetzt ist es soweit und ich genieße die Stimmung in vollen Zügen. Doch plötzlich war es mit der Ruhe und Einsamkeit vorbei – japanisch jubelnd sogar schreiend, als Kazu den Gipfel erreichte und sofort sein Mega-Fotoapparat aus dem Rucksack kramt. Verblüfft ging ich schnell aus dem Bild, damit nicht meine Nase in den Fotoalben in Tokio erscheint.

Und was sonst noch so passierte: 30 Minuten unter dem Gipfel und vier Stunden vor der Hütte geht mir schon das Wasser aus. Kazu rasselt beim Abseilen mir seine Steigeisen ins Bein, worauf meine Monturahose jetzt ein Matterhornloch hat. Ich trete mit den Steigeisen aufs schwarze Designer-Seil von zwei Italienern an der Solvayhütte, was gar nicht gut ankommt. Kazu donnert beim Abseilen böse an die Wand. In der Ostwand kommen die ersten Gerölllawinen des Tages runter, was sich anhört wie eine Kegelpartie in der Hölle. Und die Hütte kommt und kommt nicht näher.
Doch dann sagt Kazu plötzlich: «I enjoy!» Und zu meiner eigenen Verwunderung muss ich sagen: Ich eigentlich auch. Leben mag ja manchmal quälend sein - Überleben aber ist super.
Text & Fotos: Hans Beggel



