Thomas, Zug!" rufe ich, der ich mich im Vorstieg befinde, mit einem kurzen Blick nach unten. Schon strafft sich das Seil über die letzte Expressschlinge hin zu meinem Kletterseil. Knapp 20 m über meinem Partner, der mich sichert, ...

... stehe ich im Fels in einem Klettergarten bei Oberammergau und warte darauf, dass der Standplatz an der Umlenkung von der anderen Seilschaft frei gemacht wird, damit ich mein Kletterseil dort einfädeln kann. Solange heißt es jedoch bei 35 °C die Hände in eine Felsspalte gekrallt und an einem Vorsprung geklammert, die Füße auf schmale Tritte abgestellt und den Körper an dem warmen Stein gepresst warten ...
Doch wie kam es dazu, dass ich hier jetzt schwitzend in schwindelerregender Höhe stehe: Im November eines jeden Jahres wird das Lehrgangsprogramm der Sportlehrer des Wehrkreiskommandos IV für das folgende Jahr veröffentlicht. So geschehen, auch für das Jahr 2006, mit der Besonderheit, dass für heuer ein "Special" angeboten wurde: Der Pilot- oder Modell-Lehrgang "Sportkletterschein (DAV) und Mountainbike" vom 24.07. - 28.07.2006 in Mittenwald.
Mit der Neuausgabe der ZDv 3/10 ist die Möglichkeit gegeben, grundsätzlich auch neue Sportarten in der Truppe zu betreiben, wenn diese Sportart von einem ausge-bildeten Sportausbilder/ Sportausbilderin geleitet und durchgeführt wird. Dieses Ziel sollte mit der Durchführung des angebotenen Kletter- Lehrganges verfolgt werden. Die Teilnahmevoraussetz-ungen waren neben der allgemeinen körperlichen Fitness der Besitz eines Übungsleiterscheins (Zivil oder Bundeswehr) und die Grund-fertigkeiten Knoten und Bunde. Eigene Kletteraus-stattung und Mountainbike waren vom Lehrgangsteil-nehmer mitzuführen.
An die 60 Teilnehmermeldungen gingen beim WBK IV ein und nach dem Motto "First come, first serve" wurden die ersten 18 Anmelder als Teilnehmer auserkoren. Unter der Leitung vom Diplomsport Wissenschaftler Jörg Kunstmann und der Durchführung von Diplomsport Wissenschaftler Andre Jansen und dem Heeresbergführer Stabsfeldwebel Hans-Harald Grandl begann der Lehrgang am 24. Juli 2006 um 11:00 Uhr mit einem Eingangsbriefing.
Nach dem Mittagessen ging es 
dann richtig los: Einweisung in die Klettertechnik und Sicherungsgeräte an praktischen Beispielen in der mit Kletterwänden hervorragend ausgestatteten Sporthalle der Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald.
Am kommenden Morgen stand die Fahrpraxis mit dem Mountainbike auf dem Dienstplan. Aufgeteilt in drei Gruppen wurden wir an den einzelnen Stationen unterwiesen in verschiedene Fahrtechniken, Uphill und Downhill sowie Parcours- und Hindernisfahrten. Nachmittags wurden dann beide Lehrgangsschwerpunkte kombiniert. Auf dem Mountainbike ging es Richtung Scharnitz in einen Klettergarten. Das Klettern im Fels unterscheidet sich extrem vom Hallenklettern. Tritte und Griffe werden erst sichtbar, wenn man im Fels steht. Aber es hat auch jeder die Erfahrung gemacht, dass die scheinbar glatte Felswand fast immer eine Möglichkeit bietet, sich doch festzuhalten bzw. hochzuziehen, und einen sicheren Tritt bereitstellt.
Am Mittwoch wurde das Gelernte im Klettergarten bei Oberammergau vertieft. Immer unter dem Hinweis, keine Routine aufkommen zu lassen. Gegenseitige Sicherheitsüberprüfungen der Partner an den Klettergurten, den Knoten, der Seilendensicherung und dem richtig eingelegten Sicherungsgerät, sowie kurzes Absprechen der zu kletternden Route sind Pflicht. Nach dem schweißtreibenden Vormittag ging es nachmittags bei über 35 °C mit dem Mountainbike durch einen Teil des Karwendel. Ziel war es, die auf 1296 m liegende "Mösleiten Alm" zu erreichen. Den asphaltierten Straßen und Wegen folgten die geschotterten Wirtschaftswege und nach ca. 2 Stunden dauernder Fahrt durch eine für alle Anstrengungen entschädigende Landschaft, war das Etappenziel erreicht. Leib und Seele wurden dort durch die Reize der Berge, der schönen Aussicht und kalten Getränken belohnt. Nach der Rückkehr in die Kaserne zeigten die Messungen über 800 überwundene Höhenmeter an.
Donnerstagvormittag stand ganz im Zeichen der Prüfung. Die Prüflinge mussten sich im Vorfeld entscheiden, ob sie sich im Vorstieg oder Topropeklettern prüfen lassen wollten. Eine Wiederholung war nicht möglich. Nach dem Aufwärmen und Dehnen ging es dann los. Jeder Teilnehmer hatte sich sein persönliches Ziel gesteckt und fast jeder hat es auch erreicht. Der Lehrgang wurde durch eine vormittägliche Mountainbiketour rund um den Walchensee nach 55 km und überwundenen 300 Höhenmeter mit der Ausgabe der DAV- Kletterscheine abgeschlossen.
Von Kiel bis Oberammergau gibt es jetzt 15 Berechtigte mehr, die im Vorstieg oder Toprope in einer entsprechend ausgestatteten Halle den anvertrauten Soldaten das Klettern näher bringen dürfen. Abschließend sei den Ausbildern Dank gezollt, die durch ihr ungemeines Engagement den Modelllehrgang "Sportkletterschein (DAV) und Mountainbike" zu einem Erfolg haben werden lassen. Deren fachliches Wissen gekoppelt mit methodischem Können und der richtigen sozialen Kompetenz haben diese Ausbildung für jeden Teilnehmer trotz aller, zum Teil extremer Anstrengungen zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Und die einhellige Meinung ist, dass es nicht bei einem Modelllehrgang bleiben sollte.
Text: Hptm Matthias Tietje
Fotos: HptFw Matthias Tippelt


