Bundeswehr-Sport-Magazin

Mission Titelverteidigung trotz starker Saison verpasst

Datum: Donnerstag, 05. Januar 2012
Thema: Motorsport


Zehn Rennen im Jahr auf der wohl anspruchsvollsten Rennstrecke der Welt, der Nürburgring Nordschleife, am Start dabei bis zu 200 Fahrzeugen: Das sind die Zutaten der Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring. Hier treffen ambitionierte Hobbyrennfahrer auf Werkspiloten der großen Automobilkonzerne.



Einsamer Saisonauftakt in der unterbesetzten
Klasse SP3 für Mario Merten.


Einer von ihnen ist im Hauptberuf S3-Feldwebel im Streitkräfteunterstützungskommando. Während er unter der Woche für ABC-AbwehrSchutzaufgaben im Dezernat I2 zu  ständig ist, kennen ihn die Motorsportfans als dreifachen Meister und Nürburgringspezialisten. Die Rede ist von Mario Merten. Der gebürtige Nürburger war im Jahr 2010 zusammen mit seinem Teamkollegen Wolf Silvester bereits zum dritten Mal Titelträger der VLN (Veranstaltergemeinschaft Langstreckenmeisterschaft Nürburgring). Langjähriger Partner bei vielen seiner Einsätze auf dem Nürburgring ist das Münsteraner Team Bonk Motorsport. Neben der Betreuung von diversen Rennfahrzeugen in der VLN bieten die Teamchefs Michael und Peter Bonk auch Fahrerlehrgänge zur Erlangung von Rennsportlizenzen an und greifen selbst ins Lenkrad der Boliden.

2011 wollte das Team wieder ein Wörtchen im Kampf um den Meistertitel mitreden. Dazu vertraute man zu Jahres  beginn erneut auf den erfolgreichen Siegerwagen des Vorjahres, den BMW Z4. Doch bereits beim ersten Rennen des Jahres zeigte sich, dass eine Titelverteidigung in der Klasse SP3 (Specials bis 2000ccm Hubraum) nicht möglich sein würde. Für die Saison 2011 wurde die neue Klasse CUP3 geschaffen, in der die zahlreichen Renault Clio an den Start gingen. Durch den Wegfall von gut 20 Konkurrenten war es aufgrund des Punktesystems in der VLN, nach dem die gewonnene Punktzahl von der Anzahl der Starter in einer Klasse abhängt, nicht mehr möglich, in der SP3 genügend Punkte einzufahren. Mit nur einem Gegner beim Sieg im ersten Lauf holten Merten/Silvester 7,5 Punkte und damit mehr als zwei Punkte weniger als die Klassensieger der teilnehmerstärksten Klasse CUP3.

Bei Bonk Motorsport reagierte man auf diese Situation und startete fortan mit einem BMW Z4 in der Klasse V5 (Serienwagen bis 3000 ccm Hubraum) gegen rund 15 Konkurrenten. Bis zum 6h ADAC Ruhr-Pokal-Rennen Ende August konnten Merten und Silvester in fünf Rennen zwei Klassensiege, einen zweiten und zwei dritte Plätze einfahren und regelmäßig punkten. Trotzdem entschied man sich im Kampf um den Titel erneut zu einem Klassenwechsel. Für die letzten drei Saisonrennen setzte Bonk Motorsport auf einen BMW 325i nach Reglement der Klasse V4 (Serienwagen bis 2500 ccm Hubraum). Trotz der drei Klassensiege in den verbleibenden Läufen reichte es am Ende nicht mehr zur erfolgreichen Titelverteidigung. 


Exoten wie der Ferrari P4/5 sorgten
für Abwechslung im Teilnehmerfeld.


Peter Bonk griff auch selbst mit
ins Lenkrad.


Meister der Saison 2011 sind Carsten Knechtges, Manuel Metzger und Tim Scheerbarth. Im BMW Z4 starten sie für das Team Black Falcon und holten insgesamt sieben Klassensiege in der Klasse V5. Für das Team Black Falcon aus Kelberg in der Eifel ist es nach 2008 und 2009 schon der dritte Meistertitel. Daran konnte auch eine Kollision beim Start zum letzten Rennen nichts mehr ändern. In der ersten Kurve wurden die neuen Titelträger von einem Konkurrenten getroffen und verloren bei der Reparatur der gebrochenen Hinterradaufhängung wertvolle Zeit. Durch die zwei Streichresultate - es gehen nur die besten acht Ergebnisse in die Meisterschaftswertung ein – war der Titel jedoch nicht in Gefahr und so konnte sich das Trio nach erfolgter Reparatur noch einmal seinen Fans präsentieren und mit weiteren Runden den Triumph zelebrieren.

Ebenfalls vor Merten und Silvester landeten Dominik Brinkmann und Stephan Epp, die im Renault Clio Cup Zweite in der Jahreswertung wurde. Erst auf Rang drei folgten die Vorjahressieger in der Endabrechnung 2011. Trotz der verpassten Titelverteidigung kann sich Merten über sechs Klassensiege für Bonk Motorsport freuen. Zudem trat er beim 6h ADAC Ruhr-Pokal-Rennen noch in einem BMW M3 GT4 für Dörr Motorsport an und wurde damit Vierter.

Während die Titelentscheidung in den kleineren, teilnehmerstärkeren Klassen noch wirklicher Breitensport ist, gestaltet sich der Kampf um den Tagessieg zu einem immer professionellerem Wettrüsten, wovon in erster Linie die zahlreichen Fans entlang der 24,369 Kilometer langen Kombination aus Nürburgring Kurzanbindung und Nordschleife profitieren. Zu Tausenden strömten sie zu den vier bis sechs Stunden dauernden Rennen, um die Duelle zwischen Marken wie Audi, BMW, Ferrari, Mercedes und Porsche zu sehen. Zwischen die Sportwagen nach FIA GT3 Reglement mischen sich auch immer wieder Exoten wie der Ferrari P4/5 Competizione von der Scuderia Cameron/Glickenhaus. In der Saison 2011 feierten die Amerikaner die Rennpremiere ihres optisch an den historischen Ferrari 330 P4 angelehnten Boliden. Unter dem Carbon-Kleid verbirgt sich die bewährte Technik aus dem Ferrari F430. Auch wenn ein Motorschaden den Start beim letzten Lauf vereitelte, sorgte der schwarze Bolide zu Saisonbeginn für Aufsehen. Für 2012 sind weitere Einsätze und ein erneuter Start beim 24-Stunden-Rennen geplant.


Vor dem Rennen können die Zuschauer bis in die Boxengasse.

Im Kampf um die Tagessiege konnte dieser Ferrari bisher jedoch noch nicht eingreifen. Trotzdem gab es bei der 42. Adenauer ADAC Rundstrecken-Trophy den ersten Sieg eines Ferrari in der Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring. Marco Seefried und Jamie Melo junior siegten beim ersten von zwei 6-Stunden-Rennen auf dem Ferrari F458 des Farnbacher Teams. Ebenfalls mit einem Premierensieg endete auch zwei Wochen später der 53. ADAC ACAS H&R-Cup. Der Porsche 911 GT3 R, den Marco Holzer, Patrick Long und Richard Lietz pilotierten, verfügte über einen Hybrid-Antrieb. Über zwei 75kW starke Elektromotoren kann der Pilot eine Mehrleistung von 32 PS z.B. für Überholmanöver abrufen.  

Neben Porsche sorgte auch der VW-Konzern für einiges Aufsehen. Zum 35. Jubiläum des Golf GTI hatten die Wolfsburger den VW Golf GT 24 für das 24Stunden-Rennen entwickelt. Im Vorfeld des Eifel-Klassikers starteten nicht nur Golf GT 24 für die Truppe von VW Motorsportchef Kris Nissen. Wie bereits in den vergangenen Jahren waren auch die VW Scirocco wieder am Start. Durch Motorsportgrößen wie die ehemaligen Formel-1-Piloten Johnny Herbert und Martin Brundle oder Rallye-Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah wurde der Focus der Öffentlichkeit auf die biogasbefeuerten Scirocco gelenkt.

Über mangelnde Aufmerksamkeit konnte sich auch Audi nicht beschweren. Neben regelmäßigen Einsätzen der Audi R8 LMS erweiterten die Ingolstädter ihr Portfolio für die Rennstrecke um den für Kundensport konzipierten Audi TT RS und demonstrierten im Training zum 6h ADAC Ruhr-Pokal-Rennen gleich die Stärken dieses Konzepts. Dem Trio Frank Biela, Christian Hohenadel und Michael Ammermüller gelang mit dem TT RS die erste Pole Position eines frontgetriebenen Fahrzeugs in der 35jährigen Geschichte der VLN. Dabei profitierten sie sowohl im morgendlichen Zeittraining als auch später im Rennen von den wechselhaften Wetterbedingungen und holten nach der Trainingsbestzeit auch den Tagessieg im für das Team Raeder Motorsport. 


Sabine Schmitz hält die Männer-
welt in Schach.


Doppelstart beim 6h Rennen. Merten
wurde im BMW M3 GT4 Vierter.



Michael Ammermüller gehörte dabei zu dem erlesenen Kreis von nur drei Piloten, die zwei Gesamtsiege in diesem Jahr erringen konnten. Nach dem Sieg im Audi TT RS feierte er den zweiten Triumph beim Saisonfinale, als er zusammen mit Marc Basseng und Christopher Mies zum Erfolg fuhr. Bereits im Juni war Phoenix Racing beim Sieg der DTM-Piloten Mathias Ekström und Timo Scheider, die von Frank Stippler unterstützt wurden, erfolgreich. Das einzige Team, das sich ebenfalls zweimal in die Siegerliste eintragen durfte, war das sonst so erfolgsverwöhnte Manthey Racing-Team mit den Piloten Lucas Luhr und Arno Klasen. Mit diesen beiden Siegen schob sich Klasen in der Statistik der häufigsten Gesamtsieger auf die vierte Position. Er hat nun 26 Erfolge auf seinem Konto und liegt damit nur noch zwei Siege hinter Jürgen Alzen, Olaf Manthey und Ullrich Richter, die jeweils 28 Mal ganz oben auf dem Siegerpodest standen.

Aber auch die übrigen Rennen boten immer wieder spannenden und ausgeglichenen Motorsport. So feierten auch die Teams BMW Motorsport (BMW M3 GT), Mamerow Racing und Rowe Racing (beide Mercedes-Benz SLS AMG GT3) jeweils einen Saisonerfolg. Nicht nur an der Spitze, auch außerhalb der Top-Ten bot die Langstreckenmeisterschaft abwechslungsreichen und packenden Sport. Auch wenn die vordere Startreihe von immer leistungsstärkeren und kostspieligeren Rennwagen dominiert wird, so bleibt die VLN doch eine Breitensportserie, in der auch gerade in den schwächeren Klassen um jede Position gekämpft wird. Egal ob Honda Civic, seriennaher BMW oder Cup-Porsche, viele Teams sind reine Amateur-Mannschaften, die ihren Feierabend und die Wochenenden opfern, um bis zu zehn Mal im Jahr auf dem Nürburgring antreten zu können. Dabei umfasst die VLN-Familie aber nicht nur Teams und Fahrer, sondern auch die Zuschauer werden mit einbezogen und erleben Motorsport zum Anfassen. Während die Zuschauerplätze entlang der Nordschleife für die Fans kostenfrei sind, kann man für 12 Euro Eintritt den Teams und Fahrern nicht nur ins Fahrerlager und die Boxengasse, sondern sogar bis in die Start  aufstellung folgen.

Ein erstes Aufeinandertreffen aller Beteiligten nach der Winterpause wird aller Voraussicht nach im März 2012 bei den Einstellfahrten stattfinden und den Auftakt in die 36. Saison bilden. Die Termine der jeweiligen Rennen werden spätestens Anfang des kommenden Jahres auf www.vln.de abrufbar sein.

Text: Matthias Behrndt
Fotos: Matthias Behrndt, Michael Behrndt





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