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Titel unter besonderen Umständen

Filed in Allgemein, Minigolf by on 10. November 2014 0 Comments • views: 90

Neutraubling im AugustBianca Zodrow 20_Snapseed
Bianca ist in guter körperlicher Verfassung. Auch im 6. Monat ist Hochleistungs-Minigolf möglich. Jetzt genießt sie Mutterschutz. Die Bundeswehr, ihr Arbeitgeber, hat ihr sportliches Engagement in den vergangenen Jahren unterstützt. Als Hauptmann und Kompaniechefin kann sie zwar nicht das „volle Programm“ der anderen Spitzenspielerinnen absolvieren. Doch sie hat Routine, ist – obwohl erst Mitte 30 – die erfolgreichste Minigolferin aller Zeiten. Die Anlage in Neutraubling kennt sie gut, für den Verein hat sie früher schon Titel gewonnen, sogar gemeinsam mit Corina Reinisch, die ihrem Vater jetzt bei der Organisation der EM zur Hand geht, 2005 gemeinsam die Mannschafts-WM. Doch im Gegensatz zu früher ist sie diesmal nicht das „Küken“ im Team, sondern das „Aushängeschild“. Sie will „zuhause“ unbedingt den Mannschaftstitel gewinnen. Mit Anne Bollrich (MGC Mainz) und Stefanie Blendermann (MC Olten) stehen die Chancen gut. Team Deutschland, das zuvor die Generalprobe beim Nationen-Cup klar gewonnen hat, führt zunächst. Vor allem die Schweiz, Österreich und Tschechien sind aber ernst zu nehmende Gegner. Und die Schweizerinnen wachsen zum Schluss über sich hinaus und gewinnen etwas überraschend den EM-Titel. Gratulation – und keine Zeit für Trauer. Denn tags drauf ist der erste Einzeltitel zu vergeben. Im Zählwettspiel (Strokeplay), bei dem am Ende der gewinnt, der nach zwölf Runden an drei Tagen die wenigsten Schläge auf der Scorecard hat, lassen sich jetzt die deutschen Spielerinnen nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. Bianca hat wie immer, wenn’s drauf ankommt, ihre Nerven im Griff, leistet sich keine Schwäche und gewinnt mit 298 Schlag vor Stefanie Blendermann (299) und der Schweizerin Sandra Wicki (300) den EM-Titel. Sie ist damit amtierende Welt- und Europameisterin im Strokeplay. Doch sie sieht diesen Einzeltitel nur als kleinen Ausgleich für den entgangenen großen Mannschaftstitel. Sie ist halt – wie so viele Minigolfer – Teamplayer durch und durch.

Die 16 Besten des Strokeplay-Klassements spielen am Schlusstag noch den Matchplay-EM-Titel aus. Hier zählt das Ergebnis an der einzelnen Bahn. Wer von den 18 ausgesuchten Bahnen mehr gewinnt als der Gegner, erreicht die nächste Runde. Auch hier sieht man Bianca in Höchstform. Nach Siegen gegen Lucie Pavelkova (Tschechien, 6:1) und Karin Heschl (Österreich, 4:0) kommt es zum epischen Halbfinale gegen Teamkollegin Stefanie Blendermann. Beide spielen ein Ass nach dem anderen. Es ist vielleicht das beste Damen-Matchplay aller Zeiten. Die Entscheidung fällt erst nach neun Bahnen im Stechen. Bianca gewinnt 2:1 und lässt auch im Finale dem österreichischen Nachwuchsstar Lara Jehle (5:2) keine Chance. Die deutschen Erfolge bei den Männern (Europameistertitel mit der Mannschaft, Strokeplay-Silber für Oleg Klassen von der SG Arheilgen, Matchplay-Silber für Marco Templin vom MGC Dormagen-Brechten, -Bronze für Alexander Geist vom BGS Hardenberg-Pötter) vervollständigen das tolle Ergebnis.

Schriesheim, rund um den Tag der Deutschen Einheit
Auf dem Minigolfplatz ist reichlich „Betrieb“. Mannschaften aus ganz Europa sind da. Denn die „Champions League der Minigolfer“ trifft sich, um den Europa-Cup auszuspielen, die höchste Trophäe für den Minigolf-Vereinssport. Es ist schon das dritte internationale Minigolf-Highlight, das 2014 in Deutschland stattfindet. Zwei davon in Bayern: erst die Europameisterschaft der Damen und Herren in Neutraubling, dann die EM der Senioren in Murnau – jetzt geht’s nach Baden ins schöne Schriesheim. Alles Orte mittlerer Größenordnung mit schönen Anlagen, gastfreundlichen Veranstaltern: Dort erlebt man eine quasi familiäre Atmosphäre, in der Spitzensport ausgeübt wird. Geld muss man mitbringen, Preisgelder gibt’s nicht zu gewinnen – und für Reise, Unterbringung und den einen oder anderen neuen Ball, der an einer bestimmten Bahn eben besser läuft als alle anderen, muss man ein paar Euro investieren. Aber der Aufwand lohnt sich, denn bei aller Wettkampfhärte geht es hier sportlich fair zur Sache, man freut sich jedenfalls jedes Jahr auf das Wiedersehen und den Wettkampf.

IMG_6540Der Wettkampf verläuft in Schriesheim ein bisschen so wie in den vergangenen Jahren. Bei den Herren attackiert der 21-malige Deutsche Meister und 9-fache EC-Sieger BGS Hardenberg-Pötter den schwedischen Seriensieger der vergangenen Jahre aus Uppsala. Die Jungs aus Velbert geben alles, liegen aber anfangs nur auf Platz 4. Tantogarden BGK, ein zweites schwedisches Team, macht fast keine 2, spielt in der Anfangsrunde mit sechs Spielern 116, d.h. einen Schnitt von knapp über 19 für die 18 Bahnen, und kann die Führung in den folgenden Runden mit Weltklasse-Minigolf verteidigen. Hardenberg verliert in der Auftaktrunde gleich zwölf Schlag, findet dann aber den Anschluss und kann am Ende Tantogarden und die starken Tschechen aus Olomouc (Olmütz) hinter sich lassen. Das reicht dennoch nicht für den Titel. Denn Uppsala ist wieder einen Tick besser. Als Hardenberg seine besten Runden und einen 19er-Schnitt spielt, kontert Uppsala BGK und spielt am Schluss Weltrekord: 112 Schlag für das 6er-Team, das sind nur vier Zweien auf 108 Bahnen: Das hat noch kein Team in einem internationalen Wettkampf geschafft! Ein Schlag besser als die bisherige Bestleistung vom neunmaligen EC-Gewinner und 21-maligen Deutschen Meister BGS Hardenberg-Pötter.

Kaum vorstellbar: Der Wettkampf bei den 3er-Teams der Damen verläuft noch spannender als der der Herrenmannschaften. An der Spitze spielen von Beginn an Titelverteidiger MGC Mainz und die Tschechinnen aus Brno, wenige Schläge zurück liegt der MGC Göttingen, der deutsche Vizemeister. Göttingen hatte den EC zuletzt 2012 gewonnen und dreht in den Schlussrunden mächtig auf. Es ist der erwartete Dreikampf um den Titel. Göttingen schafft in der letzten Runde die Mannschaftsbestleistung des Turniers: 58 Schläge (19-20-19) , doch Brno ist mit 59 Schlägen auf Augenhöhe und am Ende nach neun Runden einen (!) Schlag besser als der MGC Göttingen. Mainz wiederum, das vor der Schlussrunde zwei Schläge Vorsprung auf Brno hatte, verliert mit einer 61er-Runde genau diese zwei Schläge. Stechen. Die Entscheidung fällt gleich an Bahn 1, an den Pyramiden, als der Ball der Tschechin Katerina Tietzová das Loch um Millimeter verfehlt. Alice Kobisch spielt das Ass zum Sieg. Große Freude, faire Gratulation von und für drei Teams, die bis zum Schluss auf Augenhöhe und in Weltklasseform spielten.

IMG_6721Unter den Gratulanten, diesmal wegen „besonderer Umstände“ nicht als Spielerin aktiv, ist Bianca Zodrow. Während der Europameisterschaft kurz zuvor in Neutraubling hat sie noch den einen oder anderen Gedanken daran, ob sie auch in Schriesheim – im 8. Schwangerschaftsmonat – zum Team gehören sollte. Doch aus naheliegenden Gründen fällt die Entscheidung für eine neue Rolle im Team, die der moralischen Unterstützung. Das Anfeuern, Motivieren, Jubeln, Trösten (nach einem der seltenen Fehlschläge) sind eben manchmal genauso wichtig wie das Spielen. Bianca ist Teil einer verschworenen Gemeinschaft, denn die ‚Göttinger Mädels‘ sind mehr als eine Minigolf-Mannschaft. Sie sind enge Freundinnen und pflegen diese Freundschaft auch über viele Kilometer Entfernung hinweg. Minigolf ist ohnehin nur etwas für die, denen Entfernungen nichts ausmachen. Der Bundesliga-Betrieb – ab 2015 in einer Nord- und Süd-Liga – bedeutet Unterwegssein. Nicht nur zum Wettkampf, sondern schon zuvor für diverse Trainingseinheiten, um die letzten Feinheiten der jeweiligen Bahn so zu trainieren, dass man möglichst jede Bahn mit nur einem Schlag bewältigt. Minigolf auf diesem Niveau heißt in Kurzform: Die 2 verliert, das Ass, also die 1 gewinnt. Das schafft Frau (Mann auch) nur dann, wenn Frau (Mann auch) top vorbereitet ist. Nicht nur mit dem richtigen Ball an jeder Bahn, sondern auch körperlich und mental. Dazu gehört Ausgleichssport (nicht nur, aber vor allem im Winter), um im Wettkampf der Präzisionssportler auch konditionell in bester Verfassung zu sein. In dieser Verfassung wird Bianca 2015 zurückkommen, um mit dem MGC Göttingen den Angriff auf den deutschen Meistertitel zu starten und mit dem deutschen Team den WM-Titel von Bad Münder 2013 im finnischen Lahti zu verteidigen. Einzeltitel nicht völlig ausgeschlossen. Aber für Bianca aus bekannten Gründen nicht ganz so wichtig.

Text: DMV
Foto: Manuel Möhler/DMV

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