Von Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport
Seit vielen Jahren gehört Oleg Zernikel zu dem markantesten wie beständigsten Gesichtern der deutschen Leichtathletik-Szene. Ein durchtrainierter Modellathlet, der sich schon als Jugendlicher voll und ganz dem Stabhochsprung verschrieb. Kein Wunder, dass der mittlerweile wettkampfgestählte Sportsoldat seine überfliegerischen Fähigkeiten neben nationalen Titelerfolgen auch auf internationalen Bühnen in Medaillensegen ummünzen konnte. Der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Olympischer Spitzensport, Volker Schubert, begleitete den ebenso disziplinierten wie sympathischen Militärleichtathleten über mehrere Wettkampfjahre bei seinen Höhenflügen und porträtiert Oleg Zernikels Birmingham-Fahrplan zu den Europameisterschaften 2026 in die britischen Midlands exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.
Für den rheinland-pfälzischen Armeesportler Oleg Zernikel ist die spitzensportliche Blickrichtung seiner beginnenden Freiluftsaison klar auf die britischen Inseln gerichtet. Rund 177 Kilometer nordwestlich der Themse-Metropole London präsentiert sich die zweitgrößte Stadt des Vereinigten Königreichs nicht nur mit den historisch bedeutsamen Baukulissen der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts: Mehr noch, so ist das heutige Birmingham nicht nur modernes Dienstleistungszentrum, sondern auch Großbritanniens zentraler Infrastruktur-Knotenpunkt, der Schienenverkehr und Autobahnen synergetisch vereint. Hervorragende Voraussetzungen für spitzensportliche Perspektiven also, um die Leichtathletik-Europameisterschaften 2026 in die urbane Großregion der Midlands einzubetten. Prädestiniert wird der EM-Austragungsort zudem durch das umfassend sanierte und modernisierte „Alexander Stadion“, in dem bereits 2022 die sogenannten „Commonwealth Games“ so erfolgreich abgewickelt wurden.

In Brimingham römischen EM-Erfolg erneuern
Mit einer erweiterbaren Sitzplatz-Kapazität von 18.000 auf 40.000 Zuschauer ist die britische Vorzeige-Arena inmitten des „Perry Parks“ ebenso Hallen-Weltmeisterschafts- wie Hallen-Europameisterschafts- als auch Diamond-League-Meeting-bewährt. Ergo, ein exklusiver High-Level-Hotspot; exakt geeignet, um nach den Europameisterschaften in Rom 2024 erneut spannungsgeladene Leichtathletik-Geschichte zu schreiben, wie die Entscheider der „European Athletics Association“ (EA) bei der EM-Nominierung von Birmingham einhellig befanden. Für die internationale Leichtathletik-Gemeinde wie für kontinentale Leistungsträger folglich ein „Ready-to-go“-Paket, dass für Oleg Zernikel wie geschaffen zu sein scheint, um auf dem Splendid Isolation Island gegenüber des Alten Kontinents an römische Medaillenerfolge anzuknüpfen.

So, wie am 12. Juni 2024 geschehen, als sich Oleg Zernikel in beeindruckender Art und Weise mit scheibchenartigen Zentimeter-Steigerungen über die Einstiegshöhe von 5,50 Meter immer wieder fehlerfrei bis zur finalen Qualifikationshöhe über 5.75 Meter katapultierte, um dann die 5,82 Meter im zweiten Versuch zu meistern – mit Spitzenresultat EM-Bronze für Deutschland, so die bis dato hochkarätigste Edelstahlausbeute des Elitesportsoldaten. Seine international bemerkenswerteste Bestleistung erzielte der jetzt 31-Jährige indes mit 5,87 Metern bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Eugene 2022; bis dato auch sein ganz persönlicher Höhenrekord.
Neben regelmäßigen Top-Ten-Platzierungen bei Olympischen Sommerspielen, Welt- und Europameisterschaften gehört der beständige Zwischen-5,70 Meter-und-5,80 Meter-Springer nun seit Jahren zur erweiterten Weltspitze, bekleidet im globalen Ranking (Stand April 2026) des internationalen Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics (WA) aktuell im „Men’s Pole Value“ den 47. Platz mit 1.002 Rankingpunkten. Neben seinem EM-Bronze-Erfolg von Rom bilanziert Oleg Zernikel auf nationalem Parkett mittlerweile zwei Deutsche Meistertitel (2021 Freiluft, 2024 Halle), drei Deutsche Vizemeistertitel (2022, 2023 und 2025) und schaut auf zwei Bronzemedaillen, die er bei den Hallen-Meisterschaften 2021 und 2022 erzielte.



Der mit dem Eisernen Kreuz fliegt
Seit rund viereinhalb Jahren 2021 verleiht Oleg Zernikel dem Eisernen Kreuz Flügel. Denn 2021, das war auch das Jahr seines Durchbruchs, als es dem überaus talentierten Junioren- und U23-Athleten endlich so brillant gelang, sich stabil in die Top-Höhen der deutschen Männerkonkurrenz zu katapultieren und dabei gleich die Olympiafahrkarte zu ziehen. Fünf Jahre sei er von der Juniorenklassifizierung in die Männerkonkurrenz durch eine tiefe Talsohle geschritten, um sein Lebensziel zu erreichen, wie er Bundeswehr Sport-Magazin nachbetrachtend offenbarte. Und um im Ergebnis auch einen der rar gesäten Spitzensportförderplätze in den Streitkräften zu ergattern. So hieß es für den im Juni bei den „Deutschen“ in Braunschweig frisch gekürten nationalen Stabhochsprung-Meister der Freiluftsaison 2021 im Spätherbst des gleichen Jahres frühmorgens erstmals militärisch nüchtern: „Vierter Zug, Achtung! Aufstehen!“. Seinen Dienstantritt für die Karrierelaufbahn „Sportsoldat“ absolvierte Oleg Zernikel an der Schule für Stabsdienst und Feldjäger in Hannover.
Vier Wochen dauerte die für Sportsoldaten verkürzte allgemeine militärische Grundausbildung (AGA) an der niedersächsischen Landeshauptstadt: die Wochendienstpläne der AGA lauteten für den Überflieger neben Formaldienst auch Überleben und Durchschlagen im Felde erlernen, Handwaffenausbildung und Gefechtsdienst mit Gefechtsschießen in der Gruppe sowie militärische Rechtskunde. Die Leinemetropole verließ Oleg Zernikel im Dienstgrad Schütze und wird seither von der Bundeswehr Sportfördergruppe Mainz personal-administrativ geführt und betreut. Bis heute profitiert der damals 26-jährge nun durchgehend von der sozialen Abfederung durch die Spitzensportförderung der Truppe und ist immer wieder stolz darauf, das Eiserne Kreuz an der Trainings- wie Wettkampfbekleidung zu tragen.

Kein Wunder, dass das traditionsreiche Hoheitsabzeichen der Bundeswehr in seinem Wettkampfeinteiler akkurat über den Vereinsinsignien des ASV Landau miteingewebt ebenso markant hervorsticht. Was auf Oleg Zernikels Eigeninitiative zurückzuführen ist, denn die dienstlich gelieferten Eisernen Kreuze auf polygonfarbigen Haftaufklebern fallen zum Ärger vieler Militärleichtathleten regelmäßig ab: immer dann, wenn sommerliche Hitze und stundenlange Wettkampfturbulenzen das atmungsaktive Funktionsmaterial bis zur letzten Faser von Schweißperlen durchnässt.
Neuer Elan durch Selbstreflektion und Mentaltraining
Mit der gleichen Disziplin und Akkuratesse absolviert Oleg Zernikel auch sein tagtägliches Trainingsgeschäft mit hochprofessioneller Einstellung. Seine leichtathletischen Erfolge der Jugend- und Juniorenzeit eingerechnet, blickt Oleg Zernikel nun auf eine über 17-jährige Höhenflugbilanz, die nach seiner Übergangsphase von der Juniorenkonkurrenz in die Profiliga der Männer naturgemäß auch Stagnationsphasen, herbe Niederlagen und harte Abstürze kennt: teils verletzungsbedingt, teils von Zweifeln beim methodisch-technischen Weg zur Erzielung der gewünschten Saisonbestform geprägt, teils von der scheinbaren Unerklärlichkeit hartnäckiger mentaler Wettkampfschwächen genervt. „Wenn ich zu verbissen, zu verkrampft bin, dann wird das nichts,“ gesteht der Meisterspringer offenherzig gegenüber Bundeswehr Sport-Magazin.
Fokus auf das biomechanische Optimum
So betrachte er seine Medaillenjagd im Stabhochsprung nicht nur als sinnstiftende Karriereherausforderung, sondern auch als außergewöhnliche Reise, die ihn zu neuen Innenansichten geführt habe. Durch die Auseinandersetzung mit sich und seiner Spezialdisziplin habe er eine Selbstreflexion durchlaufen, mit der es ihm gelungen sei, seine persönlichen Wegmarken als Spitzensportler neu zu formulieren – weg von zermürbenden Zweifeln, hin zu neuen, mutigen Schritten. Dazu gehöre vor allem die Fähigkeit des Vergessens, wie Oleg Zernikel konstatiert. Zwar sei er entlang seines bisherigen Sportlerlebens gleichermaßen von den sportlichen Höhen wie von den Tiefen seiner Identitätsfindung geprägt, konnte seinen spitzensportlichen Fokus auf den Stabhochsprung mittlerweile durch intensive Meditation und mentales Training aber so verändern, dass er jetzt mit frischem Elan in die Freiluft- und EM-Saison 2026 starte.

Hilfreiche Begleiter dieses Aufbruchs wären sein langjähriger Mentor Jochen Wetter und sein Disziplinspezialtrainer Andrei Tivontchik gewesen. Durch deren Unterstützung sei seine Blickrichtung ins Positive entscheidend verstärkt worden. Dem Wechsel in der Selbstwahrnehmung sei auch ein veränderter Fokus auf die technischen und biomechanischen Variablen des Stabhochsprungs gefolgt, so der akribisch an sich arbeitende Perfektionist. Im Kern ginge es hier immer um die kontinuierliche Steigerung und Stabilisierung der Effizienz, die in jeder der einzelnen Flugphasen von gravierender Bedeutung sei, wenn es um Spitzenplatzierungen und Medaillensegen ginge. Deshalb bedeute für ihn das permanente Techniktraining immer wieder das Feilen an seiner disziplinspezifischen „Handschrift“, wie Oleg Zerniekel gegenüber Bundeswehr Sport-Magazin verdeutlicht.
In Summe wohl ein sportmotorisch hochkomplexer Prozess, der in seiner turnerisch-leichtathletischen Kombination als zuschauerträchtige Spezialdisziplin für den Sportsoldaten Oleg Zernikel nicht nur seine höchst persönliche Herausforderung darstellt, sondern auch seine jetzige Charakterformung entscheidend heranreifen und prägen ließ. Und in der Tat, so präsentiert sich der Stabhochsprung in puncto kognitiver, koordinativer sowie sportmotorischer Feinstarbeit gerade in der Flugphase der artistisch anmutenden Lattenüberquerung als unbarmherzig über Sieg oder Niederlage entscheidendes Momentum, wie die internationale Hochsprunggemeinschaft nur zu gut weiß. Ein „maximal hauchdünnes“, zehntel Sekunden währendes Luftfahrterlebnis, dem sich Oleg Zernikel im Kampf um Edelmetall und nationale Ehren in der für die europäische Stabhochsprungelite hochkarätigen 2026er Wettkampfsaison stellen will.
Eckpfeiler der deutsche Stabhochsprungelite
Technischer Feinschliff und turnerische Athletik bestimmen seit der Wintersaison seinen jetzigen Trainingszyklus, um sich im „britischen August“ stabil über die 5,80 Meter und darüber hinaus zu katapultieren. Mit seinen 31 Jahren gehört Oleg Zernikel in seiner Jahrgangskohorte zu jenen international erfolgreichen Stabhochspringern, die oft erst in den Dreißigern ihre über viele Trainings- und Wettkampfjahre gewonnene Routine und mentale Wettkampfhärte voll ausspielen können. Summa summarum konkurrenzfähige Referenzpunkte, mit denen Oleg Zernickel neben seinen beiden Kameraden, den Sportsoldaten Bo Kanda Lita Baehre und Torben Blech, den hoffnungsvollen Eckpfeiler des deutschen Leichtathletik-Kaders im Stabhochsprung bilden dürfte – Verletzungs- und Erkrankungsfreiheit vorausgesetzt.

- Text und Fotos: Volker Schubert