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76. ISTAF Berlin – Deutsche Heldensagen im olympischen Rund

Filed in Leichtathletik, Spitzensport by on 18. September 2017 1 Comment • views: 114

Sie sind jung und mutig, idealistisch und kampfstark – die junge Garde deutscher Leichtathleten. Showtime für die neuen nationalen Helden, hieß es beim größten Eintages-Leichtathletik-Event der Welt, dem traditionellen ISTAF im Berliner Olympiastadion, das seit je her die ganz große Bühne für herzzerreißende Dramen wie famosen Siege bietet. So auch bei der 76. Auflage, nur 14 Tage nach der London-WM, im frischen Neuformat. Der Berliner Sportjournalist Volker Schubert berichtet vom blauen Spreeathener Kunststoffhochleistungsbelag und wirft dabei einen gezielten Blick auf die neue deutsche Rekordhalterin im 3.000 Meter Hindernislauf, die fabelhafte Sportsoldatin Gesa Felicitas Krause.

Was für ein Drama, ja, ein echtes „Trauma“, wie Gesa Felicitas Krause schon kurz nach ihrem Schicksalslauf beim Leichtathletik-Sommermärchen 2017 im Londoner Olympiastadion mit vom Schock erstickter Stimme kommentierte. Ein Sturz beim 3.000 Meter Hindernislauf, zumal unverschuldet, das gilt in der Obstacle-Equipe der globalen Eliteläufer regelmäßig als der größte anzunehmende Unfall. Ein Super-GAU, wie ihn beispielsweise der exzellente US-amerikanische 3.000 Meter Hindernisläufer Henry Marsh beim Finale der ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki in der alles entscheidenden Schlussrunde hinnehmen musste. Bei Marshs Duell gegen den ebenso famosen deutschen Hindernisspezialisten Patriz Ilg, schien das packende Rennen auf einen fulminanten Schlussspurt hinauszulaufen, bei dem beide der nahezu gleichstarken Athleten als Goldfavoriten gehandelt wurden. Auf dem Kulminationspunkt des Bahnwettkampfs in der letzten von siebeneinhalb Runden schon deutlich vom Verfolgerfeld abgesetzt, eilten die zwei Weltklasseleichtathleten dem Ziel entgegen. Knappe 150 Meter noch, die nur wenige Sekunden später über Gold und Silber entscheiden sollten, hatten der Deutsche und der US-Amerikaner noch vor sich.

Parcours der großen Dramen wie der unvergessenen Siege

Ein wahrer Steigerungslauf der jetzt im Gange war und entlang der Zielgeraden wohl in einen höchst verbissenen Endspurt um den WM-Titel gemündet hätte, stünde da nicht knapp 80 Meter vor dem Ziel noch das letzte von insgesamt 35 Hindernissen. Patriz Ilg, einen hauchdünnen Vorsprung vor Henry Marsh liegend, setzte nach seiner finalen Balkenüberquerung gerade zum alles entscheidenden Frequenzwechsel an, als Marsh zu straucheln begann. Wohl einen Wimpernschlag von Konzentrationsschwäche erleidend, kam Marsh schließlich so schwer zu Fall, das ihn noch sechs der zuvor abgeschüttelten Konkurrenten überspurten konnten, während Patriz Ilg ungefährdet zum ersten Leichtathletik-WM-Titel vorstürmen konnte – was für ein dramatischer Rennverlauf, was für eine epische Tragik!
Ein sporthistorischer Exkurs gewiss, der dennoch tief in die Gefühlswelten von Gesa Felicitas Krause führen dürfte. Im August 2017 stand die Sportsoldatin vom Verein Silvesterlauf Trier im Finale des Londoner Olympiastadions mit einem ganz großen Ziel vor Augen. So, wie 2015 im Pekinger Vogelnest, wo die aktuell beste deutsche Hindernisspezialistin und nationale Rekordhalterin mit ihrem so großem Kampfgeist ebenso überraschend wie hauchdünn zu Bronze enteilt war. Das die in China definitiv in die internationale Frauen-Leichtathletik-Spitze eingetauchte Topathletin auch zwei Jahre später bei der WM an der Themse über die 3.000 Meter Hindernisstrecke erneut um eine der heiß begehrten WM-Medaillen mitfighten wollte, schien dabei nur zu verständlich.

3.000 m Hindernislauf: Nichts für Fußballkicker und Weicheier

Gesa Felicitas Krauses sportliche Leidenschaft, ein schwieriges Geschäft indes, denn in der leichtathletischen Ausdauerszene gilt der 3.000 Meter Hindernislauf zu Recht als eine der härtesten wie anspruchsvollsten Laufdistanzen. Aus vollem Renntempo heraus müssen die Athleten 28 Mal vier fest stehende Hindernisse und sieben Mal ein Hindernis mit anschließendem Wassergraben überqueren. Auf dem olympischen 400 Meter Oval stellt sich den Läufern alle 78 Meter eine der massiven Barrieren in den Weg, deren schwarz-weiß lackierte Abschlussbalken 12,7 Zentimeter mal 12,7 Zentimeter messen. Bei den Frauen-Rennen mit einer Gesamtbreite über 3,94 Metern und je 76,2 Zentimeter hoch, sind die Hindernisse äußerst massiv und durch die zwei, jeweils zum Boden hin rechtwinkelig montierte Querstreben so stabil auf dem Hochleis- tungskunststoffbelag stehend, als wären sie fest mit dem Erdreich verankert.
Die Kunst der Athleten besteht in der geschickten Kombination von zäher Tempoausdauer, der optimalen Konservierung von Spurtkraft für taktische Geplänkel wie für das Finale sowie in der variantenreichen Hindernisüberquerung, denn die Läufer müssen die komplexe Hürdentechnik sowohl ohne wesentlichen Zeitverlust sicher mit dem rechten als auch mit dem linken Bein beherrschen. Fehleinschätzungen auf der Rennbahn können zu schweren Stürzen führen, das gilt besonders beim Wassergraben. Doch nicht nur dort besteht leicht die Gefahr des Stolperns, sondern auch beim engen Rennverlauf mit Körperkontakt, was im Feld regelmäßig zu viel Gedränge mit deutlich erhöhter Sturzgefahr führt. Um beim diesjährigen Weltspitzenevent an der Themsemetropole erneut in der Avantgarde der Besten glänzen zu können, spulte die 25-jährige zuvor ein Marathonprogramm ab, das sie über zwölf Monate hinweg immer wieder in die Höhentrainingslager der südafrikanischen Berge führte.
Auch an ihrer Tempohärte arbeitete die gebürtige Mittelhessin in dieser Zeit immer wieder akribisch. Dazu lief Gesa Felicitas Krause oftmals die 5.000 Meter Flachstrecke als Überdistanz, um die tempoadäquate Willensspannkraft für den gesamten Rennverlauf wie die beinharte Willensstoßkraft für ihre Endspurtqualitäten signifikant zu verbessern. Nach Zürich 2016, wo die Mili­tärathletin über 3.000 Meter Hindernis zur Europameisterin aufgestiegen war, ein erfolgsgekröntes Auftanken, wie sich bei ihre WM-Vorbereitungstour 2017 beim IAAF Diamond League-Meeting in Doha zeigte, wo die von leidenschaftlicher Disziplin wie unbeugsamer Hartnäckigkeit geprägte Langstreckenläuferin ihre eigene deutsche Rekordmarke auf 9:15:70 Minuten hochschraubte.

Gesa Felicitas Krause, die WM-Siegerin der Herzen

Allerbeste Voraussetzungen also, um den Traum von WM-Edelmetall bei der London-WM im Hochsommer in die Tat umsetzen zu können. Souverän gestaltete Europas Beste da ihrem Einzug ins Finale, als sie in der Londoner Regenschlacht ihre Endspurtqualitäten taktisch geschickt ausspielte. Da schien das Kopfkino vom Wunschfinale schon zum greifen nah; ein visionärer Medaillencoup jedoch, der leider äußerst schmerzhaft enden sollte. Unheilvoll startete der erste Kilometer zum Ende hin, als die Weltjahresbeste, die bis dato führende Kenianerin Celliphine Chepteek Chespol, vollkommen desorientiert plötzlich am Wassergraben vorbeilief, schnurstracks umkehrte und sich auf die Verfolgungsjagd machte. Nur wenige Sekunden später lag Gesa Felicitas Krause mit anderen Konkurrentinnen wie vom Blitz getroffen auf der Rennbahn. Sie „habe leider einen Schlag auf den Kopf bekommen“, so die noch völlig geschockte Sportsoldatin unmittelbar nach dem Rennen. Das sei „schwer zu verkraften. Ich habe das ganze Jahr dafür trainiert. Es tut einfach weh, dass ich nicht eingreifen konnte“, wie sie den Tränen nah vor den weltweiten Kameras gestand. Doch auch ohne Medaille arrivierte die deutsche Athletin zum wohl ungeschlagenen Publikumsliebling der WM. Von der Kraft der Verzweiflung beseelt, zeigte die 25-kährige unglaublichen Kampfgeist, raffte sich auf, fasste von Runde zu Runde neuen Mut und finishte bei ihrem dritten WM-Finale in noch überaus beachtlichen 9:23,87 Minuten als Neunte im Ziel. Ein wahrhaft medaillenloser Sieg, der in Berlin neue, ja ungeahnte Kräfte freizusetzen sollte, denn beim 76. ISTAF wuchs Gesa Felicitas Krause abermals über sich hinaus. Wohl am Start tief den Kopf aufwühlend das chaotischste 3.000 Meter Hindernisfinale ihrer Laufbahn vor Augen, spulte die deutsche Ausnahmeathletin den Verarbeitungsprozess nun unmittelbar unter dem frenetischen Jubel der 42.000 ISTAF-Zuschauer ab.

Leichtathletik-EM 2018: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Ein Leichtathletik-Programm der Extraklasse, dass die Bundeswehrsportlerin dort ablieferte, als sich der Londoner WM-Pechvogel da tempostark aufmachte als Berliner Glückskind vorzupreschen. Mit fabelhafter Bilanz, denn in dem Weltklassefeld stürmte Gesa Felicitas Krause mit ihrem bravourösen zweiten Platz in 9:11,85 Minuten zum Deutschen Rekord, mit dem sie Ihre Doha- Rekordmarke vom Mai nur zu deutlich pulverisierte. Nun knapp vier Sekunden schneller, kommentierte die hessische Gipfelstürmerin, dass es ihr nach dem WM-Debakel schwer gefallen sei, sich nochmals aufzuraffen. „Aber ich wollte diesen Rekord“, so die tapfere Spitzensportlerin, denn nach den geflossenen WM-Tränen sei das ISTAF „der beste Abschluss der Saison, den ich mir wünschen konnte.“ Mit funkelnden Augen könnte sie Berlin nächstes Jahr wiedersehen, denn dann will sich die Spreemetropole als Publikumsmagnet für die Leichtathletik-EM 2018 präsentieren. Denn „solche nationalen Helden sind das Salz in der Suppe“, so auch Frank Kowalski, Geschäftsführer der BEM 2018 gegenüber dem Bundeswehr Sport-Magazin.

Text: Volker Schubert
Fotos: Volker Schubert / ISTAF

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Comments (1)

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  1. Anne Seebach sagt:

    Dieser Artikel hat mich begeistert, anschaulich, spannend, kompetent, man spürt die Leidenschaft für den Sport des Autors. Immer wieder gerne.

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