Deutschlands Olympiagold trägt Waffenrock

Dass sich Deutschland nach den XXIV. Olympischen Winterspielen am globalen Sieg als Ski- und Wintersportnation Nummer zwei erfreuen darf, geht vor allem auf die sensationelle Erfolgsbilanz deutscher Wintersportsoldaten zurück. Gut sechs Wochen nach Chinas weltweit TV-übertragenem Spitzensporthighlight ehrte der Bendlerblock die so glanzvoll aus Peking zurückgekehrten Bundeswehr-Olympioniken mit einem Dankesempfang – zudem ein denkwürdiger Event, dessen Blick sich neben der ministeriellen Athleten-Auszeichnung gleichwohl auf die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in der Volksrepublik China richtete, als auch Russlands völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine erneut auf das Schärfste verurteilte. Der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Olympischer Spitzensport, Volker Schubert, begleitete das Ehren-Zeremoniell exklusiv für das Bundeswehr Sport-Magazin.

Via Fotokaskade symbolisch zum Gipfel des Erfolgs: Die 56 Wintersportsoldaten des 150-köpfigen Teams Deutschland erkämpften in Peking rund 63 Prozent aller Medaillen.

Dass der „Staatsplan Wintersport“, den die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) auf Geheiß von Staatschef Xi Jinping im Jahr 2015 unmittelbar nach der Vergabe der XXIV. Olympischen Winterspiele zur schneesportlichen Mobilisierung der Pekinger Volksmassen so vollmundig propagiert hatte, mit Blick auf den sportpolitisch herbeigewünschten Medaillensegen am Ende nicht vollends aufging, ist nicht nur der überragenden Wintersportnation Norwegen, sondern auch der Zähigkeit und dem Kampfeswillen deutscher Wintersportsoldaten zu verdanken.
Rund 346 Millionen des chinesischen 1,4-Milliardenvolkes hätten an „Eis- und Schneeaktivitäten“ teilgenommen, verlautbarte Mitte Januar die KPCh-konforme staatliche Sportbehörde mit Blick auf die erwartete Pekinger Medaillenausbeute wohl in vorauseilender Siegesgewissheit. Ein übererfülltes Plansoll, mit dem es gelungen sei, binnen sechs Jahren 24,56 Prozent der Bevölkerung zum Carven, Bretterln und Eistanzen zu aktivieren, so das nationale Statistikbüro des wiedererstarkten Großreichs der Mitte, obwohl China aufgrund seiner Geostruktur in weiten Teilen aus subtropischen Regionen und Wüsten besteht.

Zukünftig mit Bob-Helm und Langlaufbrettern unterwegs: Olympische Wintersport-Insignien an „GI“ Zorn überreicht.

Neben Chinas symbolträchtigen Zahlenspielen, die als kommunistische Wachstumsphantasien einer kollektivistisch angeordneten Massensportaktivierung keinerlei seriösen Messmethoden standhalten dürften, wurden die Pekinger Spiele bereits im Vorfeld von verfassungspolitischen Missbilligungen überschattet: Massive Proteste hagelte es vor allem aus westlichen Staaten, die Chinas eklatante Menschenrechtsverletzungen mit zunehmender Heftigkeit thematisierten. Dennoch, sämtliche Boykottaufrufe versandeten schließlich auf diplomatischen Ebenen.
Und so entsandten die USA als auch Großbritannien und Kanada, Australien sowie Dänemark lediglich ihre Spitzenathleten; international hochrangige politische Repräsentanten blieben Pekings globalem Wintersportspektakel mit Blick auf die öffentlichkeitswirksam wie opulent orchestrierte Eröffnungszeremonie indes fern. Wie auch die deutsche Bundesregierung, die ebenfalls nicht anreiste, dennoch aber auf einen formalen Olympiaboykott verzichtete.
Im Nachhall allerdings eine weiterhin konstant kritische Tonalität, die schließlich auch beim Post-Pekinger Olympia-Empfang von Deutschlands Waffenrock tragenden Wintersportbotschaftern im Bendlerblock zu hören war. Denn neben dem protokollarischen Imagefoto auf der Freitreppe des unspektakulären rückwärtigen Gebäudeteils des sogenannten „Zweiten Dienstsitzes des Bundesministeriums für Verteidigung“ und der obligatorischen Videorückblende, die die stimmungsvollsten wie dramatischsten Wettkampfszenen der Pekinger Spiele in cineastischen Kurzsequenzen wiederspiegelten, sparten sowohl der neue Präsident der Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Weikert, als auch der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, Friedhelm Julius Beucher, die sicherheits- und menschenrechtspolitische Zeitenwende nicht aus.

Erzgebirgische Urgesteine in der Langlaufkaderschmiede Oberwiesenthal gestählt. Jan Fiedler, ehemaliger DDR- und Deutscher 30 km Skilanglaufmeisterder und Chef der Sportfördergruppe Frankenberg mit seiner Olympiasiegerin Katharina Hennig.

Paralympics bei russischem Bombenhagel

Dass während der Paralympischen Winterspiele mitten in Europa russische Bomben auf ukrainische Städte abgeworfen wurden, sei für alle deutschen Parasportler eine sehr bedrückende, belastende wie angstvolle Situation gewesen, so Beucher noch immer erschüttert. Sowohl Beucher als auch Weikert pflichteten Generalinspekteur (GI) Eberhard Zorn bei, dass in Ländern, wie etwa in China, die die Menschenrechte so massiv missachteten, eigentlich keine Olympischen und Paralympischen Spiele ausgerichtet werden dürften.
Schließlich bekenne sich die internationale Wertegemeinschaft des Sports zu den unverrückbaren Grundprinzipien demokratischer Freiheitsrechte. Im Sinne dieses weltüberspannenden, sportethisch formulierten Pflichtenkatalogs dankte Beucher für die durch die Bundeswehr mitinitiierten spitzensportlichen Fördermöglichkeiten für Parasportler, deren Pekinger Edelmetall- bilanz sich mit 19 deutschen Medaillen – vier Mal Gold, acht Mal Silber und sieben Mal Bronze – und damit Rang sieben in der Nationenwertung definitiv sehen lassen könne.
Vor dem eigentlichen Festakt bat Zorn um eine Schweigeminute, die er dem unsäglichen Leid der Ukrainer und den Gräuelmorden von Butscha widmete. „Die Bilder des Massakers machen uns fassungslos“, so der ranghöchste Soldat, der nochmals mit Vehemenz herausstellte, dass „Russland […] den Frieden in ganz Europa“ bedrohe. Im Verlauf seiner Rede kritisierte der „GI“ den Vergabezuschlag der Olympischen Winterspiele an China, der trotz mangelhaften Umweltschutzkonzepts sowie einer zweifelhaften Nachhaltigkeitsagenda erfolgt sei. Die grundsätzlich fehlerhafte Entscheidung dürfe aber nicht bei den teilnehmenden Athleten abgeladen werden. Und so zeigte sich Zorn bei der anschließenden Ehrung von den spitzensportlichen Höchstleistungen der Bundeswehr-Olympioniken begeistert.
Angesichts der Corona-Pandemie hätten die Militärathleten vielschichtige Einbußen und Härten in Kauf genommen, um bei den Olympischen Winterspielen ihr mentales wie körperliches Leistungspotential formstark abrufen zu können. Und so hätte die Edelmetallbilanz der Pekinger Spiele für die europäische Zentralnation kaum glanzvoller ausfallen können, wie die exemplarische Retrospektive auf die beiden Skilanglauf-Koryphäen Victoria Carl und Katharina Hennig mit unumstößlicher Beweiskraft belegen dürfte.

Erzgebirgerin pulverisiert kommunistischen Überlegenheitsmythos

Schließlich gelang es den beiden deutschen Wintersportsoldatinnen entgegen der von der KPCh-Doktrin inszenierten Utopismen, die von einer global- historisch vorgezeichneten Überlegenheit Chinas determiniert werden, gleich zweimal das olympische Medaillenpodest zu erobern. Ein sensationelles Leistungs- und Gesundheitsbild, das die sogenannten Feldwebeldienstgrade vor der weltweiten Skisport-Szene ablieferten. Zudem ein olympischer Edelmetall-Auftakt nach Maß, denn auf dem chinesischen Loipen-Profil trumpften die zwei Ausdauerasse des Deutschen Skiverbands zunächst in der 4 x 5 Kilometer Skilanglauf-Staffel gemeinsam mit der Sportsoldatin Katherine Sauerbrey und der zollbeamteten Staffelkameradin Sofie Krehl mit der tapfer erstrittenen Silbermedaille auf. Der Folgetag in Zhangjiakou, dem 180 Kilometer nordwestlich von Peking gelegenen Skigebiet, in dem die Masse der nordischen Skiwettbewerbe stattfand, sollte die Glücksgefühle dann zum Überlaufen bringen, als die zwei Silberläuferinnen im Teamsprint bei ihrem durchweg kämpferisch gestalteten Rennen zur olympischen Krone stürmten und ihre Leistungsbilanz so formvollendet mit Gold veredelten.

Trotz klirrender Kälte zum Medaillenolymp aufgestiegen

Natürlich floss ihr für die irdische Ewigkeit erzielter Athleten-Ruhm am Ende überaus gewinnbringend in die spitzensportliche Gesamtbilanz der rund 150-köpfigen deutschen Nationalmannschaft ein, die gegen 91 Nationen mit rund 2.750 Athleten antrat. So polierten die 56 Schnee- und Eiskämpfer der insgesamt 15 militärischen Sportfördergruppen, die strukturell im Organisationsbereich der Streitkräftebasis administriert und dort bestenfalls intensiv betreut werden, den deutschen Medaillenspiegel gehörig auf, wie die sechs Gold-, acht Silber- und drei Bronze-Medaillen, die durch sogenannte Dienstgrade innerhalb des „Teams Deutschland“ erzielt wurden, nur zu funkelnd unterfüttern.
Stellvertretend für die 56 Militär-Olympioniken ging Skilanglauf-Olympiasiegerin Katharina Hennig bei ihrer Dankesrede zunächst auf die hochexplosive ukrainisch-russische Kriegslage ein, die Deutschland und Europa massiv konfrontiere. Entlang ihrer vorolympischen Retrospektive wies die sächsische Sportsoldatin auf die extremen Rahmenbedingungen hin, die den Trainingsalltag Corona-bedingt äußerst schwierig gestalten ließen. Zudem hob die Absolventin des Oberwiesenthaler Elitesportgymnasiums hervor, dass die Winterspiele in einem überaus restriktiven Klima stattfanden und sich die Nationalmannschaft in Peking wie in einer hermetisch isolierten Olympia-Blase befunden habe, man in den chinesischen Wettkampfstätten extrem klirrender Kälte widerstehen musste und die Rennen vor verwaisten Zuschauertribünen stattgefunden hätten. Trotz dieser widrigen Gesamtsituation hätten die Wintersportsoldaten des Teams Deutschland alle Hürden mit Bravour gemeistert, so die Olympionikin mit Sachsenstolz in der Stimme, die für die nun im Bendlerblock erwiesene Wertschätzung dankte.

Militärische Sportförderung: Wehrbeauftragte für innovativen Programmausbau

In den Gratulanten-Reigen aus Militärs und Spitzensportfunktionären reihten sich zudem hochrangige Gäste wie die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Eva Högl, der ehemalige Olympiasieger und Radsport-Weltmeister Jens Lehmann, Leipziger CDU-Parlamentarier und Bundestagsmitglied im Verteidigungs- und Sportausschuss sowie der Leiter des wintersportaffinen Olympiastützpunktes Berlin, der promovierte Sportwissenschaftler Dr. Harry Bähr ein. Von der Medaillenbilanz, die deutsche Bundeswehr-Olympioniken in Peking erzielt hätten, zeigte sich die Soldatenanwältin tief beeindruckt. Zudem plädierte Eva Högl für die weitere kreative Ausgestaltung des militärischen Sportförderprogramms, wie die Wehrbeauftrage auf Anfrage von Bundeswehr Sport-Magazin unterstrich.
1977 erfolgte der „Marschbefehl zur Medaillenausbeute“ mit der Schaffung erster Sportförder-Planstellen, an deren Besetzung, die aktuell 850 Athleten-Plätze umfassen, der DOSB und die Spitzensportverbände federführend mitentscheiden. Zudem eine Win-Win- Situation mit konstanter Wertschöpfung: Seit 1992 hat sich der durch Militärathleten erzielte Edelmetallsegen bei 44 Prozent eingependelt – mit Blick auf die 304 olympischen Medaillen, die Sportsoldaten für Deutschland insgesamt erkämpften, ein absoluter Spitzenwert.

Text und Fotos: Volker Schubert

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