Servus, tschüß und auf Wiedersehen: Die Olympia-Zweiten Tina Lutz und Susann Beucke beenden ihre olympische Karriere mit einer Abschiedsgala bei der 128. Kieler Woche

Ihre gemeinsame Karriere endet dort, wo sie am Valentinstag 2007 erstmals in einem Boot begann: Tina Lutz und Sportsoldatin Susann Beucke verabschieden sich als olympisches Team und strahlende Olympia-Zweite bei der 128. Kieler Woche auf ihrem Lieblingsrevier.
Die Kieler Woche vor Susann Beuckes Heimatort Strande wollen sie zum vorerst letzten Mal Seite an Seite genießen, bevor beide Frauen ihren neuen Kurs im Leben fortsetzen. Bei der Kieler Woche treten die Steuerfrau vom Chiemsee Yacht-Club und ihre Vorschoterin vom Norddeutschen Regatta Verein zur Abschiedsgala an. Als Team sagen sie nach 5611 Tagen in einem Boot am Finaltag der Kieler Woche servus, tschüß und auf Wiedersehen.

Sportsoldatin Susann Beucke (li.) und Tina Lutz waren ein tolles Team.

„Kiel ist der richtige Ort dafür. Das ist unser Heimatrevier, wo immer mindestens die halbe Familie dabei ist“, sagt Tina Lutz, die mit Susann Beucke durch Tiefen und Höhen einer großen Karriere ging. In Kiel gewann das Duo 2017 den ersten von zwei EM-Titeln. Hier konnten sie sich nach zwei verpassten Olympia-Qualifikationen im September 2020 im dritten Anlauf endlich durchsetzen und die ersehnte Olympia-Fahrkarte lösen. Ihr Silber-Glück von Enoshima bleibt unvergessen. Lutz und Beucke hatten mit ihrem Medaillensturm im Olympia-Finale historische dreieinhalb Stunden eingeläutet: Drei Crews des German Sailing Teams gewannen am 3. August 2021 Schlag auf Schlag drei Medaillen.

„Wir waren in schlechten wie in guten Zeiten immer füreinander da“

Mit dem silbernen Happy End verlassen Lutz und Beucke die Olympia-Bühne glücklich. „Wir waren ein so tolles Team!“, sagt Lutz. „Man kann kaum unterschiedlicher sein, aber wir hatten immer tiefes Vertrauen zueinander, waren immer füreinander da, haben immer zusammengehalten.“ Ihre Mentaltrainer, erklärt Lutz, haben den Seglerinnen beigebracht, wie man ihre Unterschiedlichkeit zur Team-Stärke machen kann. Das war ein wichtiger Schlüssel zu den Erfolgen in den gemeinsamen 15 Jahren. „Sanni ist die Mutigere von uns bei Starkwinden, ich eher Schisser“, nennt Lutz ein Beispiel für die Diversität im Team. „Auch aus diesem Mix haben wir das Beste herausgeholt.“
Dass vor allem harte Arbeit hinter Erfolgen unter Segeln steckt, hat Tina Lutz früh erkannt und umgesetzt. Wie bei der Opti-WM 2005. Auf dem Sankt Moritz See gelang ihr mit dem Sieg als Teenagerin ein historisches Triple: Sie wurde im gemischten Feld mit Jungen und Mädchen als erste Deutsche am Steuer Weltmeisterin, war beste Teilnehmerin und siegte auch mit Team Germany in der Mannschaftswertung. „Ich kann mich erinnern, dass ich damals auf dem Sankt Moritz See immer Erste oder Zweite an den Tonnen war. Der See hatte favorisierte Ecken, die man erwischen musste. Die habe ich mir gemerkt und auch getroffen. Ich habe nicht an die Ergebnisse, sondern nur ans Segeln im Hier und Jetzt gedacht.“ Damit wurde die damals 14-Jährige in Deutschland über Nacht zum Segelstar. Den Triumph hat sie in den folgenden Jahren abwechselnd als „Mühlstein“ und als
Auszeichnung mit Mehrwert empfunden. Die junge Seglerin vom Chiemsee wurde als „Jahrhundert-Talent“ bezeichnet und oft an ihrer Ausnahmeleistung gemessen. „Ich habe viel daran arbeiten müssen, mir nicht selber ständig so krassen Druck zu machen“, sagt sie rückblickend.

„Der Segelsport ist ein extrem mentaler Sport“

Der Weg von Lutz und Beucke zum olympischen Durchbruch war lang und dornenreich. Er begann im 470er mit einer schmerzhaften Niederlage in der nationalen Ausscheidung im Jahr 2012. Auch nach ihrem Wechsel in die schnelle Skiff-Klasse 49erFX mussten sich Lutz/Beucke im zweiten Olympia-Anlauf 2016 geschlagen geben. Dann aber konnten sie das Blatt im dritten Anlauf auf Kurs zu den Olympischen 2020 in 2021 wenden und vor Enoshima als Top-Crew im German Sailing Team zeigen, was sie draufhaben.
Großen Anteil an ihrer Silbermedaille hatten der britische Trainer Ian Barker und der argentinische Skiffsegler Klaus Lange. „Als wir Ian gefragt haben, ob er uns trainiert, waren wir in den Top 15. Er hat uns mit seinem Knowhow schnell gemacht und uns viel Selbstvertrauen gegeben. Er ist die perfekte Trainerfigur auch während des Wettkampfs. Dazu hat uns der Olympiasegler und Segelmacher Klaus Lange bei der Feinabstimmung auf dem Boot und in unseren Körperbewegungen auf Vordermann gebracht. Die Kombination aus beiden hat uns stark gemacht.“ Lutz wusste immer, dass der Segelsport „ein extrem mentaler Sport“ ist und hat entsprechend konsequent mit Mentaltrainern gearbeitet. „Wir haben es geschafft, während der Olympischen Spiele nicht an die Medaille zu denken und bei unseren Handlungszielen zu bleiben, auch wenn es bei der Verschiebung des Finalrennens um einen Tag schwer wurde“, beschreibt Lutz den Weg aufs olympische Podest.

„Jeder, der auf sein Herz hört, kann das schaffen“

Jetzt steht die Silbermedaille in ihrer blauen Holzkiste gut sichtbar in der Stube von Tinas Zuhause in Tirol. Gegenüber an der Scheune hängt noch immer die große Olympiaflagge, unter der sie mit Familie und Freunden nach der Rückkehr aus Japan gefeiert haben. „Ich genieße es, das alles zu sehen, weil es unserem Weg recht gegeben hat“, sagt Lutz. Im Juli wird sie heiraten. Beruflich ist sie in der Personalabteilung eines großen Unternehmens durchgestartet. „Zum ersten Mal verdiene ich Geld und gebe es nicht für Sport aus“, bringt sie ihr neues Lebensgefühl auf den Punkt. Dem Segelsport bleibt sie auf verschiedenen Ebenen treu: „Ich möchte als Trainerin in meinem Heimatverein, dem Chiemsee Yacht Club, etwas zurückgeben. Ich möchte den Kids Mut machen, eigene Wege zu gehen und auf ihr Herz zu hören. Ich fahre in der Bundesliga mit und würde auch zu anderen möglichen Herausforderungen niemals nie sagen.“
Das olympische Sportlerleben, sagt Lutz, sei ein wunderbares und erstrebenswertes: „Man lernt fürs Leben. Man lernt, ehrgeizig zu sein, Vier-Jahres-Pläne zu machen, Ziele zu erreichen – oder auch nicht. Dann muss man neu denken. Das alles ist fürs Leben viel wert. Alleine deshalb lohnt sich Leistungssport.“ Segeln sei ohnehin „der schönste Sport der Welt“. Es gäbe „nichts Cooleres als Olympische Spiele“. Und: „Jeder, der auf sein Herz hört, kann das schaffen.“ DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner sagt: „Tina Lutz und Susann Beucke beenden ihre gemeinsame lange Karriere mit einer hochverdienten olympischen Silbermedaille auf dem Höhepunkt. Ihr Weg zeigt, dass sich harte Arbeit und Beharrlichkeit im Leistungssport auszahlen. Wir wünschen beiden Erfolg und Glück für ihre neuen Lebenskapitel.“

„Sanni könnte die erste Frau in Deutschland sein, die mit dem Segeln Geld verdient“

Mit ihrer Vorschoterin Sanni Beucke verbindet Tina Lutz eine lebenslange Freundschaft. Deren Umstieg ins Offshore-Segeln, die neue Kampagne „This race is female“ und das Vendée-Globe-Ziel Beuckes beeindrucken Lutz: „Mich würden keine zehn Pferde auf so ein Offshore-Boot kriegen. Aber wenn es jemand schaffen kann, dann Sanni. Sie könnte die erste Seglerin hierzulande werden, die mit dem Segelsport Geld verdient. Das war einmal mein Kindheitstraum. Es wäre ein geniales Zeichen, wenn sie das schafft.“ Für die Abschiedsgala in Kiel werden beide noch einmal auf den 49erFX steigen. Dafür müssen ein paar Tage Training reichen. „Das Segeln verlernt man ja nicht“, sagt Lutz und lächelt. Ihr Motto bleibt eine Vorbild-Botschaft für die nächste Generation Olympiaseglerinnen: „Hör auf Dein Herz und geh all in.“

Text: DSV

Fotos: DSV/LarsWehrmann; Sailing Energy / World Sailing

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