Berliner Veteranenbüro Teil des Invictus-Games-Vermächtnis

Von Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport 

Unabhängig von zukünftigen veteranenkulturell zu beantwortenden Fragestellungen, kommt dem Beauftragten für Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS-Beauftragter) entsprechend der jetzt eingerichteten Auffangstruktur eine besondere Rolle zu. Hier soll der leitende Militärmediziner eng an das sich im Veteranenbüro in Entwicklung befindliche Kooperationsgeflecht angekoppelt werden.

Denn der planstellenmäßig fest im Wehrressort des Bendlerblocks eingerichtete PTBS-Beauftragte fungiert als direkter Berater und Experte für die Leitungsebene des Ministeriums, wenn es um Kernfragen und Handlungsbedarfe zur konzeptionellen Fortentwicklung des PTBS-Interventionskonzepts geht. Konkret etwa um Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung hinsichtlich des bereits etablierten Vorsorge-, Betreuungs-, Behandlungs- und Versorgungsmanagements. Immer mit dem medizintherapeutischen Ziel, die Folgen von einsatzbedingt psychischen Erkrankungen so weit wie möglich abzumildern beziehungsweise heilen zu können. Gleichwohl ist der PTBS-Beauftragte die zentrale Ansprechstelle für den PTBS-betroffenen Personenkreis, die PTBS-zuständigen Instanzen und Stellen des ministeriellen wie des nachgeordneten Bereichs und sämtliche Mitarbeiter des Psychosozialen Netzwerkes.

PTBS-Beauftragter Akteur im Veteranennetzwerk

Und so dürfte dem PTBS-Beauftragten in Zusammenarbeit mit dem Veteranenbüro folglich auch die weitere Beschleunigung von Verfahrensabläufen und die Vereinfachung der Militäradministration obliegen, ebenso wie die stärkere Einbindung der in den PTBS-Heilungsprozess involvierten Familien. Seit letztem Frühling nimmt Generalarzt Dr. Jörg Ahrens die Aufgaben des Beauftragten des Bundesministeriums der Verteidigung für einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörungen und Einsatztraumatisierte (Beauftragter PTBS) wahr, so die offizielle Planstellenbeschreibung im Bundeswehrjargon.

Bundeswehr Sport-Magazin exklusiv: Im Gespräch mit der militärmedizinischen Chefetage des Bendlerblocks

Generalarzt Ahrens: Warendorfer Sportexperten sind integraler Bestandteil der ambulanten Rehabilitation

Der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Olympischer Spitzensport, Volker Schubert, sprach für Bundeswehr Sport-Magazin mit dem promovierten Militärmediziner aus der Chefetage des Bendlerblocks über die konzeptionelle Ausrichtung, die geplante kommunikative Reichweite und die zukünftigen behördenstrategischen Nachhaltigkeitskriterien des neuen Veteranenbüros.

Auch der leitende Militärmediziner Ahrens stuft die Invictus Games 2023 als bedeutende Quelle zur sinnstiftenden Transformation eines militärsoziologisch gedeihenden Soldatenbildes ein.

BwSportMag: Die Eröffnung des ersten Veteranenbüros inmitten der deutschen Hauptstadt dürfte für viele ehemalige Soldaten und Reservisten so etwas wie eine militärhistorische Geburtsstunde eines langen gehegten Wunsches nach militärisch institutionalisierter Wertschätzung und Anerkennung darstellen. Sie sind als leitender Militärmediziner im Bendlerblock der zentrale Beauftragte für posttraumatisch Einsatzgeschädigte: welche Erwartungen richten Sie an die neu geschaffene Dienststelle und was soll die militärische Einrichtung mit Blick auf die Zielgruppe später einmal leisten können?  

Militärarzt Ahrens: Veteranenbüro ist Herzensanliegen

Ahrens: Das Veteranenbüro ist mir als PTBS-Beauftragtem im Verteidigungsministerium gemeinsam mit der Bundeswehr ein ganz besonderes Herzensanliegen, weil wir insgesamt der Meinung sind, dass wir eine ganz konkrete Anlaufstelle für Veteranen brauchen. Es gibt schon eine Vielzahl von Verbänden, die sich um Veteranen kümmern und dabei auch immer wieder sehr verdient machen. Damit existiert zwar bereits ein Netzwerk, doch es macht durchaus Sinn, dass die Fäden nun auch verstärkt durch das Ministerium und die Bundeswehr verknüpft werden, um diese bestehenden Netzwerke am Ende noch besser bedienen zu können. Wir wollen hier auf der einen Seite Ansprechstelle für unsere Ehemaligen, also für unsere Veteranen und Veteraninnen sein.

Wir wollen auf der anderen Seite aber auch fürsorglich sein und uns ganz konkret und fallbezogen kümmern. Und hier komme ich auch als Beauftragter für Einsatzschädigungen mit ins Spiel. Sicherlich und Gott sei Dank sind die einsatzgeschädigten Veteraninnen und Veteranen hierbei eine kleine Splittergruppe. Einsatzgeschädigten ist dabei besonders wichtig: Fürsorge und Wertschätzung zu erhalten! Also hier einen sicheren Hafen und eine echte Anlaufstelle vorzufinden, wo sie wahrgenommen werden, wo sie sich sicher und zuhause und wirklich geborgen fühlen können. Das soll das Veteranenbüro auf jeden Fall leisten.

Veteranen niederschwelligen, unbürokratischen Zugang bieten

Diese zentrale Funktion ist letztlich aber auch für alle Veteranen wichtig. Und vor diesem Hintergrund ist das Büro ab sofort als ‚die Anlaufstelle‘ zu verstehen. Das neue Veteranenbüro ist jetzt erst einmal ein dreijähriges Pilotprojekt, wo wir im Sinne eines Flagship-Store ausprobieren und lernen wollen. Und zwar, um für die vielseitigen Veteranenbelange eine möglichst zentrale Anlaufstelle in Berlin zu sein – und das dazu in einer Premiumlage direkt am Berliner Hauptbahnhof. Der Zugang zu unserem Veteranenbüro ist extra niederschwellig gewählt. Ohne irgendein Passwechselverfahren und ohne großartige bürokratische Hürden wollen wir im Zentrum Berlins sowohl geschulte Berater als auch generell Ansprechpartner zur Verfügung stellen.

Ich hoffe natürlich auf den Erfolg. Und das die Auswertungen innerhalb der Pilotphase so erfolgreich sind, dass wir das Konzept hinterher auch in der Fläche ausrollen können. Der Start in Berlin ist hierbei eine tolle Sache, aber letztlich kein deutschlandweiter Zugang. Und deshalb werden wir unseren Veteranen in der Zukunft sicherlich durch ein Rollout in der Fläche weiter entgegenkommen wollen, um das Bürokonzept schließlich wirksam umsetzen zu können.

Vernetzter Ansatz: Im Veteranenbüro ist man zukünftig auch auf wehrmedizinische Expertise aus bundeswehrinternen Fachinstanzen angewiesen.

Dreijährige Pilotphase für flächendeckendes Rollout

BwSportMag: Stichwort dreijährige Laborphase ihres Veteranenbüros nachgefragt. Hier dürfte es neben fachlichen Betreuungsebenen und konkreten Angebotspaketen vor allem um Kernfragen zur effektiven Operationalisierung gehen. Grundsätzlich formulieren Pilotprojekte parallel zur Praxis- und Testphase immer ein anzustrebendes Zielbild; wie würden Sie hierzu Ihre vorformulierten Hard- und Softskills beschreiben, die Sie entsprechend Ihres generellen Zielkorridors in Projektverlauf mit Sicherheit auf ihre Wirksamkeit und Richtigkeit hin evaluieren werden?       

Ahrens: Das ist eine ausgezeichnete und auch sehr wichtige Frage. Denn die vielen Dinge, die wir zukünftig hier im Berliner Veteranenbüro anbieten, praktizieren und veranstalten werden, sind mit normalen Controlling-Instrumenten nur sehr schwer messbar. Ich sehe an den beginnenden Tagesbetrieb unseres Veteranenbüros deshalb auch die Funktion eines Impulsgebers gekoppelt. Quasi im Sinne eines Information-Hubs, der zunächst einmal Menschen aufnimmt, der dann Informationen sammelt, ordnet und weiterleitet, der jetzt zwar noch nicht alles weiß und alles an Problematischem lösen kann. Aber, der immer jemanden Zuständigen kennen wird, der immer ein Netzwerk herausfinden wird, das zu der konkreten Problemstellung Antworten finden kann und sicherlich auch wird.

Ein Netzwerk also, das quasi wie eine Vermittlungsstelle und Verbindungsdrehscheibe fungiert. In manchen Punkten wird dieses Netzwerk aber sicherlich auch als Takt- und Ideengeber funktionieren. Sozusagen als Influenzer und immer dann, wenn Probleme auftauchen, die dann sicherlich oft auch sehr sensibel zu handhaben sind, um sie dann an die richtigen Stellen zu adressieren und fachlich zu platzieren. Insofern wird der Erfolg letztlich nur durch das messbar sein, was in der Realität auch wirkt. Jetzt könnte man es sich einfach machen und sagen: wir messen Veteranenkultur! Also, mit der Implementierung messen wir  die gesellschaftliche Bereitschaft, wie Veteranen durchschnittlich wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Dass damit der Erfolg nachgewiesen wäre, scheint mir dabei nicht zielführend.

Operationalisierung & Controlling: Iterative Erfolgsmessung geplant

Doch so leicht ist dieses Vorgehen in der Tat auch nicht, denn diese nachgefragten Relationen dürften sich in der Realität als schwer messbar erweisen. Insofern eine wirklich gute Frage, aber lassen Sie uns für die konkreten Antworten die geplanten drei Jahre Zeit. Natürlich werden wir die Arbeit dieses Veteranenbüros sehr genau beobachten. Insgesamt wohlwollend, weil ich davon überzeugt bin, dass sich das Veteranenbüro am Ende als eine absolut sinnvolle Einrichtung erweisen wird, die längst überfällig war. Uns wird gewiss etwas einfallen, um den Erfolg schließlich messbar zu machen und dabei diejenigen zu überzeugen, die jetzt noch in Skepsis verharren – manchmal eben auch qua Amt.

BwSportMag: Vor diesem Hintergrund knüpfe ich an unsere Diskussionsrunde am Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften vor den Düsseldorfer Invictus Games `23 an. Inwieweit wird das Veteranenbüro mit Ihren bundeswehrseitigen Partnern des sportmedizinischen Sektors zusammenarbeiten. Ich denke hier vorrangig an den Standort Warendorf mit der Bundeswehr-Sportschule und dem Zentrum für Sportmedizin. Wird es hier beispielsweise zukünftig auch für schon länger aus dem Militärdienst ausgeschiedene Veteranen möglich sein, konzeptionelle und konkrete Betreuung in Warendorf zu erhalten, wenn deren PTBS-Störungen als stark zeitversetzte Einsatz-Spätfolgen diagnostiziert werden?     

Warendorfer Militärsportexperten sind Kompetenz- und Ideenträger

Ahrens: Das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr ist ein ganz integraler Bestandteil unserer ambulanten Rehabilitation. Dabei letztendlich immer unsere Teststrecke zur ambulanten Rehabilitation und damit ein Stück weit Kompetenz- und Ideenträger. Die Sportschule der Bundeswehr stellt in diesem Zusammenhang letztlich den Anteil der Streitkräftebasis dar, aus dem die sportlichen Angebote stammen. Die Sportschule bietet das zwar speziell für Einsatzgeschädigte an, aber die Angebote gelten eigentlich der Breite. Sport hilft zwar, ist dabei allerdings aber nicht zwingender Teil der Rehabilitation. Sport hilft auch nicht immer und ist auch nicht bei jedem angezeigt. Und so sind letztlich auch unsere Verbindungen zur Sportschule, aber auch zum Zentrum für Sportmedizin zu betrachten.

Insofern habe ich als Beauftragter PTBS natürlich einen sehr engen Draht zu beiden Einrichtungen. Und ich glaube, dass diese intensiven Erfahrungen, die wir in Vorbereitung und bei den Invictus Games selbst sammeln konnten, dass wir dort ein Team stellten, dass die Teilnehmer dort ein Get-together-Erlebnis teilen und ganz persönliche Erfolgserlebnisse spüren konnten, alles das dürfte am Ende zum ganz wichtigen Erfahrungsschatz für alle Seiten und die unmittelbar Beteiligten gehören. Das sehe ich auch als wesentlichen Teil, ja als das Vermächtnis der Spiele an, die wir im Veteranenbüro nun auch durch eine Legasy – als das Erbe der Spiele – aufgreifen werden.

Ich glaube auch fest, dass wir das weiterbetreiben werden. Wir haben von der Stadt Düsseldorf das Angebot erhalten, dass wir ein vergleichbares Sportfest – quasi als German Invictus oder Invictus Deutschland – weiterhin zyklisch ausrichten können. Wie es dann letztlich offiziell heißen wird, wird sich sicherlich rechtzeitig zeigen. Die große Botschaft soll dabei lauten, dass wir unseren Leuten hier wieder eine aktive Teilnahme ermöglichen werden. Und das macht natürlich auf jeden Fall Sinn!

Warendorfer Ressorteinrichtung, wie das Zentrum für Sportmedizin und die Sportschule sind für Ahrens elementare sportspezifische Bausteine zur Rehabilitation von einsatzversehrten Kameraden.

Invictus Games 2023: Vermächtnis der Spiele lebendig halten

BwSportMag: Ohne auf die tatsächliche oder vermeintlich gemessene Öffentlichkeitswirkung der Invictus Games zu reflektieren, wie beurteilen Sie die Düsseldorfer Spiele in der Nachbetrachtung aus rein rehabilitationsmedizinischem Blickwinkel, im Feedback mit den Versehrten-Wettkämpfern und nach streng medizinwissenschaftlichen Maßstäben – welchen Output konnten Sie hier für zukünftige Konzeptentwicklungen erzielen?      

Ahrens: An den Anfang der Invictus Games hatten wir eine ganz spezielle medizinwissenschaftliche Auftaktveranstaltung – die ‚Warrior Care Conference‘ – gestellt. Dort ging es ausschließlich darum, neueste fachliche Erkenntnisse auszutauschen. Und das nicht nur zur Rehabilitation – also im engeren Sinne zu chirurgischen und orthopädischen Fragestellungen – sondern eben auch um Fragen zu unseren Fürsorgepaketen. Damit verbunden, wie wir den ganzen Maßnahmenprogrammen einen konkreten gesetzlichen Rahmen geben können. Das alles haben wir im internationalen Austausch verglichen, was total interessante und tiefe Einblicke lieferte.

Internationale Militär-medizinische Lernkurven

Vor allem, dass wir dabei auch die Militärseelsorge als eine wichtige Anlaufstelle für Menschen mit seelischen Verletzungen einbinden können. Hier gab es einen ebenso intensiven internationalen Austausch. Das war ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Zum einen, um daraufhin ein internationales Netzwerk zu knüpfen. Zum anderen, um unsere stetig wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnisse auszutauschen und dabei Ideen für weitere Forschungsvorhaben zu sammeln, die wir später gemeinsam evaluieren werden.

Die Fragen stellte Volker Schubert exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.

Fotos: Volker Schubert

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