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Weltmeisterschaften im Sportschießen in Granada

Filed in Allgemein, Spitzensport, Sportschießen, Wettkampf by on 5. November 2014 0 Comments • views: 67

Triumphe, Jubel –und ein denkwürdiges Karriereende
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So erfolgreich ist eine deutsche Mannschaft noch nie von einer „großen“ Weltmeisterschaft im Sportschießen zurückgekehrt: Zweiter des Medaillenspiegels von Granada mit insgesamt 15 Gold-, sechs Silber- und acht Bronzemedaillen, nur von China übertrumpft. Dafür hat das Team des Deutschen Schützenbundes aber gerade bei den Siegen den Rest der Welt, beginnend mit den neun Goldmedaillen Russlands und Italiens, weit hinter sich gelassen. Keine Frage: Aus den Tiefen des Londoner East Ends von 2012 haben sich die deutschen Schützen wieder zurück in das Konzert der großen Nationen an der Weltspitze zurück gespielt.

Und die Zeichen weisen in die richtige Richtung. Die letzte Olympiaschlappe erlitten die DSB-Kugelschützen 2000 in Sydney, es folgten in Lahti und Hollola sehr erfolgreiche Weltmeisterschaften, die in Athen 2004 in drei Medaillen mündeten, davon zwei goldene. Eine ähnliche Bilanz in Rio, und es herrschte allgemeine Zufriedenheit.

Im Luftgewehrfinale auf der Suche nach der klaren Linie: Barbara Engleder.

Im Luftgewehrfinale auf der Suche nach der klaren Linie: Barbara Engleder.

Wo anfangen, wo aufhören, wenn es um die Bilanz von Granada geht – so zahlreich waren die Höhepunkte aus deutscher Sicht, so unerwartet und so emotional. Erfolg und Gefühl verband etwa der große Erfolg der Katrin Quooß. Der Unteroffizier aus Frankfurt/Oder sorgte für eine der größten Überraschungen dieser Titelkämpfe und ließ dann ihren Freudentränen ungehemmt Lauf. Die Trapschützin aus Heiligengrabe gewann den Titel und kam dafür praktisch aus dem Nichts. Als diese Saison begann, als Uwe Möller das Zepter von Wilhelm Metelmann übernahm und neue Trainingsformen und Umfangserhöhungen einführte, bekam das die 28-Jährige nur am Rande mit. Denn sie war zu Hause, hatte ihr Kind zur Welt gebracht und verbrachte in ganzem Mutterglück die ersten Monate mit dem Jungen zusammen. Erst im Frühjahr dieses Jahres kehrte sie zurück, prompt holte sie bei den Europameisterschaften in Ungarn Silber und ließ erstmals wieder aufmerken. Die Glückshormone entfalteten offenbar schon wieder ihre Wirkung auch beim Schießen. „Weil ich ja erst nach der Mutterpause zurückgekommen bin, kam das für mich heute besonders überraschend“, sagte sie nach ihrem Weltmeisterschaftstriumph.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand Quooß gegen die Spanierin Fatima Galvez im Finale ins Rennen, war wieder fokussiert, die Nervosität schien wie weggeblasen. Während die heimischen Zuschauer sonst jeden Treffer von Galvez bejubelten, blieb es nach deren zehntem Schuss still. Sie leistete sich noch einen Fehler, und jetzt ließ ihr Quooß keine Chance mehr zurückzukommen. Strahlend riss sie ihre Flinte hoch, die Glückwunschtour schien kein Ende zu nehmen, jeder freute sich mit ihr, und für Bundestrainer Uwe Möller hatte sich ganz nebenbei ein weiteres Thema gleich bei der ersten Gelegenheit erledigt: Den einzigen Quoten-Startplatz, den Deutschland in diesem Wettbewerb gewinnen konnte, hatte Katrin Quooß soeben mit der souveränsten aller Möglichkeiten gesichert. Und damit nicht genug: Zusammen mit der Magdeburgerin Jana Beckmann, die im Einzel als Vierte unglücklich Bronze verpasste, und der Suhlerin Christiane Göhring gewann die Mannschaft ebenfalls Gold – Erfolge von historischem Ausmaß.

Karsten Bindrich kennt das Gefühl, Trap-Weltmeister zu sein, doch in Granada reichte es nicht ganz zum Finaleinzug. Eine verfehlte Scheibe am dritten Vorrundentag kostete den Diplom-Sporttrainer aus Eußenhausen die Möglichkeit, am Stechen um die Finalqualifikation teilzunehmen. 122 Treffer wies der Berufssoldat aus Oberhof damit als bester Deutscher auf, das bedeutete Rang 16 für den Hauptfeldwebel.
Lange schien es möglich, dass Christine Wenzel zum fünften Mal Weltmeisterin im Skeet werden könnte. Bevor sie zur dritten Runde startete, sagte allerdings Bundestrainer Axel Krämer: „Sie muss voll schießen.“ Doch das gelang nicht. „Ich muss damit lernen, mit meinen hohen Erwartungen und den ebensolchen anderer umzugehen, das ist meine Aufgabe für die nächsten Jahre“, bilanzierte die 33-Jährige. Sie trauerte den Möglichkeiten nach, klar, denn „mein Ziel war eine Medaille“. Jetzt steckt sie sich das Ziel Weltcupfinale, um mit einem beruhigenden Gefühl die nächsten Jahre anzugehen. „Nach zweijährigen Gesprächen bin ich jetzt Berufssoldatin“, sagte der derzeitige Hauptfeldwebel aus Warendorf und war froh, ihre berufliche und damit wirtschaftliche Zukunft abgesichert zu haben. „Es ist toll, dass das so funktioniert hat, da bin ich der Bundeswehr sehr dankbar.“

Medaillengewinnerinnen unter sich (v.li.): Malin Westerheim, Beate Gauß und Snjezana Pejcic.

Medaillengewinnerinnen unter sich (v.li.): Malin Westerheim, Beate Gauß und Snjezana Pejcic.

Ebenfalls lange im Blick hatte im Skeetschießen Sven Korte das Finale. Der Hauptgefreite in Frankfurt/Oder schien nach zwei Serien von 24 Treffern am ersten und sogar an zwei weiteren optimalen Durchgängen von 25 getroffenen Scheiben am zweiten Tag nicht mehr aus dem Feld der besten Sechs zu verdrängen zu sein. Doch für den Westfalen war die zusätzliche Nacht – normalerweise werden die fünf Skeetdurchgänge an zwei Tagen geschossen – wohl eine zu viel, zu viel Zeit zum Nachdenken. Denn in der abschließenden Serie patzte der 24-jährige Weltmeisterschaftsfünfte von Lima drei Mal und fiel auf den 21. Rang mit 120 Treffern zurück. Oberfeldwebel Ralf Buchheim aus Frankfurt/Oder blieb mit 118 Scheiben als 35. unter seinen Möglichkeiten.

Im Doppeltrapwettbewerb steuerte Andreas Löw lange Zeit auf Finalkurs. Der Vizeweltmeister von Belgrad 2011 lag nach zwei Serien von 28 und zwei Durchgängen von 29 Treffern im Vorderfeld. Erst nach der Abschlussserie von nur 25 Scheiben musste der 32-jährige Oberfeldwebel aus Oberhof alle Hoffnungen begraben. Mit 139 Treffern wurde er schließlich als bester DSB-Starter auf dem 14. Platz notiert.

Nach ihrem ersten Weltcupsieg in ihrer Karriere in Maribor galt Monika Karsch wenige Wochen später in Granada als Medaillenkandidatin. Der Oberfeldwebel aus Neubiberg wurde mit der Sportpistole diesen Erwartungen auch nahezu gerecht. Die zweifache Mutter aus Regensburg schaffte es ins Finale der besten acht Schützinnen, doch da kam sie nicht mehr zurecht wie gewünscht. Mit Platz sechs musste sie sich verabschieden – damit blieb sie nicht nur ohne Medaille, sondern, für sie und den DSB besonders bitter, auch ohne den Gewinn eines Quotenplatzes für die Olympischen Spiele in Rio. Diesen begehrten Startplatz bekamen die besten Fünf zugeteilt. Stefanie Thurmann, ebenfalls Oberfeldwebel, allerdings in Frankfurt/Oder stationiert und noch bei den Europameisterschaften Luftdruck als strahlende Titelträgerin direkt vor Karsch positioniert, fand hingegen in Granada weder mit der Sport- noch mit der Luftpistole ihre Form.
Die allerdings mussten die deutschen Gewehrschützinnen nicht lange suchen, und insbesondere Beate Gauß fand sie, sie wurde zum Star der Titelkämpfe mit insgesamt vier Goldmedaillen. Wie in den arabischen Erzählungen aus 1001 Nacht fühlte sich Beate Gauß unweit der Alhambra, als ihr letzter Finalschuss abgegeben worden war. Trotz der 8,7 – sie war Weltmeisterin mit dem Sportgewehr. Ausgerechnet sie, die in ihrer zehnjährigen internationalen Laufbahn so viele hervorragende, aber eben nie erste Plätze bei wichtigen Entscheidungen gewonnen hatte. Sie pustete durch, schloss die Augen, ließ den Kopf auf das Gewehr sinken – und erst danach, eine gefühlte Ewigkeit später, zeigte sie dem Publikum ihr strahlendes Siegerlächeln und die Siegerfaust. „Das ist Wahnsinn, daran habe ich in meinen kühnsten Träumen nicht geglaubt. Das muss ich erst mal verdauen“, sagte die Badenerin mit feuchten und geröteten Augen.

Weltmeisterin Beate Gauß, und das mit dem Sportgewehr, damit hatte niemand gerechnet. In Granada, beim größten Schießsportereignis außerhalb Olympias, stand jetzt auf einmal die „1“ vor ihrem Namen. Ruhig und beständig war sie im Finale geblieben. „Ich habe unheimlich viel meinem Trainer Frank Köstel zu verdanken, es ist alles so gelaufen, wie er es gesagt hat. Ich solle ruhig bleiben, er wisse, was ich kann. Niemand kennt mich so genau.“
Der 30 Jahre alte Oberfeldwebel aus Bruchsal konnte es kaum fassen: „Ich habe mich heute so gut und stark gefühlt. Es war so, das alles stimmt und alles passt, das passiert nur einmal im Leben.“ Es war der Wettkampf ihres Lebens, und ein Wettkampf mit den neuen unglaublichen Zahlen. Am Ende Platz eins, nach der Qualifikation 590 Ringe. Sie blieb am Stand stehen, schaute ungläubig, legte ihren Kopf auf dem Gewehr ab. „Als ich mit dem Vorkampf fertig war, musste ich erst mal gucken, ob das wirklich mein Ergebnis war, ob die Standnummer mit meinem Namen und dem Ergebnis überein stimmt, denn die 590 habe ich ja noch nie gesehen“, sagte sie über die Vorstellung, die mit ihrer persönlichen Bestleistung endete, nur vier Ringe unter dem Weltrekord. „Das muss ich jetzt erst einmal verarbeiten“, meinte die Odenheimerin, die „nebenbei“ dem DSB auch einen Quotenplatz für Rio gesichert hatte.

Den ersten Sieg hatte sie am Vortag in der Ausscheidung eingefahren. Gemeinsam mit Oberfeldwebel Barbara Engleder aus Neubiberg und Oberfeldwebel Eva Rösken, vormals Friedel, aus Todtnau gelang der triumphale Gewinn von Mannschaftsgold mit Weltrekord. „Wir haben so eine tolle Mannschaft, wo alle bei den anderen zugucken und sich anfeuern, dann läuft es in so einer guten Stimmung viel besser“, sieht Gauß auch in diesem positiven Verbund eine Ursache der guten Leistungen.

Ruhig und konzentriert auch im Finale: Beate Gauß im Kniendprogramm.

Ruhig und konzentriert auch im Finale: Beate Gauß im Kniendprogramm.

Besonders Beate Gauß war, einmal auf den Geschmack gekommen, nicht mehr zu bremsen. Im nichtolympischen Liegendkampf fuhr sie erneut mit 626,9 Ringen Gold ein. Schon am Vortag hatte sie, gemeinsam mit Barbara Engleder und Isabella Straub, ihre dritte von vier Goldmedaillen perfekt gemacht, als sie das Team zum Weltrekord von 1869,6 geführt hatte.
Erfolg und viele Emotionen hinterließ auch der letzte „Besuch der alten Dame“: Wehmut, Tränen, nochmal drei Erfolgsmeldungen und große Erleichterung. Niemand verkörperte und dramatisierte das Sportschießen in Deutschland so wie Berufssoldatin Sonja Pfeilschifter, trotz eines Ralf Schumann, der im gleichen Zeitraum drei Mal Olympiasieger wurde, während sie ohne Olympiamedaillen blieb – oder gerade deswegen. Die Hauptakteurin bemerkte froh: „Diese Medaille war mir nur wichtig, eine Genugtuung für mich, als Älteste des deutschen Teams die Beste gewesen zu sein. Das war ein supergeiler Wettkampf und Abschluss der Karriere.“

Ein letztes Mal hatte die 43-Jährige demonstriert, was sie kann und wozu sie fähig ist, wenn es darauf ankommt. Mit dem Luftgewehr gingen Pfeilschifter und Sportgewehr-Weltmeisterin Barbara Engleder ins Finale der besten Acht, nachdem sie schon zuvor im Verein mit der WM-Debütantin Lisa Müller Mannschaftsweltmeisterinnen geworden waren. Während Engleder im Finale jedoch nicht mehr ihre Form aus dem Vorkampf fand, steigerte sich Pfeilschifter in diesen nervenaufreibenden Wettkampf hinein. Als es ihr tatsächlich gelungen war, einen Rückstand aufzuholen und sich Bronze zu holen, riss sie die Faust hoch und strahlte wie ein kleines Kind, das gerade ein Eis geschenkt bekommen hat. Damit hat sie dem Deutschen Schützenbund mit dem ersten Gewinn eines Quotenstartplatzes für Olympia 2016 in Rio de Janeiro noch einmal ein nettes Abschiedsgeschenk gemacht. Es war ihr letzter Auftritt in einem olympischen Wettbewerb im Nationalteam. Später, über 300 Meter, hatte sie in granada noch einmal Pech, als beim Einzelsieg von Eva Rösken die sicher geglaubte Teammedaille – und ihr Einzel-Edelmetall – verloren ging, weil an Pfeilschifters Gewehr sieben Schuss vor Schluss der Schlagbolzen brach.

Doch das focht ihre Teamkolleginnen wie Beate Gauß vor allem nach dem Bronzegewinn mit dem Luftgewehr nicht an. „Ich schieße jetzt seit zehn Jahren zusammen mit ihr, sie ist noch immer ein ganz großes Vorbild. Diesen Abschluss mit der Medaille habe ich ihr gegönnt, sie hat ihn verdient. Das war heute ganz großes Kino.“

Auch Pfeilschifter beschlich Wehmut. „Mein ganzes Leben bin ich jetzt im Schießsport aktiv.“ Seit 25 Jahren „habe ich Schießen als meinen Job angesehen“. Mit aller Professionalität, die die Grundlage ihrer Erfolge bildete. „Und bis auf die letzten Monate war das eine geile Zeit, ich habe die Welt betingelt – ich bin eins mit mir.“ Wie es weiter geht, weiß sie noch nicht so genau. Als Hauptfeldwebel ist sie zunächst ab dem 1. Januar zum Truppendienst eingeteilt. Welche Aufgabe sie dann ausführen wird, steht für die Berufssoldatin noch nicht fest, Gespräche jedoch haben stattgefunden. „Doch die Entscheidung liegt bei meinem Arbeitgeber, der Bundeswehr.“ Vielleicht, das ist möglich, bleibt sie dem Schießsport über die Bundeswehr als Trainerin erhalten. Eine offizielle Verabschiedung vom DSB könnte im Rahmen des nächsten Deutschen Schützentages Ende April in Hamburg erfolgen. Erste Laudatoren haben sich bereits um diesen Job beworben.

Text und Fotos: Harald Strier

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