Der Weg nach Tokio – Sportdirektor Dr. Jens Kahl beschreibt den verlängerten Weg der Kanu-Rennsportler

Erstmalig in der Geschichte des Sports wird die Olympiade fünf Jahre lang sein. Die Athletinnen und Athleten des Kanu-Rennsport Teams Deutschland haben diese unfreiwillige Verlängerung sehr unterschiedlich hingenommen. Der dreifache Olympiasieger Sebastian Brendel nahm sich im letzten Jahr eine Auszeit, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Auf die beiden Erfolgsgaranten Hauptfeldwebel Ronny Rauhe oder Max Hoff kamen jedoch schwere Zeiten hinzu, wollten sie sich doch nach den Spielen im letzten Jahr ins Berufsleben stürzen. Eine Verlängerung der Sportkarriere war eigentlich nicht vorgesehen.

In die Vorbereitungsphase im Herbst letzten Jahres waren dennoch wieder alle bekannten Gesichter mit an Bord. „Unseren Kanuten liegen die Olympischen Spiele mehr als fast alles anderer am Herzen“, weiß Sportdirektor Dr. Jens Kahl. „Im Trainerteam haben wir alle aufgeatmet, nachdem wir ohne Verluste auf diesen längeren Weg nach Tokio erneut eingestiegen sind.“

Seit dem Herbst reiste das Team in verschiedene Lehrgänge. Zum Teambuilding ging es zunächst ins Allgäu. Danach folgten Trainingslager in der Türkei und Italien. „Die Sicherheitsmaßnahmen waren enorm“, so Kahl weiter. „Besonders im Ausland haben wir, aber auch unsere Organisatoren in den Hotels alles dafür getan, dass wir optimale und sichere Bedingungen vorfanden und niemand ausfällt. Regelmäßige Tests und die völlige Abschirmung von anderen Menschen gehörten dazu. Mit der Rückenverletzung von Tom Liebscher und der Corona-Infektion von Stabsunteroffizier Steffi Kriegerstein im privaten Umfeld, gab es allerdings auch zwei Rückschläge. „Ich bin mir sicher, dass wir Tom beim ersten Wettkampf wieder vorne sehen werden“, so Kahl. „Bei Steffi werden die nächsten Wochen entscheidend sein, ob es für Tokio reicht.“

Ranglisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Mit der nationalen Sichtung in Duisburg wartet die erste Bewährungsprobe zwischen dem 2. und 4. April. Hier liegt der Fokus auf den Einer-Ranglisten. Bei der zweiten Sichtung zwischen dem 16. und 18. April werden zusätzlich der Zweier-Kajak der Damen über 500m und der Zweier-Canadier der Herren über 1.000m ausgefahren. „Bei den Kajak-Damen müssen wir noch zwei Quotenplätze für die Olympischen Spiele holen“, erklärt Kahl. „Daher hoffe ich, dass wir mit dem Ergebnis dieser Rennen unsere Mannschaftsboote optimal besetzen können. Der C2 der Herren wird ähnlich interessant. Unser Serien-Olympiasieger Sebastian Brendel fordert zusammen mit seinem neuen Zweier-Partner Tim Hecker das Weltmeisterboot von 2017 und 2018 mit Yul Oeltze und Peter Kretschmer heraus. Damit nicht genug – Ich räume auch dem Boot mit Conrad Scheibner und Michael Müller Chancen für das Ticket nach Tokio ein.

Die Tickets für Tokio werden allerdings noch nicht final nach den beiden Sichtungen im April vergeben. Das Team der Bundestrainer wird Ende April zunächst die Nominierungen für den Weltcup in Szeged bekannt geben. Der erste internationale Vergleich in Ungarn wartet einen Monat später. Bis dahin findet sich die erweiterte Nationalmannschaft im Trainingslager in Kienbaum ein, um dort einen Fokus auf die Mannschaftsboote zu werfen. „Wir werden nach den Sichtungen in Duisburg sicherlich unterschiedliche Besetzungen ausprobieren“, erklärt der Sportdirektor weiter. „Ich rechne zwar bei den Kajak Herren nicht mit größeren Überraschungen, aber in allen anderen Disziplinen hoffe ich auf die interne Konkurrenz. In Szeged geht es für uns um zwei Quotenplätze bei den Kajak Damen und um einen Platz bei den Canadier Damen.“

Zu den Wettkämpfen in Szeged muss man wissen, dass es eigentlich zwei Veranstaltungen in einer sind. An den ersten Renntagen werden die Quotenplätze um Tokio ausgefahren. Im zweiten Teil findet der eigentliche Weltcup statt. In den beiden genannten Damen-Disziplinen liegt demnach der Augenmerk beim vorgelagerten Olympic Qualifier, während es in den meisten anderen olympischen Disziplinen zu deutsch-deutschen Duellen beim Weltcup kommen wird.

Der Vierer-Kajak mit Max Rendschmidt und den Sportsoldaten Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke.

Nach dem Weltcup ist vor dem Weltcup

Eine Woche später könnte die Reise in die russische Region Altai in den Süden Sibiriens gehen. Beim zweiten Weltcup in Barnaul gibt es die sogenannte „Last Chance for Olympia“, zu der man fahren könnte, falls die Ergebnisse aus Szeged nicht den Erwartungen entsprechen. „Eigentlich will ich da nicht hin“, so Jens Kahl. „Im besten Fall machen wir schon in Ungarn alles klar und könnten uns dann den Weg sparen. Da die Reise sehr lang ist und praktisch direkt nach dem ersten Weltcup angegangen werden müsste, kann man meine Zurückhaltung sicherlich verstehen.“

Egal ob mit oder ohne „Barnaul“, wer nach Tokio will, muss sich am 23. Mai ins Trainingslager nach Duisburg begeben. Gut anderthalb Wochen lang bereitet sich das Team auf die Europameisterschaften und „Die Finals Berlin | Rhein-Ruhr“ zwischen dem 3. und 6. Juni auf der Regattastrecke an der Wedau vor. „Das sind wieder zwei Veranstaltungen in einer“, erklärt der Sportdirektor. „Aber wir sind sehr, sehr glücklich Teil der „Finals“ sein zu können. Die Veranstaltung vor zwei Jahren in Berlin hatte uns Traumquoten im Fernsehen gebracht. Daher haben wir alle organisatorischen Hürden genommen, um Teil der Finals sein zu können und zeitgleich eine EM auszurichten. So ist zumindest die aktuelle Planung.“

Tokyo is near!

Danach biegt das Team auf die Zielgerade für Tokio ein. Eine Woche nach dem Doppel-Event von Duisburg stehen die harten Einheiten in der UWV (unmittelbaren Wettkampfvorbereitung) im Trainingslager in Kienbaum vom 13. bis 25. Juni und im darauffolgenden Trainingslager in Duisburg vom 7. bis 25. Juli an. Bereits jetzt hat das IOC signalisiert, dass man nur fünf Tage vor den Wettkämpfen in das Olympische Dorf einreisen kann. Eine Akklimatisierung in nur fünf Tagen würde allerdings einen beträchtlichen Nachteil für das deutsche Team bedeuten. Aus diesem Grund griff das Bundestrainerteam noch einmal in die Trickkiste und wird am 26. Juli, acht Tage vor den ersten Wettkämpfen, ins japanische Naka reisen, dass man bereits aus einem Lehrgang von vor zwei Jahren kennt.

Am 2. August um 2:30 Uhr (MEZ) hat das Warten auf die Kanu-Rennsport Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen ein Ende. Die RoadToTokyo ist Geschichte. Los geht es mit den ersten Rennen im Einer-Kajak der Damen über 200m. Bis zum 7. August wird das Team in zwölf Disziplinen um die Medaillen kämpfen.

„Uns ist bewusst, dass in diesem Jahr alles anders ist“, meint Kahl abschließend. „Zum heutigen Zeitpunkt gibt es wahrscheinlich beim IOC auch Worst-Case-Szenarien, die den Ausfall der Spiele beinhalten. Auch ist es fraglich wie wir in den nächsten Wochen und Monaten trainieren oder Wettkämpfe ausrichten können. Unsere Ausrichter planen mit mehreren Varianten. Und unsere Sportlerinnen und Sportler müssen das ganze Drumherum und einen möglichen Ausfall der Spiele ausblenden. Wir haben aber große Hoffnungen, dass der Weg bis Tokio nicht zu steinig sein wird. Unsere Sportlerinnen und Sportler und alle Beteiligten haben es einfach verdient.“

Text und Foto: Oliver Strubel / Deutscher Kanu-Verband

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