Das Olympia-Team 2021 Kanu-Slalom

Vorstellung Kanu Slalom Olympia-Team (v.l.n.r.): Ricarda Funk, Andrea Herzog, Sideris Tasiadis und Hannes Aigner am 16.06.2021 im Kanupark Markkleeberg.

Ricarda Funk

„Ich träume vom Lauf meines Lebens bei Olympia“

Olympia-Starterin Ricarda Funk liebt die Herausforderung am Kanuslalom. Ihrem Sport ordnet sie alles unter.

Zugern würde Ricarda Funk auf die Schule für Zauberei und Hexerei gehen – dabei hat sie mehrfach im Wildwasserkanal bewiesen, dass sie bereits zaubern kann. „Ich warte immer noch auf meinen Brief, der noch nicht angekommen ist, dass ich endlich nach Hogwarts gehen darf“, sagt sie lachend. Die 29-Jährige liebt die Harry-Potter-Romane. „Ich bin mit den Handelnden aufgewachsen. Sie waren damals in meinem Alter. Und Zauberei ist irgendwie etwas Schönes für Kinder. Ich finde sie aber heute immer noch cool.“
Seit Jahren gehört Ricarda Funk zu den Spitzenathletinnen der Welt. Mit EM- und WM-Medaillen dekoriert, sicherte sich die für Bad Kreuznach startende Wahl-Augsburgerin 2016 und 2017 den Weltcup-Gesamtsieg. 2016 war aber auch die größte Enttäuschung für die Sportsoldatin: Die Qualifikation für Olympia im brasilianischen Rio de Janeiro schaffte sie nicht. 2019 sollte es klappen. Souverän setzte sie sich im nationalen Kampf um das Olympia-Ticket nach Tokio durch und sicherte auch den Quotenplatz für den DKV.
Sport war schon immer ihre Leidenschaft. In Bad Breisig am Rhein aufgewachsen, begann sie im Alter von fünf Jahren mit dem Tanzen in einer Karnevalsgruppe. Mit Kanuslalom kam sie erstmals durch ihren Bruder in Berührung. „Anfangs dachte ich: Das ist ein Sport für Jungs. Da habe ich keinen Bock drauf. Ich will lieber tanzen und Leichtathletik machen, eben eher etwas typisch Mädchenhaftes.“ Doch nach dem ersten miterlebten Wettkampf fand die damals Sechsjährige Gefallen am Paddeln. Lange Zeit fuhr sie dann zweigleisig, bis sie mit etwa 14 Jahren eine Entscheidung treffen musste. „Irgendwann hatte es mit dem Tanzen keinen Sinn mehr, weil ich an den Auftritten nicht teilnehmen konnte, weil wir immer unterwegs waren.“

Endlich Olympia

2009 gewann sie bei den Junioren-Europameisterschaften mit Bronze ihre erste internationale Medaille. Nach dem Abitur 2011 kam sie in die Sportfördergruppe der Bundeswehr und zog nach Augsburg zum Bundesstützpunkt. Drei Jahre später qualifizierte sie sich erstmals für das A-Team. 2014 holte sie den Europameistertitel in Wien. Ein Jahr später folgte mit WM-Silber ihr bislang größter Erfolg.
Ricarda Funk liebt das Unvorhersehbare am Kanuslalom. „Es ist spannend, weil man an jeder Strecke vor einer neuen Herausforderung steht. Das Wasser ist jedes Mal anders. Es ist kein 800-Meter-Lauf, wo man schon vorher gut einschätzen kann, wo man steht. Man muss reagieren, je nachdem wie auch das Wasser reagiert“, erzählt die Wahl-Augsburgerin. Und wenn die Streckenaushängung mal nicht so ist, wie sie es sich wünschen würde, sieht sie es als Herausforderung: „Man wird dann mit seinen Schwächen konfrontiert, die man bewältigen muss.“ Für sie ist es wie ein Spiel auf dem Wasser. „Es ist ein bisschen wie Tanzen auf dem Wasser, wenn ich in der Welle surfe und eine Rückwärtsdrehung mache“, schwärmt sie.

„Wir müssen flexibel und kreativ sein“

Kanuslalom ist für sie „eine coole Kombination aus vielen Fähigkeiten: Es ist technisch sehr anspruchsvoll. Wir müssen aber genauso auch ausdauermäßig fit sein. Zudem spielen Schnelligkeit und Kraft eine große Rolle, wenn man bei einem Aufwärtstor noch einmal schnell anreißen muss. Oder wenn man in den Zielsprint übergeht.“
Nach der coronabedingten Verschiebung der Sommerspiele auf 2021 und der unsicheren Situation danach, wie es überhaupt weitergeht, sagt sie: „Ich war positiv eingestellt. Ich nehme es, wie es kommt. Wir müssen weiterhin flexibel und kreativ sein.“ Zudem sei sie sehr dankbar für die Unterstützung der Bundeswehr. „Vor allem auch in der Corona-Zeit ist sie ein treuer und verlässlicher Partner.“

Familie gibt Rückhalt

Rückhalt bietet ihr auch ihre Familie. „Als voriges Jahr alles abgesagt wurde, bin ich auch gerne nach Hause gefahren, in meinen sicheren Hafen zum Runterkommen.“ Aber etwas Positives brachte das Jahr 2020: Zeit für die Liebe. Sie lernte den für die Schweiz startenden Kajak-Kollegen Martin Dougoud – ebenfalls für Olympia qualifiziert – näher kennen.
Mit der Corona-Pandemie haben sich Funks Pläne bezüglich Ausbildung verschoben. Den Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaften hat sie bereits an der Universität Augsburg absolviert. „Mein Plan war, 2020 das Studium wieder aufzunehmen, den Master strebe ich an.“ Doch ein Direktstudium soll es nicht wieder werden. „Ich möchte keine Sonderrolle mehr haben. Nicht die sein, die sowieso immer nicht da ist, die für Klausuren Sondertermine bekommen muss.“ Halbe Sachen sind nichts für die Perfektionistin. „Wenn ich etwas mache, dann will ich es richtig machen und mich nicht immer zweiteilen. Das eine halb und das andere halb. Das hat mich immer gestört. Am Ende ist das Studium immer etwas zurückgefallen. Ich hasse es, wenn ich etwas nicht so gut abgeben kann, wie ich es gern gemacht hätte.“ Trotzdem möchte sie ihre duale Laufbahn etwas vorantreiben, der Sport stehe jedoch nach wie vor an erster Stelle.

Noch kein konkreter Plan nach Sportkarriere

Konkret weiß die Sportsoldatin noch nicht, was sie später einmal beruflich machen will. Ursprünglich dachte sie an ein Biologie-Studium. Dieses Fach und Chemie haben ihr in der Schule immer sehr viel Spaß gemacht. „Auch Mathematik und natürlich Sport“, sagt sie lachend. Doch ihr Leistungssport stand an erster Stelle – und Biologie kann man in Augsburg nicht studieren. „Was mein Traumjob ist, das muss ich tatsächlich noch herausfinden.“ Aufgrund des Sports war bisher kaum Zeit dazu. Deshalb, so der Plan, möchte sie sich im nächsten Jahr bemühen, Praxis-Einblicke in verschiedenste Bereiche zu bekommen. Eines ist aber sicher, der klassische Journalismus soll es nicht sein. Die kreative Branche gefalle ihr. „Ich finde die Werbebranche sehr interessant. Das hat ja auch sehr viel mit Psychologie zu tun. Das interessiert mich generell.“ Vorstellbar für sie ist auch die Unternehmenskommunikation, zum Beispiel für Social-Media-Accounts verantwortlich zu sein. Vielleicht bleibe sie aber auch dem Sport treu, in irgendeinem Bereich oder auch als Trainerin. „Ich weiß zwar nicht, was ich als Trainer drauf habe. Aber ich weiß, ich habe ein gewisses Know-how, was ich vielleicht anderen vermitteln kann.“

Sport an oberster Stelle

In ihrer wenigen Freizeit ist Ricarda Funk gern kreativ, gestaltet Karten für alle möglichen Anlässe. Aktuell liest sie gern Biografien, wie kürzlich von Michelle Obama. „Sie sind Inspirations- und Motivationsquellen für mich.“ Wenn es die Zeit erlaubt, liebt sie das Wandern in den Bergen. Im Urlaub ist es für sie wichtig, dass es raus in die Natur geht und dass auch etwas Action dabei ist. „Ein reiner Strandurlaub wäre für mich zu langweilig.“ Ihr Traumland ist Island. „Vielleicht ist es irgendwann mit dem Wettkampfkalender vereinbar.“
Doch vorerst steht der Sport an oberster Stelle. Dem ordnet Ricarda Funk alles unter. Ganz wie ihre Kinderhelden fliegt sie über die Wildwasserschnellen, zaubert wieder und wieder in ihrem Kajakboot, wie beim ersten internationalen Wettkampf während des Warmwasserlehrgangs auf La Réunion, eine zu Frankreich gehörende Insel im Indischen Ozean. Sie war 2020 in bestechender Form, was ihre Zeiten bei der nationalen Qualifikation Ende 2020 in Markkleeberg zeigten. In diesem Jahr soll es so weitergehen, mit Weltcup-Silber in Markkleeberg hat es auch schon geklappt. Akribisch bereitet sich die 29-Jährige darauf vor. „Ich möchte an das, was ich im vollen Wettkampfjahr 2019 gezeigt habe, anknüpfen.“ Nach den Wettkampfausfällen 2020 war es schwer einzuschätzen, wo sie international steht. Die Konkurrenz konnte nicht beobachtet werden, Vergleiche waren unmöglich. „Deshalb wird das Jahr wirklich spannend. In einem Jahr kann sehr viel passieren. Gerade, dass vielleicht Jüngere hochkommen. Wir werden sehen“, sagte die Olympia-Starterin vor der Saison 2021. Zudem die Trainingsmöglichkeiten nicht optimal gewesen seien.
Ricarda Funk hat ein großes sportliches Ziel: „Ich träume davon, bei den Olympischen Spielen endlich an der Startlinie zu sitzen und dann DEN Lauf zu haben.“ Mit einer zauberhaften Paddelfahrt auf dem Wildwasserkanal im Kasai-Kanu-Slalomzentrum hätte sich dann zumindest einer ihrer Träume erfüllt.

Geburtsdatum: 15.04.1992

Geburtsort: Bad Neuenahr

Wohnort: Augsburg

Beruf: Sportsoldatin

Größe/Gewicht: 170/53 kg

Verein: KSV Bad Kreuznach

Trainer: Thomas Apel, Thorsten Funk

Erster Verein: WSV Remagen

Sponsoren: Hiko, Vajda, Double Dutch

Ausrüster: Hiko, Vajda, Double Dutch

Hobbys: Zeichnen

Blick ins Familienalbum:
Ricardas Bruder Alexander ist ehemaliger C1–Fahrer und war jahrelang mit der Junioren und U23-Nationalmannschaft unterwegs. Im Jahr 2013 hatte er sich im C2 für das A-Team qualifiziert. Ihr Vater unterstützt als Trainer die U23-Nationalmannschaft während der Wettkampfsaison.

Karriere/Lebenslauf:
Ricarda hat durch ihre Eltern und ihren Bruder etwa mit sechs Jahren im Rheintal mit Kanuslalom angefangen. Anfangs war es neben Tanzen nur ein weiteres Hobby, mit der Zeit hat es sich immer mehr zum richtigen Leistungssport entwickelt. Im Jahr 2009 konnte sie bei den Europameisterschaften der Junioren mit Bronze ihre erste internationale Medaille gewinnen. Nach dem Abitur 2011 kam sie in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. In diesem Zusammenhang war auch der Umzug zum Bundesstützpunkt Augsburg unumgänglich. 2014 qualifizierte sie sich erstmals für das A-Team. Kurz stand stand sie das erste Mal auf dem Podium. Den Gewinn der Goldmedaille bei den Europameisterschaften in Wien 2014 konnte sie zunächst gar nicht begreifen. 2015 gelang ihr der Gewinn einer WM-Silber-Medaille. Dies ist bislang ihr größter Erfolg. Nebenbei hat sie 2017 ihren Bachelor im Fachbereich Medien und Kommunikation an der Universität Augsburg abgeschlossen. Auch die Pflichtlehrgänge eines Sportsoldaten sind seit 2017 alle absolviert.

Größte Erfolge

Weltmeisterschaften:
2018 Rio de Janeiro/BRA – Bronze K1, Silber K1 Team
2017 Pau/FRA – Bronze K1, Gold K1 Team
2015 Broxbourne/GBR – Silber K1

Weltcup:
2021 2. Markkleeberg (GER)
2019 2. London (GBR), 3. Bratislava (SVK), 1. Markkleeberg (GER)
2018 Gesamt-2.
2017 Gesamtsiegerin
2016 Gesamtsiegerin

Europameisterschaften:

2021 Ivrea/ITA – Bronze K1

2019 Pau/FRA – Silber K1 Team

2018 Prag/CZE – Gold K1, Gold K1 Team

2015 Markkleeberg/GER – Silber K1

2014 Wien/AUT – Gold K1

 

Andrea Herzog

Die stille Perfektionistin
Weltmeisterin Andrea Herzog ordnet ihrem Sport alles unter. Es gibt wenige Augenblicke für Abwechslung.

Sie ist gerade einmal 19 Jahre, als sie ihren bislang größten Erfolg feiert. Ende September 2019 wird sie Weltmeisterin im Einer-Canadier im spanischen La Seu d’Urgell. Andrea Herzog. Bis dato hatte sie es in der Leistungsklasse nie geschafft, im entscheidenden Moment alles zusammen zu bringen. Doch was sie kann, hatte sie in den Wettkämpfen im Verlauf der Saison bis zum damaligen Höhepunkt bereits angekündigt. Zumindest der Sprung auf ein Treppchen war angezeigt. Dass es auf das höchste reichen würde, darüber war Herzog selbst ein wenig überrascht. Die Freude darüber umso mehr, auch wenn ihr Jubel im Vergleich zu manch anderem eher verhalten ausfiel.
Zurückhaltend, eher ein wenig introvertiert – so wird Andrea Herzog wahrgenommen. Ein Feierbiest ist sie nicht. So ist es für sie nicht schlimm, dass sie ihren 21. Geburtstag, Anfang Dezember, nur ganz klein begehen konnte. „Ich feiere gern im engsten Familienkreis“, sagt die gebürtige Meißnerin. Aufgewachsen nahe der Porzellanstadt, in Niederau. „Zum Kanuslalom kam ich durch meinen Bruder.“ Beim Training immer nur Zuschauerin, wurde sie gefragt, es nicht einmal selbst auszuprobieren. Gefragt, getan.

Ihr Hang zum Perfektionismus kommt ihr sicher zugute. Den zeigte sie deutlich, als sie wenige Stunden nach ihrem Triumph bei den Weltmeisterschaften fragte: „Aber wenn Jessica die Strafsekunden nicht gehabt hätte, hätte ich nicht gewonnen, stimmt‘s?“ Sie analysiert immer, wie sie besser werden kann. Vor Wettkämpfen legt sie den Fokus auf sich, will ihre beste Leistung zeigen.

„Ich koche viel und gern“

Privates steht an zweiter Stelle. Bei ihrem Freund Philipp stößt die Wahl-Leipzigerin dabei auf volles Verständnis. Einst selbst Slalomkanute, engagiert er sich weiterhin bei Wettkämpfen und unterstützt den Sport. Seine Schichtdienste mit ihrem Zeitplan unter einen Hut zu bringen – keine leichte Aufgabe. „Wir schaffen es meistens, dass wir uns nicht sehen“, sagt Herzog scherzhaft. Doch wenn, dann nutzen sie die Zeit gern einmal zum gemeinsamen Kochen. „Das klappt inzwischen besser. Früher hatte jeder seine eigene Vorstellung, aber wir haben gelernt uns die Aufgaben zu teilen“, sagt sie lachend. „Ich koche viel und gern.“ Absoluter Favorit sind Gerichte mit Nudeln, aber auch Reis und Produkten aus Kartoffeln. Kohlenhydrate eben. Süßes wie Kuchen isst sie mal ganz gern, aber eher selten. „Ich sitze nicht abends auf der Couch und muss dann Schokolade essen.“
Abends auf der Couch entspannen, dass liebt die 21-Jährige indes. Gerade dann, wenn das Training auf einem Level angekommen ist, wo man nur noch kaputt ist, „lasse ich mich dann gern rund eineinhalb Stunden vom Fernseher unterhalten. Oder schaue auf Instagram, was andere Sportler gemacht haben, um mich inspirieren zu lassen.“ Manchmal nimmt sie auch gern ein Buch in die Hand. Ihre Lieblingslektüre: Kriminalromane.

Sie fährt als Weltmeisterin nach Tokio

Den Urlaub mit Philipp, wie er im vorigen Jahr im Berchtesgadener Land dann doch möglich war, genießt sie gern mit Wandern. Wichtig ist für sie, dass sie sich in einer schönen Landschaft bewegt.
2019 war das bisher erfolgreichste Jahr für die noch so junge Paddlerin, nicht nur sportlich. Vor ihrer Krönung zum WM-Titel schloss sie das Abitur mit 1,1 ab. Sicherte sich das Olympia-Ticket, holte den Quotenplatz. Verschiedene Auszeichnungen wie „Eliteschülerin des Sports“ folgten. Der Erfolg ist ihr nicht zu Kopf gestiegen. An ihrem Leben hat sich nichts geändert: „Der WM-Titel ist nur Lohn für die harte Arbeit. Er macht mich nicht zu einem anderen Menschen.“
Hart arbeiten, das kann sie: an Leistungsgrenzen gehen, Schmerzen und Niederlagen verkraften, an sich glauben, kämpfen. Immer an ihrer Seite: Trainer Felix Michel. Viel Neues wurde vor ihrem Erfolgsjahr probiert. Der Lohn: Weltmeisterin.

Der Weg dahin war geradlinig. In Meißen lernte sie bei ihrer ersten Trainerin Sigrid Heinecke die ersten Paddelschläge. „Sie hat mich sehr weit gebracht. Dafür bin ich ihr und auch Mirko Arold, der viel Energie in mich steckte, sehr dankbar.“ Doch die Grenzen des Machbaren waren in Meißen erreicht. „Der einzig logische Schritt für mich war, nach Leipzig zu gehen.“
So wechselte sie 2015 vom Meißner Gymnasium ans Sportgymnasium in Leipzig, weil sie in Markkleeberg die besten Bedingungen für ihre Weiterentwicklung hatte. Es war allein die Entscheidung der damals 15-Jährigen. „Meine Eltern haben mich nie zu etwas gedrängt. Sie haben mir aber alles ermöglicht.“ Es war eine einschneidende Erfahrung, vom behüteten Elternhaus auszuziehen. „Die ersten Wochen waren echt die Hölle.“ Es dauerte Monate, bis sie sich an das neue Leben gewöhnt hatte. Um alles musste sie sich von nun an kümmern: essen, Training organisieren, Anfahrt zum Wildwasserkanal mit all ihrem Gepäck. Ihr schönes eigenes Zimmer musste sie tauschen gegen ein etwa zehn Quadratmeter großes Internatszimmer, geteilt mit einer anderen Bewohnerin. Außerdem eine unbekannte Stadt.

Nach Abitur Bundeswehr

Inzwischen ist Herzog natürlich schon längst angekommen in ihrer Wahlheimat, hat viele Freunde gefunden, ist in die erste eigene Wohnung gezogen. Das Abitur mit Bravour absolviert, obwohl sie selten anwesend war. So musste Andrea Herzog, als sie 2019 fast vier Wochen in Australien war, dort die Geschichts- und Mathematikklausuren schreiben. Ihr Trainer Felix Michel fuhr mit ihr extra in die Bibliothek der Universität. „Das war aber nicht entspannt, wie viele meinen würden – ganz im Gegenteil“, betont sie. „Felix hat das sehr ernst genommen.“ Er ist Bezugsperson Nummer eins: Trainer, Mentor und Mentaltrainer. Er hat ihr auch aus ihrer bisher größten Krise 2018 geholfen, als sie weit unter ihren Fähigkeiten blieb, WM-27. wurde.
Seit Juli 2019 gehört sie der Bundeswehr an. „Die Bundeswehr wollte mich unbedingt haben. Und studieren kann ich auch dort.“ Was, damit beschäftigt sie sich später. Jetzt konzentriert sie sich erst einmal auf den Leistungssport. „Er macht Spaß, und ist vor allem die Schule des Lebens“, erklärt sie ihre Leidenschaft und ergänzt: „Mit all den Rückschlägen.“

Olympia-Verschiebung kam ihr entgegen

Die Olympia-Verschiebung: für sie eine Chance, alles Erlebte aus 2019 zu verarbeiten und vor allem an sich zu arbeiten, um noch besser zu werden. Auch wenn sie nicht den Drang hat, im Mittelpunkt zu stehen, so freut sie sich auf das Karriere-Highlight eines jeden Athleten. „Eine Olympia-Medaille ist noch einmal etwas ganz anderes als Weltmeisterin zu sein. Olympia gibt es nur einmal alle vier Jahre und wird in der Öffentlichkeit wahrgenommen.“

Nach Olympia, so der Plan, möchte Andrea Herzog studieren. Neben ihrem Sport und ihrer militärischen Ausbildung. „Da macht uns die Bundeswehr große Zugeständnisse und unterstützt uns sehr. Wir können uns nebenher ein Standbein aufbauen. Dafür müssen wir einen Fünf-Jahres-Plan vorlegen, wie wir alles miteinander vereinbaren möchten.“ Aktuell denkt sie an ein Studium der Ernährungswissenschaften, „weil es mir auch sportlich weiterhelfen kann.“ Allerdings ist sie sich noch nicht sicher. „Ich weiß nicht, was mich derart interessiert, dass ich mein ganzes Leben dann auch auf diesem Gebiet arbeiten möchte.“ Deshalb findet sie es auch gut, durch die Olympia-Verschiebung mehr Zeit für diese Entscheidung zu haben.

Geburtsdatum: 09.12.1999

Geburtsort: Meißen

Wohnort: Leipzig (Heimatort: Niederau)

Beruf: Sportsoldatin

Größe/Gewicht: 163 cm/56 kg

Verein: Leipziger Kanu-Club

Trainer: Felix Michel

Erster Verein: SG Kanu Meißen

Ausrüster: Vajda, Galasport, Hiko

Hobbys: Volleyball, Kochen/Backen

Blick ins Familienalbum:

Andrea wurde in eine sportliche Familie gebo­ren. Ihr Vati war im Fußball-Verein aktiv und spielte auch Volleyball. Ihre Mutti betrieb Ge­rätturnen. Andrea und ihr Bruder sind quasi im Paddelbot groß geworden: Ihre Eltern haben gern Wasserwandertouren mit einem Faltboot unternommen. In den Sommerferien waren sie mit Andrea und ihrem Bruder hauptsächlich in Schweden paddeln.

Karriere/Lebenslauf:

Andrea liebte bereits in der Grundschule den Sportunterricht. Da sie sehr talentiert war, spielte sie durch ihren damaligen Sportlehrer zunächst vier Jahre Handball. Später hat sie ge­meinsam mit ihrer Mutti und mit ihrem Bruder Robert mit Aikido begonnen. Robert hat zuerst mit dem Paddeln bei der SG Kanu Meißen an­gefangen. 2008, nach einem Jahr Zuschauen hat sich Andrea das erste Mal in ein Slalomboot gesetzt. Seitdem hat sie Spaß an diesem Sport. Motivation bekommt sie von ihrem Bruder. 2014 konnte ich sich Andrea erstmals für die Junioren-Nationalmannschaft qualifizieren und sich damit für die JWM 2015 in Brasilien empfehlen, wo sie Junioren-Weltmeisterin wurde. Im Sommer 2015 wechselte Andrea nach Leipzig an das Sportgym­nasium, wo sie aktuell ihr Abitur ablegt.

Größte Erfolge

Weltmeisterschaften:

2019 La Seu d‘Urgell/ESP – Gold C1

Weltcup:

2021 1. Markkleeberg (GER), 2. Prag (CZE)

2018 Gesamt-5. (1×4., 1×5., 1×10.)

Europameisterschaften:

2019 Pau/FRA – Silber C1 Team

2017 Tacen/SLO – Silber C1 Team

2016 Liptovsky Mikulas/SVK – Bronze C1 Team

 

Sideris Tasiadis

„Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst“
In Tokio startet Sideris Tasiadis zum dritten Mal bei Olympischen Spielen. Er weiß um seine große Aufgabe für den Verband.

Er ist gereift und bodenständig. Er ist ein Typ, der gern auch seinen eigenen Weg geht. Sideris Tasiadis. Der griechisch-stämmige Augsburger beherrscht in seinem Canadier-Boot das wilde Wasser wie kaum ein anderer. Ihm wird nachgesagt, er kann das Wasser lesen, wie kaum ein anderer. Sein Training teilt er sich mittlerweile gern selbst ein. „Das hat sich über die Jahre so entwickelt. Ich mache mir Gedanken, wie kann ich besser werden?“ Er will nicht jedes Jahr das gleiche trainieren. Denn, so stellte er fest, „ich bin nicht besser geworden. Ganz im Gegenteil. Meine Leistungskurve wurde immer schlechter, obwohl ich das Gleiche trainiert hatte.“ Er wollte neue Reize setzen. „Und das habe ich dann einfach gemacht.“ Auch, obwohl er wusste, dass es ein Risiko ist.

Risiko in seinem Sport, Sicherheit im Leben

Generell, so sagt Tasiadis, sei er ein risikobereiter Mensch. „In unserem Sport muss man es sowieso sein. Da hilft es nicht, auf Sicherheit zu fahren.“ Aber seine Berufskarriere betreffend, liebt der 31-Jährige eher die Sicherheit. Wählte eine Laufbahn bei der Polizei, ist bereits Polizeiobermeister. „Wenn ich mit Kanuslalom aufhöre, habe ich nahtlos bei der Polizei eine Arbeitsstelle und muss nicht erst lange suchen. Dann habe ich mein monatliches Gehalt und weiß, wovon ich meine Miete bezahlen kann.“
Risikoreiche Sportarten betreibt er aber nicht. „Die Verletzungsgefahr ist mir zu hoch. Meine Sportkarriere könnte gefährdet sein.“ Im Urlaub fährt er mit Freundin Denise und seiner Hündin Milou gern in die Berge zum Wandern. Wildwasserkanäle befährt er dann nicht. „Wenn ich Urlaub habe, dann hat mein Boot auch Urlaub“, sagt er lachend und ergänzt, „meine Freundin findet das auch gut.“

Dank an Ersttrainer Klaus Gebhard

Viel zu verdanken hat Tasiadis seinem früheren Trainer und Sportlehrer Klaus Gebhard, der ihn an Kanuslalom heranführte. Schon im Jugendalter erlernte er spielerisch bei ihm das Paddeln unter Druck. „Wir haben Wetten abgeschlossen. Wenn er gewonnen hat, hat er etwas bekommen – da ging es aber nur um ein Spezi oder so. Und wenn wir gewonnen haben, haben wir nach dem Training unser Spezi bekommen.“ Um das Gefühl und das Auge für das Wasser zu bekommen, fuhr Gebhard in den Ferien mit seinen Schützlingen nach Slowenien oder Frankreich auf wilde Flüsse. „Da muss man vorausschauend fahren. Da konnte man nicht erst die ganzen Kilometer ablaufen und sich alles einprägen, wo welcher Stein ist. Das hatte nichts mit Slalom zu tun. Aber wir haben gelernt, das Wasser zu lesen.“

„Ich war die WM falsch angegangen“

Der Kanu-Schwabe kann sich sehr schnell auf jeden Wildwasserkanal einstellen. Und er hat wahnsinnig starke Nerven – wie bei den diesjährigen Europameisterschaften im italienischen Ivrea, als es um das für Deutschland letzte Olympia-Ticket für Tokio im Kanuslalom ging. Warum seine erste Chance auf die Qualifikation für die Spiele bei der WM in Spanien Ende 2019 derart schief ging – Tasiadis erreichte als Weltranglistenerster nicht einmal das Halbfinale –, erklärt er heute ganz ehrlich: „Ich war die WM falsch angegangen. Ich habe es zu sehr auf die leichte Schulter genommen.“ In Ivrea, so sagt er, war er vor dem Start gar nicht nervös. „Ich wusste, was meine Aufgabe ist. Ich habe die Aufgabe angenommen, mit Respekt. Ich wusste, von oben bis unten muss es gut laufen.“

„Ich bin erfahrener geworden“

2015 musste der Ausnahmeathlet mit dem Tod seiner damaligen Freundin einen schweren Schicksalsschlag verkraften. „Es hat mich verändert. Ich bin erfahrener geworden. Ich denke darüber nach, was Sinn im Leben hat und was nicht. Ich mach nur das, worauf ich Bock habe, das ist halt so.“
In Tokio will der Augsburger nun schon zum dritten Mal um Edelmetall bei dem größten Sportereignis für einen Athleten mitkämpfen. 2012, als er sich das erste Mal seinen Kindheitstraum mit der Olympia-Qualifikation erfüllte, ließ er sich aus Freude darüber die olympischen Ringe auf seinen linken Oberarm tätowieren. Es ist und bleibt aber sein einziges Tattoo, sagt er lachend. In London paddelte er dann gleich mit gerade einmal 22 Jahren überraschend zu Olympia-Silber. Damals stand er auf dem Treppchen mit seinen beiden großen Vorbildern Michal Martikan aus der Slowakei und Tony Estanguet aus Frankreich. Heute ist der 31-Jährige wahrscheinlich selbst ein Vorbild für junge Sportler. Aber, so sagt er, „ich stelle mich nicht gern in den Vordergrund.“ Ratschläge hat er immer parat, „ich gebe gern Tipps, wenn sie mich fragen.“ Natürlich bekomme er auch noch Tipps von anderen, „aber ich bin mein größter Kritiker. Kein anderer ist so kritisch mit mir. Ich hinterfrage alles.“

Immer noch hungrig nach Erfolgen

Bei den Sommerspielen 2016 verpasste Tasiadis als Fünfter wegen einer ganz leichten, fast nicht sichtbaren Torstabberührung eine weitere Olympia-Medaille. Als wäre es gestern gewesen, weiß er heute noch: „Ich war in einem kurzen Moment im Kopf schon beim nächsten Tor und bin zu früh mit dem Oberkörper nach vorne gegangen.“
Trotz seiner olympischen Medaille und EM-Gold im gleichen Jahr ist der Augsburger bis heute hungrig nach Erfolgen. 2013 gewann er den Gesamt-Weltcup. „Danach setzte ich mir immer mehr Ziele: Egal wo ich an den Start gehe, ich will gewinnen. Eine WM will ich noch gewinnen, das wäre cool.“ Auf Olympia in diesem Jahr freut sich der Ausnahmeathlet trotz der besonderen Umstände, allein weil er es geschafft hat, sich zu qualifizieren. „Klar wird es anders werden. Aber man weiß, dass sich die fünf Jahre gelohnt haben, in denen man weiter trainiert hat.“ So will er zeigen, zurecht die Nummer eins in Deutschland zu sein und, so sagt er, „man vertritt ja auch Deutschland.“ Und er sei sich vor allem seiner Verantwortung bewusst.
Sein Herz schlägt für Kanuslalom, „das wird auch immer so bleiben.“ Seine zweite Leidenschaft ist seine Vespa. „Bei schönem Wetter fahre ich gern mit meinem Moped die Landstraße entlang und genieße die Freiheit sozusagen“, beschreibt Tasiadis seine Ausfahrten mit einem Leuchten in den Augen. Zudem schraube er sehr gern an seinen Vespas, Baujahre 71 und 86, herum. „Da kaufe ich mir immer wieder Bücher, um zu wissen, wie die Technik funktioniert. Mittlerweile kenne ich mich gut aus.“

Paris 2024 nächstes Ziel

Bis zu den nächsten Spielen, 2024, will Sideris Tasiadis auf jeden Fall noch weiter paddeln. Doch zunächst möchte er in Tokio „vorn mitmischen, auf dem Podium stehen. Das erwartet auch der Verband von mir.“ So ist er jetzt erst einmal froh, dass er auf der internationalen Bühne gesehen hat, dass sein Boots- und Paddelwechsel im vorigen Jahr funktioniert hat. „Denn der Druck ist schon ganz schön groß, da von unserem Abschneiden auch Gelder für den Verband bis hin zum Nachwuchs in den nächsten drei Jahren abhängen. Wenn man das als Sportler weiß, ist das eine ganz schöne Aufgabe, die man hat.“ Und wenn dann von den Medien der Gewinn der Goldmedaille erwartet wird, antwortet er: „Du hast keine Ahnung, wie unser Sport funktioniert.“ Er wisse, dass seine Offenheit nicht immer gut rüberkomme, „aber das ist mir wurscht und ich verstelle mich auch nicht mehr“, sagt er lachend.

Geburtsdatum: 07.05.1990

Geburtsort: Augsburg

Wohnort: Friedberg

Beruf: Polizeiobermeister

Größe/Gewicht: 179 cm, 80 kg

Verein: Kanu-Schwaben Augsburg

Trainer: Klaus Pohlen

Erster Verein: Augsburger Kajak Verein

Sponsoren: Stadtwerke Augsburg, Automobile Tierhold, Spezi Energy, Grabez, Werbetechnik, Sanct Bernhard Sport

Ausrüster: Galasport, Sandiline

Hobbys: Oldtimer

Blick ins Familienalbum:

Die ältere Schwester ist Hobbysportlerin. Zur Fa­milie gehört auch noch Hündin Milou. Sideris ist ledig.

Karriere/Lebenslauf:

Sideris spielte zunächst Fußball auf dem Bolz­platz. Mit 12 Jahren begann er mit Kanuslalom. Den Anstoß gab sein Schul-Sportlehrer Klaus Gebhard. Er fragte Sideris, ob er Kanu auspro­bieren möchte. Gebhard war dann bis zur Rente 2011 sein Heimtrainer. Sideris erster Erfolg war der EM-Titel auf seiner Heimstrecke 2012 und drei Monate später die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen. Von September 2009 bis August 2012 war Sideris der Sportfördergruppe der Bundeswehr angegliedert. Seit September 2012 bei der Bayerischen Polizei. Seit Februar 2019 ist Sideris Lebenszeitbeamter.

Größte Erfolge

Olympische Spiele:

2016 Rio de Janiero/BRA – 5. Platz C1

2012 London/GBR – Silber C1

Weltmeisterschaften:

2018 Rio de Janeiro/BRA – Bronze C1

2015 Broxbourne/GBR – Silber C1 Team

2013 Prag (Troja)/CZE – Silber C1 Team

2011 Bratislava/SVK – Silber C1 Team

2010 Tacen/SLO – Silber C1 Team

Weltcup:

2021 2. Markkleeberg (GER)

2019 1. London (GBR)

2018 Gesamt-3. (3×1., 1×11., 1×18.)

2017 Gesamtsieger (2×1., 2×2., 1×4.)

2013 Gesamtsieger (2×3., 1×4., 1×8., 1×12.)

2010 3. Augsburg (GER)

2009 2. Augsburg (GER)

Europameisterschaften:

2021 Ivrea/ITA – Bronze C1

2018 Pau/FRA – Bronze C1

2015 Markkleeberg/GER – Silber C1

2013 Krakow/POL – Silber C1, Silber C1 Team

2012 Augsburg/GER – Gold C1, Silber C1 Team

2011 La Seu d‘Urgell/ESP – Silber C1

2009 Nottingham/GBR – Bronze C1 Team

 

Hannes Aigner

Der Vollblut-Paddler mit grünem Daumen
Für Hannes Aigner sind es in Tokio die dritten Olympischen Spiele. Mit einem klaren Ziel.

Paddeln ist seine Leidenschaft. Dabei muss es nicht immer Slalom sein. Im Gegenteil. „Kanusport ist sehr viel mehr als Slalom zwischen den Toren“, sagt Hannes Aigner. Der Kajak-Spezialist ist gern bei anderen Veranstaltungsformaten dabei. Sei es der Dolomitenmann im österreichischen Lienz, der ehemalige Extremkajak-Wettkampf „Adidas Sickline“ im Ötztal oder auch Slalom-Extrem. Ebenso liebt er Stand-up-Paddling. Der gebürtige Augsburger bedauert, dass der Freizeit-Kanusport für ihn viel zu kurz kommt. „Einfach mal das Boot nehmen und in die Berge fahren und auf dem Fluss paddeln. Dafür habe ich viel zu wenig Zeit, weil das tägliche Training sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.“

Er gehört seit Jahren zur Weltspitze

Hannes Aigner gehört seit Jahren zur Welt-spitze. In Tokio wird der 32-Jährige zum dritten Mal bei Olympischen Spielen an den Start gehen. 2012, in London, holte er Bronze. Vier Jahre später in Rio verpasste er um Haaresbreite Edelmetall. 2018 wurde er an gleicher Stelle Weltmeister. Welcher seiner beiden größten Erfolge schöner war, kann Aigner gar nicht sagen. „Die Olympia-Medaille vor so einer Zuschauer-Kulisse zu erleben, war natürlich etwas ganz Besonderes.“ Bei der WM in Rio gab es aufgrund der Sicherheitslage keine Zuschauer, „aber sportlich war es ein toller Erfolg.“

Sein kleiner Sohn hält ihn auf Trab

2019 hatte sich Hannes Aigner in dem nervenaufreibenden, langen Qualifikationsmodus des Deutschen Kanu-Verbandes den Olympia-Startplatz gesichert. Zudem holte er für Deutschland den Quotenplatz bei der WM. Keine leichte Aufgabe, zumal er in dem Jahr Vater wurde. Dadurch hat sich einiges in seinem Leben geändert. Nach einem harten Trainingstag einfach nur ausruhen, das ist vorbei. „Niklas ist ein Energiebündel und zerrt mich dann durchs Haus. Es fällt mir schon schwer herumzuspringen, zum Beispiel zum Verstecken spielen“, sagt Aigner lachend, „aber es ist ja auch etwas Schönes.“ Momentan nutzt er das ungewöhnlich viele Zuhause sein, um Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. „Er ist ja auch nur einmal klein. Ich merke immer die Fortschritte, wenn ich länger weg war. Das ist dann auch schade.“ Die Olympia-Verschiebung im vorigen Jahr hat Aigner deshalb mit einem weinenden und lachenden Auge gesehen. So konnte er viele Entwicklungsschritte seines kleinen Niklas miterleben.
Wie lange Aigner seinen Sport noch betreiben wird, weiß er noch nicht. „Es wird sich zeigen, ob das Familienleben drunter leidet, wenn ich dann immer noch so häufig weg bin oder ob mein Sohn sagt: Fahr mal vier Wochen weg, das macht mir gar nichts. Das werde ich sehen“, sagt er lachend.
Die Liebe zum Kanusport entdeckte Aigner durch seine Eltern, die als Hobby-Paddler Mitglieder im Augsburger Kanuverein sind. Richtig Ehrgeiz entwickelte er etwa mit 15 Jahren. 2006 fuhr er sich das erste Mal in die Junioren-Nationalmannschaft. Nach seinem Abiturabschluss und der Absolvierung des Grundwehrdienstes kam er in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. „Seitdem kann ich mich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren. Es ist für mich der wichtigste Förderbaustein, den ich bisher hatte. So habe ich viele Möglichkeiten, den Sport so zu praktizieren“, sagt der Sportsoldat.

„Ich bin Pragmatiker“

Nebenbei schloss Aigner 2016 sein Studium der Betriebswirtschaftslehre (BWL) mit dem Master ab. Weil das schon einige Jahre her ist, bildet er sich derzeit noch an der WHU in Düsseldorf in Sportbusiness weiter. BWL studierte er, „weil ich irgendwie ein Pragmatiker bin. Das ist ein Studium, mit dem man relativ gute Jobaussichten hat. Natürlich auch ein Studiengang, den viele wählen. Aber danach hat man auch die größte Auswahl an Arbeitsplätzen oder die meisten Möglichkeiten.“ Zudem, so sagt er, waren in Augsburg die Rahmenbedingungen sehr gut. Die Universität ist Partnerschule des Spitzensports, „und ich hatte eine kurze Anfahrt.“ Hinzu kamen viele Freiheiten, keine Anwesenheitspflicht. „Aber ich finde auch viele andere Dinge interessant. BWL hat in der Gesamtheit am besten gepasst.“

An der Sportart Kanuslalom reizt Aigner das vielfältige Training, „es wird nicht so schnell langweilig“. Training und Wettkampf bestreitet er seinem Wesen nach. „Ich versuche, Risiken zu minimieren, wo es geht. Ich bin ein bisschen ein vorsichtiger Mensch.“ Zum Beispiel wenn im Winter Eiszapfen an den Toren hängen, setze er ganz gern einen Helm auf, was viele nicht machen würden. „Bei den meisten Dingen denke ich schon vorher nach, ob da auch etwas schief gehen kann und versuche es dann zu vermeiden, wenn es so ist.“ Er versuche abzuwägen, „wobei die Risikoeinschätzung auch für jeden unterschiedlich ist, beispielsweise beim Sickline-Wettkampf scheiden sich auch die Geister“, sagt Aigner mit einem Schmunzeln.

„Meine Aufgabe ist, Sportler zu sein“

Im Slalom-Wettkampf sei er inzwischen im Gegensatz zu früher etwas risikobereiter. Das muss er auch sein, denn der Sport hat sich gewandelt. Als es noch zwei Wertungsläufe gab, musste über beide ein solides Ergebnis gefahren werden. Inzwischen wurde die Fahrweise immer aggressiver, die Strecken kürzer, es gibt nur noch einen Finallauf. Auch das Material hat sich verändert. „Und in dieser Kombination ist es notwendiger geworden, riskanter zu fahren. Das habe ich dann auch irgendwann einsehen müssen. So habe ich vor drei oder vier Jahren gemerkt, dass ich mit einem soliden Lauf zwar mit vorn dabei bin, aber es reicht nicht ganz nach vorn. Ich hatte dann zwar die Sicherheit, dass ich gut runterkomme, aber eben auch die Sicherheit, dass ich damit nicht aufs Treppchen fahre“, sagt Aigner lachend. „Deshalb habe ich versucht, das zu ändern. Leicht war die Umstellung nicht, es ist ja auch ein Lernprozess.“
Was einmal nach seiner Sportkarriere kommt, das weiß der 32-Jährige noch nicht. Aber er mache sich schon sehr viele Gedanken. „Meine Aufgabe bisher war immer, Sportler zu sein. Mein Ziel ist, nach der sportlichen Karriere etwas zu finden, wo ich auch bereits bin, so viel Energie hineinzusetzen wie jetzt im Sport. Und was mich hoffentlich auch zufrieden macht.“

Olympia-Ziel Medialle

Auf eventuelle Träume angesprochen, überlegt Aigner. Die gebe es nicht so richtig. „Eine Paddel-Expedition würde ich mal ganz gerne machen. Das ist aber eher Zukunftsmusik.“ Und ganz seines Pragmatismus folgend meint er, „wenn es nicht klappt, ist es auch nicht schlimm. Ich bin auch sehr gerne zu Hause. Und dort, sofern freie Minuten da sind, verbringt Aigner gern auch Zeit in seinem Garten, baut Obst und Gemüse an. „Es macht mir Freude, wenn ich sehe, dass da etwas heranwächst.“ Wenn er allerdings längere Zeit weg ist, „kann es schon einmal sein, dass viel Arbeit einfach für die Katz war“, erzählt er lachend. Sein Fazit: „Ich bin eigentlich ganz zufrieden, so wie alles ist.“
Wenn nicht ein Traum, so hat Hannes Aigner aber ein ganz klares Ziel für die Olympischen Spiele in Tokio vor den Augen. „Ich möchte mit einer Medaille nach Hause fahren. Vierter war ich schon einmal, das war nicht so schön.“ Dafür heißt es, auf den Punkt genau fit zu sein, bei voller Konzentration. „Das ist psychisch sehr anstrengend. „Man hat Jahre auf diesen einen Tag trainiert. Und am Wettkampftag hat man wahnsinnig viel Zeit, darüber nachzudenken, was passiert, wenn es schlecht oder gut läuft.“ Doch trotz Nervosität trinke er vor einem Wettkampf schon gern einmal einen Kaffee. „Ich kann auch eine Stunde vor dem Wettkampf noch ein Powernap machen. Aber die Aufregung ist auch wichtig. Die brauche ich auch, um mein Bestes zu geben.“

Geburtsdatum: 19.03.1989

Geburtsort: Augsburg

Wohnort: Augsburg

Beruf: Sportsoldat

Größe/Gewicht: 183 cm/78 kg

Verein: Augsburger Kanu-Verein

Trainer: Thomas Apel

Erster Verein: Augsburger Kanu-Verein

Sponsoren: Stadtwerke Augsburg,

Creapure, KIKU Apples

Ausrüster: Galasport, PeakUK

Hobbys: Gärtnern

Blick ins Familienalbum:

Seine Eltern sind Hobbypaddler. Er hat einen Sohn.

Karriere/Lebenslauf:

Durch seine Eltern, selbst Hobbypaddler, kam Hannes schon früh mit dem Kanusport in Kon­takt. Da er sich irgendwann auch einmal selbst ins Boot setzen wollte, kam er in die Schüler­gruppe beim Augsburger Kajak Verein, dem auch seine Eltern angehören. Sein Training wurde mit den Jahren immer intensiver. Mit 15 Jahren hatte er schließlich das Ziel, sich in die National­mannschaft der Junioren zu fahren. Das gelang ihm zwei Jahre später, als er sich 2006 erstmals qualifizieren konnte und sogar mit zwei Medail­len von der Junioren-WM zurückkehrte. 2008 kam er nach dem Abitur in die Sportfördergrup­pe der Bundeswehr, seitdem kann er sich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren. Nebenher hat er noch ein Bachelor- (2013) und Masterstu­dium in BWL (2016) an der Universiät Augsburg abgeschlossen. Derzeit nimmt er am „General Management Program in Sports Business“ an der international renommierten Business School „WHU – Otto Beisheim School of Management“ teil.

Größte Erfolge

Olympische Spiele:

2016 Rio de Janeiro/BRA – 4. Platz K1

2012 London/GBR – Bronze K1

Weltmeisterschaften:

2018 Rio de Janeiro/BRA – Gold K1

2011 Bratislava/SVK – Gold K1 Team

2010 Tacen/SLO – Gold K1 Team

Weltcup:

2019 3. London (GBR)

2018 Gesamt-6.

Europameisterschaften:

2021 Ivrea/ITA – Silber K1 Team

2019 Pau/FRA – Bronze K1 Team

2016 Liptovsky Mikulas/SVK – Bronze K1

2015 Markkleeberg/GER – Gold K1 Team

2012 Augsburg/GER – Bronze K1, Silber K1 Team

2010 Bratislava/SVK – Silber K1 Team

 

Trainer und Betreuer

Wir sind olympisch! Der Film!

Wir sehen uns in Tokio!

Texte: DKV/Uta Büttner | Fotos & Video: DKV/Thomas Lohnes

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