„Die Mission ‚Sub 9‘ ist mein Traumziel“ – Über die Bauhausstadt ins Tokioter Nationalstadion

Ihre kürzlich durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erfolgte Tokio-Nominierung dürfte so etwas wie eine sportadministrative Formalie gewesen sein, denn das Leistungs- und Gesundheitsbild der Star-Leichtathletin des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) zeigte trotz erheblicher Corona-Trainingseinschränkungen mit Beginn der Hallensaison 2021 bereits jene Bilanz, die mit Blick auf die Olympischen Spiele in der japanischen Megametropole berechtigterweise nationale Medaillenhoffnungen weckt. Wenige Wochen vor dem diesjährigen Weltspitzensportereignis bei dem die olympische Kernsportsart Leichtathletik endlich wieder ganz zentral im Weltmedienfokus stehen wird, sprach der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Spitzensport Volker Schubert mit dem 3.000 Meter Hindernis-Ass Gesa Felicitas Krause, jener stets auf den Punkt fokussierten Militärathletin der westdeutschen Bundeswehr-Sportfördergruppe Mainz, über sportlich Aktuelles und Tokioter Perspektiven. Gegenwärtig ist die Sportsoldatin Weltranglistenvierte im globalen Ranking des internationalen Leichtathletik-Verbandes „World Athletics“ und damit eine von Deutschlands heißen Edelmetall-Aspirantinnen, was die DOSB-Entscheidung, die DLV-Olympia-Kaderathletin in Deutschlands Tokioter Nationalmannschaft zu berufen, nochmals handfest untermauern dürfte.

Extrem fokussiert stieg Christina Hering, Gesa Felicitas Krauses militärische Hauptkonkurrentin, die eigentliche 800 Meter Favoritin des Leichtathletik-Klassikers ANHALT21, gewissermaßen in den „Ring“: Sich neben harten Tempoläufen mit temporärem Boxtraining zu mehr Aggressivität aufzuschwingen, nicht mehr so artig sein zu wollen, erklang der Nachhall jener verbalen Botschaft, die die Münchner Sportsoldatin Christina Hering noch während der Deutschen Hallenmeisterschaften 2020 im Interview mit Bundeswehr Sportmagazin aussandte – dem letzten nationalen Leichtathletik-Glanzlicht ohne Hygienekonzept, das vergangenen Februar in der Arena Leipzig vor übervollen Rängen stattfand. Ein innerer Ansporn, den Christina Hering im Dessauer Paul-Greifzu-Stadion nun für alle sichtbar tief in ihre überaus frostig erscheinende Mimik geritzt zu haben schien. Mit eisigen Lippen und extremen Tunnelblick ging die hochgeschossene, in jeder ihrer Fasern vollkommen durchtrainierte Viertelmeilen-Amazone auf die Dessauer Kunststofflaufbahn, um sich mit Steigerungsläufen und Dehnprogramm die letzte Performance vor dem Start zu verschaffen.

Wenige Sekunden später erschien dann auch die zweifache WM-Dritte und zweimalige Europameisterin im 3.000 Meter Hindernislauf, Gesa Felicitas Krause, ebenfalls im Innenfeld, um sich gleichwohl auf die beiden schnellen Stadionrunden einzustimmen. Ihrem Einlaufen folgte eine Bodengymnastik mit leichten Antritten, dann präsentierte Deutschlands Hindernisspezialistin Nummer eins ihr elegantes Wettkampfdress wie eine archaische Kampfbemalung. Das aus Veranstalter-Sicht hochklassig besetzte Rennen sollte für die Sportsoldatin von der Bundeswehr Sportfördergruppe Mainz wie ein Teilchen-Beschleuniger wirken – zumindest, was die unteren Extremitäten betraf. Ein echtes Unterdistanzrennen und das erste ihrer Freiluftsaison diente im Olympiajahr klar dem Ziel, sowohl ihre Ausdauerschnelligkeit als auch ihre Tempohärte unter Wettkampfbedingungen voll und ganz auf die Probe zu stellen. Die sportmotorischen wie kognitiven Grundvoraussetzungen, um im Tokioter Nationalstadion unter den weltbesten Hindernisläuferinnen chancenreich um Edelmetall mitfighten zu können. Bei optisch reizvollen Flutlichtbedingungen ging es in den späten Abendstunden unter den Tempovorgaben der ehemaligen Deutschen 400 Meter Hürdenmeisterin Jackie Baumann – Tochter des legendären Sportsoldaten und 5.000 Meter Olympiasiegers Dieter Baumann – an die Evolvente…

BwSportMag: Gesa, die 800 Meter heute in 2:05 Minuten in einem spurtstarken Spezialistinnen-Feld und damit wieder zwei Sekunden schneller als in der zurückliegenden Hallensaison! War das so etwas, wie an der Zapfsäule Schnelligkeitsausdauer für Deine Spezialdisziplin tanken; wie zufrieden bist Du mit Deinem Rennverlauf auf der Unterdistanz?

Gesa Felicitas Krause: Ja, die Zeit ist akzeptabel! Und natürlich habe ich den Wunsch noch deutlich schneller zu laufen, also immer wieder Bestzeiten zu laufen. Aber jetzt für den Anfang war das für mich ein solider Einstieg. Das war jetzt für mich aber auch nicht gerade das optimale Rennen. Es ging sehr, sehr schnell los! Und ich lebe halt von einer gewissen Gleichmäßigkeit und einer gewissen Tempohärte, die ich ja auch habe, und die ich zuvor ja auch trainiert hatte. Aber 28 Sekunden auf den ersten 200 Metern, das war dann gleich von Anfang schon sehr, sehr sportlich!

BwSportMag: Die Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund mit Deinem nationalen Titel über die 1.500 Meter – auch ein Siegrennen auf einer Unterdistanz, dass Du taktisch ja überaus geschickt gestaltet hast, lieferte doch gute Vorzeichen für Deinen Auftritt heute hier im Dessau Paul-Greifzu-Stadion oder wie würdest Du das interpretieren?

Gesa Felicitas Krause: Genau, das ist schon so! Aber die 800 Meter sind dann, auch taktisch, noch einmal etwas ganz anderes und von der Distanz her doch noch deutlich weiter fernab von dem, was ich läuferisch nun wirklich gut kann. Trotzdem, die 800 Meter sind für mich natürlich ein Supertraining und ein schöner Freilufteinstieg. Ich bin hier zwangsläufig auch schneller eingestiegen, als über die 800 Meter in der Halle.

BwSportMag: Gleichwohl Gesa, Deine Potentiale über die 800 Meter, Deine persönliche Bestzeit liegt ja bei sehr guten 2:03,09 Minuten, und über die 1.500 Meter sind letztlich alles optimale Zubringerleistungen über Deine Spezialdisziplin. Gemessen an Deinem Deutschen Rekord – immerhin international exzellente 9:03,30 Minuten – und an Deiner Leistungsentwicklung auf diesem Weg dorthin, dürfte eine ‚Mission Sub 9‘ doch absolut im Bereich des Realistischen angesiedelt sein; wie siehst Du das jetzt in Marschrichtung Finalteilnahme im Tokioter Nationalstadion, lauert da möglicherweise aufgrund Deiner internationalen sehr starken Konkurrenz die Chance zum Durchstoßen der berühmten 9-Minuten-Schallmauer?   

Gesa Felicitas Krause: Die ‚Mission Sub 9‘ ist mein Traumziel. Von dieser Mission will ich auf keinen Fall abrücken. Das ist irgendwann natürlich mein ganz großer Wunsch. Das wird zwar nicht das erste 3.000 Meter Hindernis-Rennen in diesem Jahr sein, aber die Mission steht ganz klar auf dem Plan. Wo und wann, das wird sich sicherlich in einem internationalen Rennen zeigen.

BwSportMag: Und wie sieht es bei Deinen Tokio-Vorbereitungen derzeit in puncto Trainingsumfeld durch weiterhin geltende Corona-Einschränkungen, mögliche sonstige Störgrößen und mit Blick auf Deinen leistungssportfördernden Dienstherren Bundeswehr aus?

Gesa Felicitas Krause Die Bundeswehr stärkt mir in Bezug auf meine Olympia-Vorbereitungen im Moment komplett den Rücken. Allerdings wurden die Military Games Corona-bedingt verschoben, was ich sehr bedauere. Dort wollte ich dieses Jahr auf jeden Fall starten, aber diese international hochkarätigen Militärwettkämpfe werden dann wohl ersatzweise im kommenden Jahr nachgeholt werden, wie ich hoffe. Deswegen habe ich bisher auch keinen weiteren Bundeswehr-Lehrgang mehr gemacht und bin auch nicht so oft in der Sportfördergruppe gewesen. Sonst gibt es aber nichts im Moment, was meine Trainingsprozesse insgesamt stört. Die Sportfördergruppe hat zum Schutz vor Covid19-Infektionen auch ihr Personal stark limitiert, und so stehen wir Corona-bedingt – wie das ja deutschlandweit fast überall der Fall ist – nun regelmäßig im Online-Kontakt, und dadurch verläuft der gegenseitige Austausch dann doch sehr gut.

BwSportMag: Wir hoffen natürlich alle, dass nach erfolgreicher Impf-Kampagne im Herbst die große Corona-Wende kommt, und wir Dich dann mit Tokioter Edelmetall um den Hals im publikumsvollen Berliner Olympiastadion beim 100sten ISTAF sehen werden; steht Dein Berliner Bordcase für die blaue Bahn schon gepackt bereit?  

Gesa Felicitas Krause: Vollkommen richtig! Das wäre natürlich mein absoluter Traum. Und das Olympiastadion ist nach Tokio definitiv meine priorisierte Zielrichtung, auf die ich mich wegen der tollen Berliner Leichtathletik-Fans und der wirklich einmaligen Atmosphäre auch schon total freue.   

BwSportMag: Danke für das spätabendliche Gespräch, Gesa. Für Deine Ambitionen bei Deinen national wie international noch folgenden wettkampfsportlichen Stationen und für Tokio sowieso wünsche ich Dir spannende Rennen und die Erfüllung Deiner Träume in Richtung Mission Sub 9.

Gesa Felicitas Krause: Sehr gerne und wir sehen uns auf der blauen Bahn in Berlin!

Die Fragen stellte Berliner Sportjournalist und Korrespondent Spitzensport Volker Schubert exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.  

In den Wochen nach dem ANHALT21-Gespräch präsentierte sich die 3.000 Meter-Ikone Gesa Felicitas Krause, die zweimalige WM-Dritte, zweifache Europameisterin und mehrfache Deutsche Meisterin, in weiterhin aufsteigender Form: Deklassierte unter anderem die nationale Konkurrenz bei den Braunschweiger Finals über 3.000 Meter Hindernis und über die 5.000 Meter Flachstrecke jeweils mit dem deutschen Titel in zwei souveränen Rennen und ließ auch schon zuvor beim Diamond-League-Meeting in Doha in einem Weltklassefeld mit der erneuten Bestätigung ihrer Olympianorm in 9.16,89 Minuten international aufhorchen. Mit dem zweitschnellsten Saison-Open ihrer Karriere überhaupt scheint Gesa Felicitas erneut der Dreigestalt ihrer Träume nun definitiv ein Stück weit näher gerückt zu sein; nämlich bei den Tokioter Spielen eine Olympia-Medaille in persönlicher Bestzeit zu erkämpfen und dabei möglicherweise auch als erste deutsche wie erste EU-Leichtathletin die magische 9-Minuten-Schallmauer zu durchstoßen.

Text und Fotos: Volker Schubert  

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