Von Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport

Seit 2014 nahezu im Zwei-Jahres-Rhythmus veranstaltet, sind die internationalen Sportspiele einsatzverletzter Soldaten hierzulande Premiere wie Novum zugleich. Mit den erstmals auf deutschem Boden orchestrierten „Invictus Games 2023“ (IG23) betritt die Bundeswehr gemeinsam mit der nordrhein- westfälischen Ausrichtermetropole Düsseldorf nicht nur militärisches Neuland, sondern will in puncto öffentliche Anerkennung und lebendige Erinnerungskultur ein weithin sichtbares wie nachhaltig ausstrahlendes Leuchtfeuer entzünden.

Ideell als „A Home For Respect“ konzipiert, werden vom 9. bis zum 16. September rund 500 versehrte Militärwettkämpfer in und um die Düsseldorfer Rhein-Arena in zehn Sportarten um Edelmetall ringen. Während des achttägigen Spitzen­events rechnen die Veranstalter mit einem täglichen Zustrom von bis zu 30.000 Besuchern. Entlang ihres Leitmotivs will die IG23 den sportlichen Kampf­geist der Wettkämpfer trotz erlittener Traumata entfachen: zur Unterstützung der Rehabilitation über die Spiele hinaus und als individueller Motivationsschub sich einem erstrebenswerten Leben zuzuwenden. Der Berliner Sportjourna­list und Korrespondent Olympischer Spitzensport, Volker Schubert, berichtet exklusiv für das Bundeswehr Sport-Magazin.
Sei es der unerträgliche Verwesungsgestank illegal entsorgten Mülls, das finale Feuerwerk eines Musikspektakels oder ein einfaches, durch einen Windstoß jäh ausgelöstes Tür-Knallen – die vermeintlich banalen Psycho- Trigger, die bisweilen ungezügelte Aggressionsschübe oder heftige Panikattacken aus- lösen können, sind mannigfaltig. Posttraumatische Belastungsstörungen – im medizinischen wie psychosozialen Fachjargon nüchtern als „PTBS“ abgekürzt – kennen eine Viel- zahl sehr individuell erscheinender Auslöser, die bei PTBS-Erkrankten eine massive Gefühlsgeisterbahn verursachen können, die oftmals auch mit starken somatischen Beschwerdebildern einhergeht. Eine quasi unsichtbare Erkrankung, die vor allem für seelische wie körperlich hochbelastete Einsatzkräfte der staatlichen Exekutive symptomatisch sein dürfte, so medizinisch valide Langzeitstudien.

Verteidigungsminister Boris Pistorius: Die einsatzgeschädigten Soldaten haben Anerkennung, Dankbarkeit und Hochachtung verdient.

Sichtbarkeit des Unsichtbaren: Gib PTBS keine Chance!

Oft sind es bereits diffuse Menschentrauben in sogenannten Shoppingmeilen, nervige Warteschlangen an Supermarktkassen, hektisch gestikulierende Personen, ungewollte Berührungen unbeteiligter Dritter oder unbekannte Straßenverläufe und Gebäudestrukturen, die dann jene spontanen Aggressions- und Angsträume bilden, die in der Regel auf traumatische Einsatz- und Kriegserlebnisse zurückzuführen sind. Die berufsbedingt PTBS-Betroffenen – in der Regel Soldaten und Polizei- oder Feuerwehrbeamte – leiden dabei regelmäßig unter latent vorhandenen wie psychisch rezidiven Akutstörungen, die meist um Monate zeitversetzt zum einschneidenden Einsatzerlebnis auftreten. Es sind sogenannte Flashbacks, die das Seelenkostüm von Fallschirmjägergruppenführer Dennis schlagartig in ein disruptives Gefühlschaos betonieren; eine Seelenverdunkelung, bei dem sich sein Körper dann wie „ein kompletter Muskelkater“ anfühlt, wie Dennis sagt.
Die manifestierte Dystopie im Kopf, die schon bei völlig unbedeutend erscheinenden Traumata-Parallelen mit hochreaktiven Erinnerungsblitzen tief in die Seele schneidet, wird allzu oft durch zusätzliche Symptomatik begleitet. Dabei potenzieren Albträume, Einschlafstörungen, unbewusste Verdrängungsmechanismen und ein sich progressiv entfaltendes Isolationsverhalten den Leidensdruck zusätzlich. Mit der Folge eines retardierenden Seelenzustandes, der sich zu einer sukzessiven sozialen wie psychosomatischen Abwärts- und Abschottungsspirale ausformen kann.
Fallschirmjäger und Einsatzveteran Dennis ist trotz seiner unsichtbaren Verwundung mittlerweile sichtbarer Teil einer IG23-Kampagne, die den persönlichen Willen, sich vom seelenzermürbenden PTBS-Nebel nicht besiegen zu lassen, in die Öffentlichkeit umlenken will. Neben der großplakativen Sichtbarmachung des unsichtbaren Verwundungsmusters platziert sich ebenso die Seelenrettung versprechende Botschaft, das PTBS neben intensiver psychosozialer und psychotherapeutischer Begleitung auch durch gezielte sportliche Rehabilitation gleichwohl heil- wie beherrschbar ist.

Team-Building mit Soldatenanwältin: Die Wehrbeauftragte Eva Högl unterstützt das IG23-Motto „A Home for Respect“.

Para-Wettkämpfe in zehn Sportarten

Während der IG23 werden kriegs- und einsatzversehrte Patienten wie Dennis einen Athleten-Anteil von rund zwei Drittel stellen. Das verbleibende Drittel bilden Versehrtensportler, die überwiegend körperliche Traumata erleiden mussten. Häufig schwer durch Amputationsverletzungen gekennzeichnet, treten diese Wettkämpfer in solchen Disziplinen oder Wettkampfspielen an, bei denen der Rollstuhl die Basis für die sportartspezifische Agilität und taktische Flexibilität bildet. Aber auch maßgeschneiderte Carbon-Prothesen, wie in den leichtathletischen Lauf­disziplinen bei Para-Rennen üblich, werden den Wettkämpfern zu neu erlangter Schnelligkeit verhelfen.
So gehören zu den insgesamt zehn IG23-Konkurrenzen olympische Kernsportarten wie Bogenschießen, Leichtathletik, Radfahren, Schwimmen und Tischtennis – alles versehrtengerecht komplettiert durch Rollstuhl- Basketball, Rollstuhl-Rugby, Sitzvolleyball, Bankdrücken und Indoor-Rudern. Durch die Kraft des Sports im Leben wieder fühlbar an Teilhabe zu gewinnen, lautet dann auch jene Sub-Botschaft, bei der zwar der sportliche Medaillenehrgeiz entfacht werden soll, es aber dennoch keinen Medaillenspiegel nach Nationen geben wird.

Düsseldorf ruft verwundete Veteranen

Entlang der kompositorischen Tonalität eines spektakulären Imagevideos, dessen musische Kreativität einem PTBS-erkrankten Bundeswehrsoldaten entstammt, folgte die frühsommerliche Auftaktveranstaltung der Berliner Landesvertretung Nordrhein-Westfalens beim Bund der Intention der „Invictus Games Foundation“ ganz gezielt die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen militärischen Spitzenevent zu lenken. Mit beginnendem Herbst als Invictus Games 2023 in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf uraufgeführt, firmiert das internationale High-Level-Format unter der Leitmaxime „A Home For Respect“. Auf Initiative von Afghanistan-Veteran Prinz Harry, Duke of Sussex, als multinational ausgerichtete Großveranstaltung um 2013 auf Basis der traditionellen US-amerikanischen „Warrior Games“ zunächst kreiert und 2014 dann erstmals in London durchgeführt, richtet das IG23-Motto den zentralen Fokus neben dem Engagement für Kriegs- wie Einsatzversehrten ebenso auf das erlittene Schicksal von allgemein Wehrdienstgeschädigten.

Rollenwechsel auf Augenhöhe: Bei den IG23 in Düsseldorf stehen die Soldaten im Zentrum, wie NRW-Landeschef Hendrik Wüst (Links) bei seiner Laudatio betonte.

Der IG23 Auftakt, ein Appell an Deutschlands Gesellschaft

Und damit auf jene Soldaten, die sowohl bei intensiven Gefechten wie Kampfeinsätzen als auch im militärischen Dienstalltag schwer an Körper und Seele gezeichnet wurden und die nun trotz ihrer Beeinträchtigungen durch gezielten Rehabilitationssport wieder in ihre individuell mögliche Lebensmitte zurückfinden konnten. Das musikalisch so eindringlich empfundene Imagevideo des PTBS-Geschädigten habe ein zweites Mal eine intensive Gänsehaut beim ihm ausgelöst, so Verteidigungsminister Boris Pistorius zum Berliner Premierenauftakt der Düsseldorfer Militärspiele. Der ungebrochenen Kraft, die sich hinter der Musikdarbietung verberge, zollte der Wehrressortchef höchste Bewunderung. Denn im zuvor mit dem IG23-Team Deutschland geführten Gesprächen habe er „Frauen und Männer kennengelernt, deren Leben sich oftmals von einer Sekunde auf die andere dramatisch verändert“ habe, so Pistorius.

Suum Quique: Feldjäger-Kameradin gehört zu den Gesichtern des deutschen IG23-Teams.

Die betroffenen Soldaten wurden „an Leib und Seele verwundet“, während sie für die Ge­meinschaft und unser Land ihren Dienst ausübten. Es seien die individuellen Ge­schichten und Ereignisse gewesen, die ihm deutlich vor Augen geführt hätten, wie hoch der persönliche Preis für die Freiheit und Sicherheit aller sein könne, so Pistorius anteilnehmend. Diese blutige Realität zeige auch der tägliche Blick in die Ukraine, wo Menschen sterben und schwer verletzt werden, weil sie ihr Land, ihre Freiheit und ihre Art zu leben gegen einen Aggressor verteidigen würden. Der in Europa tagtäglich stattfindende Krieg, den niemand anderes als Wladimir Putin angezettelt habe, dürfe nicht zur medialen Randnotiz verkommen.

Pistorius: Anerkennung. Dankbarkeit.Hochachtung.

Auch wenn es in seinem Verständnis „keinen gerechten Krieg“ gäbe, müsse man darüber reden, dass Menschen für ihre Freiheit kämpfen würden, um einen Aggressor zurückzuschlagen. Dieses solidarische Handeln für andere fordere auch Kriegsopfer; wobei diese Menschen damit ganz bewusst ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren würden, so Pistorius mit anerkennender Stimme. Im Kern sei es aber egal, ob die gezeigte Opferbereitschaft auf dem Gefechtsfeld oder an anderer Stelle geschehe. Die Erkenntnis aus Begegnungen mit Soldaten habe ihn gelehrt, dass der militärische Dienst niemals als Selbstverständ­lichkeit hingenommen werden dürfe. Deshalb hätten die Soldaten für ihren Dienst auch größte Hochachtung, Anerkennung und Dankbarkeit verdient.

Für die beiden Warendorfer Militärärzte vom Bundeswehr-Institut für Sportmedizin sind die IG23 ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg zur Rehabilitation.

„A Home for Respect“ von internationalem Symbolwert

Die Invictus Games böten für diese Anerkennung einen großartigen Raum, wie der Verteidigungsminister unterstrich – als Bühne für Respekt, so wolle er die Düsseldorfer Militärspiele verstehen wissen. Und so wünsche er sich, was die Soldaten und ihre Schicksale betreffe, eine veränderte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit für das, was die Soldaten im Einzelnen erlitten hätten. In diesem Zusammenhang kontextualisierte der Wehrressortchef anerkennend die gelebte Militär- und Gesellschaftskultur der Amerikaner, Briten und Franzosen. Auch ginge es während der Düsseldorfer Septembertage um die besondere Integrationskraft des Sports, den man deshalb ganz bewusst ins Zentrum der Spiele rücken wolle. Vor diesem Hintergrund böten die Spiele exakt jene Bühne, die man mit dem Slogan der Spiele – A Home for Respect – so hautnah verbinde.
Denn jeder Teilnehmer habe für den bereits hinter ihm liegenden Weg höchsten Respekt verdient. Die Frage der Teilnahme richte ihren Fokus hierbei jedoch nicht auf das Leistungs- und Gesundheitsbild des Einzelnen, sondern ziele vielmehr darauf ab, was der Sport für den einzelnen versehrten Soldaten in der Rehabilitation leisten könne. Die sportlichen Erfolge seien indes beachtlich, wie Pistorius die Ergebnisse der seit 2014 als Biennale veranstalten IG23 resümierte. Angesichts der im Dienst für die Gemeinschaft individuell erlittenen Beeinträchtigungen, liefere Düsseldorf dann auch jene persönliche Bühne, die jedes einzelne Verletzungsopfer verdient habe. Der Respekt gelte aber auch den Streitkräften insgesamt, denn der Dienst in Uniform zeige, was Einsatz auch bedeute, was Menschen bereit sind für die Gesellschaft zu schultern.
Mit der Ausrichtung der IG23 auf deutschem Boden verbinde sich aber sein Wunsch, dass die Düsseldorfer Spiele zu einem internationalen Fest des Optimismus, der Hoffnung und der Generierung innerer Stärken, arrivieren werden, so Pistorius abschließend. Den international hochkarätigen Charakter der IG23 spiegeln folglich auch die 22 Nationen wider, die sich neben Nato-Staaten auch aus Reihen der Wertepartner rekrutieren.

Düsseldorfer Debüt: Fest integriert ins deutsche IG23-Team nimmt erstmals auch ein einsatzversehrter Bundespolizist teil.

So werden Wettkämpfer aus Deutschland, Australien, Belgien, Dänemark, Estland, Frankreich, Georgien, Italien, Großbritannien, Irak, Jordanien, Kanada, Neuseeland, Niederlande, Nigeria, Polen, Rumänien, Südkorea, Ukraine, USA und erstmals aus Israel und Kolumbien an den Start gehen.

Text und Fotos: Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport

Ein Exklusiv-Interview mit IG23 Projekt Director Brigade­general Alfred Marstaller  zu lesen unter www.bundeswehr-sport-magazin.de

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