Deutschlands grandiose „Sub-2:05-Story“ – Marathonsoldat Amanal Petros ist Pistorius‘ tempohärtester Infanterist

Von Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport

Seiner Wahl zum „Ass des Monats September“ innerhalb der nationalen Top-Elite des Deutschen Leichtathletik Verbands (DLV) sollte rasch eine einhellige Nominierung folgen, die für „Pistorius‘ schnellsten Fußsoldaten“ erneut in eine bedeutende öffentliche Auszeichnung mündete. Dabei konnte sich Deutschlands neuer Held auf der klassischen Marathonstrecke Berlins historisches Stadtwappen zierende Bärenkrone aufsetzen – rein symbolisch zumindest! Bei der traditionellen Champions Gala in einem kreuzfahrtschiffähnlichen Hotelkomplex der Spreemetropole wurde Armeesportler Amanal Petros vor großem Publikum mit dem Titel „Berlins Sportler des Jahres“ geehrt.

Kein Wunder, denn Wochen zuvor stürmte der Sportsoldat in absoluter Topform in nur 2:04,58 Stunden über den superschnellen Hauptstadtasphalt zum neuen deutschen Marathonrekord. Mit seinem neunten Rang beim absolut elitär besetzten 49. Berlin-Marathon blieb der Spitzenleichtathlet erstmals unter der 2:05 Stunden-Schallmauer – sein Marathonstart bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris gilt nun seitens DLV definitiv als verbrieft und versiegelt. Der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Olympischer Spitzensport Volker Schubert begleitete Amanal Petros auf seinem Rekordkurs und interviewte den ursprünglich aus Eritrea stammenden Ausnahmeathleten exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.

„Pedites pro victoria“, es sind die Fußsoldaten, die den Sieg erkämpfen, lautet eine römische Weisheit, die aus der militärhistorischen Praxis der Antike gewonnen, bis heute nichts an ihrer grundsätzlichen Bedeutung verloren hat. Bereits die Römer wussten um den militärischen Nutzen sogenannter Auxiliar-Truppen – jener Soldaten also, die als fremdstaatliche Verbündete in römischen Waffendiensten standen und die beim ehrenhaften Ausscheiden aus den Kohorten der befreundeten Hilfstruppen zumeist mit der vollen Übertragung römischer Bürgerrechte belohnt wurden. Dem frühhistorischen Kriegerkontext folgend, steht die Lebensgeschichte des Amanal Petros exemplarisch für den zunächst ausländischen Dienst im deutschen Namen, nur, dass sich sein jetzt überwiegend urban ausgetragener Kampfauftrag im Vergleich zum antiken Vorbild weitaus unblutiger gestaltet.

Petros ist seit 2017 Sportsoldat

Als Zweijähriger mit seiner Familie aus der bürgerkriegsgeplagten Krisenregion Eritrea zunächst nach Äthiopien/Region Tigray und als 16-Jähriger im Jahr 2012 schließlich alleine nach Deutschland geflüchtet, fasste der heranwachsende Jugendliche in den Folgejahren im wahrsten Sinne des Wortes Fuß: stieg mit ausgeprägtem Integrationswillen in seiner neuen deutschen Heimat rasch zum erfolgversprechenden Nachwuchstalent innerhalb der nationalen Langstreckenlauf-Szene auf, absolvierte 2015 seinen Realschulabschluss und wurde durch Priorisierungsersuchen des DLV rasch deutscher Staatsbürger. Nach diversen deutschen Jugend-, Junioren- und U23-Titeln von 3.000 Meter über 5.000 Meter bis hin zu 10.000 Meter Distanzen ist der mittlerweile 181 Meter große und 62 Kilogramm leichte 29-Jährige seit 2017 Sportsoldat und DLV-kadersportlich im Olympiastützpunkt Bochum integriert.

Deutscher Ausnahmeleichtathlet ist Pistorius‘ schnellster Fußsoldat: Amanal Petros vereint drei nationale Rekorde: 10 Kilometer Straßenlauf in 27:32 Minuten, Halbmarathon in 60:09 Minuten und Marathonlauf in 2:04,58 Stunden.

Debüt und Doppelsilber bei Militärweltspielen 2017 in Wuhan

In der Bundeswehr seither als sogenannter Mannschaftsoldat planstellengemäß verortet, machte Amanal Petros gleich im Jahr seiner Truppenzugehörigkeit zur Spitzensportförderung der Streitkräftebasis mit internationalen Topleistungen auf sich aufmerksam. So erzielte das vom Horn von Afrika stammende Langstreckenass bei den Sommer-Militärweltspielen, die 2017 im chinesischen Wuhan ausgerichtet wurden, Silbermedaillen über die 5.000 Meter und 10.000 Meter Bahndistanzen. Mit Blick auf den weiteren Verlauf seiner landzentrierten Spezialoperationen konzentrierte sich der waffenlose, auf zwei Beinen gegen Zeiten wie Distanzen ankämpfende Militärathlet seither immer stärker auf die Langstreckenlaufszene außerhalb des Stadionrunds. So überbrachte der eingedeutschte „Auxilliar-Soldat“ seine Siegesbotschaften zusehends über Halbmarathondistanzen. So, wie 2021, als er im Oktober im spanischen Valencia mit exzellenten 1:0:09 Stunden aufwartete – dem deutschen Rekord nämlich!

Mit Spikes und Carbon zum Sieg: Amanal Petros legt neben Straßenläufen auch Wert auf schnelle Bahnzeiten, wie er zu Bundeswehr Sport-Magazin sagte.

Amanal Petros ist Berlins Mister Marathon

Und so dürfte Amanal Petros Ehrung zu Berlins Sportler des Jahres 2023 auch als eine Reminiszenz an sein bisher so exzellent präsentiertes Leistungs- und Gesundheitsbild zu werten sein, als es vor 1.500 Gästen hieß: Vorhang auf für Berlins „Mister Marathon“! Eine Ehrung, die der 29-jährige Marathon-Rekordhalter dann auch mit sichtlich strahlenden Augen genoss. „Allein die Nominierung war für mich eine Ehre. Wahnsinn, dass ich die Wahl gewonnen habe“, freute sich der frisch Gekürte vom Marathon Team Berlin. Dann dankte er allen Erfolgsbeteiligten für die erwiesene Unterstützung. „Es macht mich unfassbar stolz“, denn mit zwei deutschen Rekorden sei das Jahr 2023 das erfolgreichste Karrierejahr seiner Laufbahn gewesen. Dabei erinnerte er an die unvergessliche Atmosphäre, die bei seinem Marathon-Rekord in Berlin am Pistenrand herrschte. „Es war pure Freude, auf dieser Strecke unter 2:05 Stunden zu laufen“, sprudelte es aus Amanal Petros noch einmal voll purer Begeisterung heraus.

Und so leitete Petros‘ bei Berlins Champions Gala offiziell erlangter Ruhm dann auch in jene Retrospektive über, bei der Deutschlands Rekordhalter seine hart antrainierte Kenia-Form in einem absoluten Weltklasserennen unter Beweis stellen konnte: Schließlich war bei der 49. Auflage des Berliner Langstreckenklassikers innerhalb der insgesamt 47.912 registrierten Läufer wieder einmal die Creme de la Creme der globalen Marathonszene am Start. Unter der Devise „Run for Joy to Become a Berlin Legend“, sorgte die Zeitenjagd des Elitefelds quasi automatisch für weltweit hohe TV-Einschaltquoten und anhaltende Zuschauereuphorie am Rennstreckenverlauf. Allen voran stand dabei der Weltrekordhalter Eliud Kipchoge in Zentrum der medialen Öffentlichkeit, der seine Bereitschaft für ein schnelles Rennen garantierte, sich aber nicht genauer in die Tempokarten schauen ließ.

Berliner Pflaster mit Katapulteffet für Paris 2024

Von vornherein also ein sich anbahnender Rennpoker der Superlative, der nicht nur auf die extrem starke Afrika-Konkurrenz innerhalb seiner beinharten Landsmannschaft zurückzuführen war. Gleichzeitig stand der beste Marathonläufer aller Zeiten ohnehin unter erheblichem Druck, denn der zweimalige Marathon-Olympiasieger, der im Jahr zuvor in Berlin seinen eigenen Weltrekord auf intergalaktische 2:01:09 Stunden hochschrauben konnte, war wegen der Kenia-Norm für Paris 2024 extrem gefordert, da seine starke nationale Konkurrenz ebenfalls auf die drei Olympia-Startplätze schielte. Und so verstand Kipchoge seinen Berlinstart auch als Sprungbrett für Paris, um dort als erster Läufer der Sportgeschichte zum dritten Mal als Marathon-Olympiasieger gekürt werden zu können.

Korrespondent Olympischer Spitzensport Volker Schubert beim „Après-Marathon-Interview“ mit Amanal Petros für Bundeswehr Sport-Magazin

SCC-Media-Guide: Deutsche Sportsoldaten textlich „unerwünscht“

Auch wenn sich die medialen Augen der internationalen Pressevertreter zunächst auf den ewigen Champion Eliud Kipchoge richteten, ging die Präsenz der beiden deutschen Militärathleten Amanal Petros und Hendrik Pfeiffer keineswegs im Schatten des kenianischen Marathontitanen unter. Allerdings: einschlägige profisportliche Fakten ließ der sich seit Jahren immer hartnäckiger wokeness- wie gendersprechaffin positionierende Berlin-Marathon-Veranstalter „SCC Events“ geradewegs unter den Tisch fallen: in den sonst so akribisch wie detailversessenen Athleten-Porträts des sogenannten „Media-Guide“ für die internationale Pressearbeit unterließ SCC Events offensichtlich ganz bewusst den Hinweis auf die Tatsache, dass sowohl Petros als auch Pfeiffer Sportsoldaten der Bundeswehr sind.

Bei der kurz vor dem Rennen stattfindenden SCC-Pressekonferenz bezog Amanal Petros von Bundeswehr Sport-Magazin auf seinen Soldatenstatus angesprochen allerdings klar Stellung: Er sehe sich in zweierlei Hinsicht in die Bundeswehr integriert. So sei er in erster Linie zwar Soldat und würde im Ernstfall auch seine Uniform anziehen. Davor hätte er keine Angst, denn für den Verteidigungsfall müssten auch Sportsoldaten ihren Dienst an der Waffe leisten. Andererseits wäre er der Bundeswehr sehr dankbar, dass er im Rahmen der Spitzensportförderung sein forderndes Training mit sozialer Absicherung durchführen könne, so der Rekordhalter auf die Frage von Bundeswehr Sport-Magazin, wie er sich als Sportsoldat in rechtlicher wie in tatsächlicher Hinsicht verortet sehe.

Während Hendrik Pfeiffer von der Sportfördergruppe Warendorf (TK Hannover) als deutscher Topläufer mit der Unterbietung der Olympianorm des Weltverbandes World Athletics von 2:08,10 Stunden liebäugelte, wollte DLV-Topläufer Amanal Petros gleich auf nationalen Rekordkurs schwenken und dabei für ein Novum in der Berliner Marathon-Geschichte sorgen. Nicht ohne Grund, denn bisher war es keinem deutschen Athleten während der insgesamt 48 Berliner Marathons gelungen, einen nationalen Rekord in der Männerkonkurrenz aufzustellen. Die Attacke, mit der Amanal Petros hier angreifen wollte, galt dabei auch seinem eigenen deutschen Rekord, den er 2021 mit 2:06,27 Stunden in Valencia aufgestellt hatte und den er möglichst deutlich unterbieten wollte, wie er bei der Pressekonferenz gegenüber Bundeswehr Sport-Magazin unterstrich.

Schneidig! Amanal Petros sieht sich als uniformierter Sportbotschafter im Langstreckenlauf, ist aber auch zur Verteidigung Deutschlands bereit, sollte der Ernstfall eintreten.

Wahlkenianer Petros: Ohne Hardcore-Training geht gar nichts

Fast vier Monate lang habe er sich in Kenias Höhen mit rund 2.400 Metern vorbereitet, täglich hart und sehr lang trainiert und sich dabei vollkommen auf den Hauptstadtmarathon fokussieren können. „Das war sehr herausfordernd“, so der 29-Jährige, der schon im Frühjahr mit einer bestechlichen Form aufhorchen ließ, als er bei den „Deutschen“ in Hannover mit 2:07,02 Stunden unangefochten siegte und sich damit bereits die DLV-Olympiafahrkarte nach Paris sichern konnte. Auch dadurch fühle er sich in die Lage versetzt, in Berlin ein insgesamt kontrolliertes Risiko-Rennen anzugehen.

Eine Halbmarathon-Durchgangszeit von zirka 62 Minuten sei folglich denkbar, aber er könne das Tempo unterwegs jederzeit modifizieren. Ginge sein Berliner Tempofahrplan auf, rechne er mit einer sehr guten Platzierung, so Amanal Petros beim Tischgespräch mit Bundeswehr Sport-Magazin. Um die hochambitionierten Tempoziele auch biomechanisch auf den Berliner Asphalt projizieren zu können, setzte Amanal Petros ganz auf Hightech-Materialien, wie er weiter erklärte. Durch seine neuen Carbon-Schuhe, die nur um die 138 Gramm leicht wären, habe er ein bisher nie gekanntes „gutes Gefühl“ verspürt. So das Marathonass über die technischen Innovationen bei der Konzipierung sogenannter Carbon-Wettkampfschuhe, die in der Leichtathletik-Szene wegen der damit einhergehenden Verletzungsproblematik nicht nur hochgejubelt sondern auch sehr kontrovers diskutiert werden. Amanal Petros sei diese Problematik natürlich bekannt, denn die neuen Schuhe, die sehr leicht sind, sind natürlich nicht so super stabil. So müsse man „ganz vorsichtig damit trainieren“, wie Amanal Petros gegenüber Bundeswehr Sport-Magazin betonte und dabei sagte, dass er mit seinem neuen Carbon-Modell bisher nur zwei Trainingsläufe absolviert habe.

Tempomacher Carbon: Schnelle Beine, schnelle Schuhe, schnelle Zeiten

So würden die Schuhe seinem eigenen Laufempfinden zufolge sowohl nach vorn als auch nach oben drücken. Das Entscheidende bei der Trainingsnutzung sei das richtige Laufgefühl für die tausendfachen Kontaktphasen zwischen Körperschwerpunkt und Fußgewölbe. So schätzt der 29-Jährige die Carbon-Rennschuhe als geeignet ein, um damit maximal vier- bis fünfmal die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometern absolvieren zu können. Mehr ginge bei den filigran aufgebauten Hightech-Schuhen nicht, da die Materialien danach zu stark ermüdet wären. So waren die nationalen Erfolgswünsche hoffnungsvoll auf den Rekordhalter von 2021 gerichtet, denn seit der Jahrtausendwende konnte lediglich ein ehemaliger Ostdeutscher mit glanzvollem Nachnamen, der gebürtige Hallenser und Ex-Sportsoldat Falk Cierpinski, beim Berliner Männerrennen eine Unter-Top-Ten-Platzierung erzielen; das geschah 2008 mit einem herausragenden neunten Rang.

Vertraut auf hartem Asphalt ganz auf Carbon-Rennschuhe. Bis zu zwei Minuten Zeitverbesserung wären auf langen Straßenlaufstrecken möglich, so Amanal Petros, der sich durch die innovative Schuhtechnik wie beflügelt fühlt.

Startpistolenaffäre in der Regenbogenbox

Die sich gleich zu Beginn der ersten Favoritenschritte entrollende Renndramatik, wurde allerdings mit pseudopazifistischer Peinlichkeit eingeläutet. So erfolgte die Renneröffnung in der „selbstverständlich“ regenbogenilluminierten Starterbox lediglich mit einem banalen Hubgeräusch, statt eines Leichtathletik-weltweit üblichen Platzpatronen-Schusses mittels Startpistole. Man wolle angesichts des tobenden Ukrainekriegs demonstrativ auf einen Schusswaffengebrauch verzichten, so die abstrus anmutende Begründung der Marathonmacher. Die Startpistolenaffäre der selbsternannten Gutmenschenkoalition bot dem superspannenden Rennverlauf allerdings keinen Abbruch, denn Eliud Kipchoge begann das Rennen mit einem extrem schnellen Tempodiktat. In die Phalanx seiner drei Tempomacher eingebettet, lag der zweifache Olympiasieger und Rekordhalter ein Jahr nach seinem Fabelweltrekord nach 60:21 Minuten an der Halbmarathonmarke erneut auf Weltrekordkurs.

Berliner Marathon-Statistik mit „Quasi-Weltrekord“

Das Blatt wendete sich allerdings gut 10 Kilometer vor dem Ziel; nach einem deutlichen Tempoabriss, den man optisch allerdings kaum wahrnehmen konnte. Damit erschien ein Weltrekord nun definitiv außer Reichweite. Gefolgt von dem stetig auflaufenden Landsmann und Marathon-Debütanten Kipkemboi, forcierte Eliud Kipchoge seine Temporeserven und siegte letztlich in souveränen 2:02,42 Stunden – deutlich vor Kipkemboi der mit 2:03,13 Stunden herausragender Zweiter wurde. Seinen verdienten Lohn erhielt Kipchoge dennoch mit seinem fünften Berliner Sieg in der achtbesten je auf dem Planeten gelaufenen Zeit: auch das war quasi Weltrekord! Einen Rekord der statistisch besonderen Art konnte sich der Veranstalter zusätzlich auf das Konto schreiben: beide Siegzeiten zusammengerechnet, firmiert der Hauptstadtklassiker nun als das weltweit schnellste Marathonrennen aller Zeiten.

Phänomenaler deutscher Rekord & Marathon-Sprungbrett Paris 2024

Ein spitzensportlicher Leitfaden, dem Amanal Petros nur gut zwei Minuten später folgen sollte. Seine bei der Pressekonferenz gegenüber Bundeswehr Sport-Magazin anvisierte Renngestaltung ging am Ende nahezu bilderbuchartig auf. So schlug der keniagestählte Sportsoldat von Anfang an ein überaus couragiertes Tempo an und überquerte die erste Hälfte bereits in 1:02,12 Stunden. Weiter hochambitioniert in der Renngestaltung, ließ seine Zwischenzeit von 1:28,16 Stunden, die bei Kilometer 30 elektronisch gemessen wurde, sogar auf eine Zielzeit von rund 2:04 Stunden hoffen. Doch auf den letzten Kilometern musste auch Petros einige Körner lassen, lief aber bewegungsökonomisch formstabil mit 2:04,58 Stunden, zum sensationellen neuem deutschen Rekord auf. Finishte damit auch ganz in Cierpinski-Manier als Neunter mit dem absoluten Sahnehäubchen des Schallmauerdurchbruchs gegenüber der 2:05-Stunden-Barriere. Eine Zeit, mit der Amanal Petros gut 20 Jahre zuvor zum Weltrekord gestürmt wäre, um die rasante Entwicklung in der globalen Marathonszene auch richtig einordnen zu können.

Mit dem ersten deutschen Männer-Rekord in der Renngeschichte der 1974 am Berliner Grunewald startenden Extremlangstrecke, dürfte sich Amanal Petros weniger als ein Jahr vor den Pariser Sommerspielen klar auf dem Weg in die erweiterte Weltspitze befinden. Momentan als viertschnellster Europäer aller Zeiten platziert, konnte der Sportsoldat mittlerweile den britischen Lauf-Kometen Mo Farah auf die hinteren Listenplätze verweisen. Am Ende sei er aber sehr müde gewesen, empfand die letzten zwei Kilometer dennoch als wunderbar, so Petros. Nur kurze Zeit hinter ihm erfüllte sich auch Sportkamerad Hendrik Pfeiffer seinen persönlichen Traum und finishte mit hervorragenden 2:08,48 Stunden auf Rang 20; seinem klaren Erzielen der hochgesteckten DLV-Kadernorm.

Wie ein Läufer vom anderen Stern: Weltrekordler und Olympiasieger Eliud Kipchoge siegte in souveränen 2:02,42 Stunden – sein fünftes Berlingold!  

Prädikat fabelhaft: Neuer Frauenweltrekord in Berlin

In der Frauenkonkurrenz ging es letztendlich noch weitaus dramatischer zu. Denn das, was die Äthiopierin Tigst Assefa da auf dem Berliner Asphalt über alle Kilometerabschnitte immer wieder so leichtfüßig abzuspulen schien, dürfte für die deutsche Marathonmetropole Nummer eins einen ewigen Eintrag in die Geschichtsbücher der Sporthauptstadt bedeuten. Bis auf die letzten Meter in jeder Schrittfolge stets hoch konzentriert und dynamisch laufend, stürmte die 22-Jährige nach der Zielmarke hinter dem Brandenburger Tor mit übersensationellen 2:11,53 Stunden ins Ziel; einem absolut phantastischen neuen Weltrekord also, denn mit ihrer Superzeit pulverisierte Assefa die zuvor als uneinholbar geltenden Bestmarke von Brigid Kosgei, die die Kenianerin 2019 in Chicago mit glanzvollen 2:14,04 Stunden aufgestellt hatte, gleich um sage und schreibe 2:11 Minuten. Was Tigst Assefa damit auf Berlins asphaltiertes Laufparkett zaubern konnte, dürfte wohl bis weit in die nächste Dekade ein Sieg von wahrhaft sporthistorischer Bedeutung sein, der bis auf Weiteres wohl nur von ihr selbst getoppt werden dürfte.

Die Äthiopierin Tigst Assefa siegte in der Wahnsinnsweltrekordzeit von 2:11,53 Stunden und schrieb damit Marathongeschichte.

Bundeswehr Sport-Magazin Exklusiv im Interview mit dem neuen deutschen Marathon-Rekordhalter Amanal Petros, der sich in der Hauptstadt Carbon-beschuht im läuferischen Jetstream fortbewegte und dabei scharf am Superlativ kratzte. Der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Olympischer Spitzensport Volker Schubert interviewte Deutschlands neue Marathon-Koryphäe exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin, sprach dabei über die Bedeutung seiner Kenia-Trainingslager, seine spitzensportliche Askese, seine erheblichen finanziellen Eigeninvestitionen, seinen kommenden Trainingsaufbau sowie seine Ambitionen für die Olympischen Sommerspiele Paris 2024.

BwSportMag: Meine absolute Hochachtung zur persönlichen Sub-2:05-Stunden-Fabelzeit, mit der Du die Marathon-Uhrzeiger in puncto deutscher Rekord gehörig vorgestellt hast. Auch Dein Kamerad Hendrik Pfeiffer glänzte mit persönlicher Bestzeit in 2:08,48 Stunden, der DLV-Kadernorm. Zusammen genommen ein Bravourstück des Marathon-Duos Bundeswehr. Mit Rang vier in der ewigen europäischen Bestenliste ist Deine Endzeit eine klare Dimensionsverschiebung, die Deinen Weg Richtung Paris 2024 viel Strahlkraft verleihen dürfte. Wie steinig war der Weg zur Fabelzeit und welche Rolle nimmt die Sportförderung der Bundeswehr für Dich ein?

Petros: Ich gratuliere zunächst meinem Kameraden Henrik Pfeiffer. Auch wenn er langsamer als ich war, Hendrik hat heute eine sehr gute Leistung gezeigt. Ich freue mich sehr für ihn. Die große Herausforderung war für mich im ganzen Jahr 2023, dass ich vor so einem Wettkampf auf unheimlich viele Dinge verzichten musste. Am Ende des Tages bin ich sehr froh und für die Unterstützung unserer Bundeswehr-Sportfördergruppe sehr dankbar, denn ohne die Sportfördergruppe wäre es mir nicht möglich gewesen, diese Spitzenleistung zu erzielen.

Trotz Spitzensportförderung: 10.000 Euro Eigeninvestition

Nur so habe ich die Möglichkeit frei zu trainieren und in diesen Leistungsbereich vordringen zu können. Und ohne die Bundeswehr hätte das alles, was hier heute in Berlin perfekt abgelaufen ist, niemals geschehen können. Ich habe vier Monate lang mein Gehalt bekommen, damit ich mich über Wasser halten und fit bleiben konnte, damit ich ins Höhentrainingslager fahren konnte, damit ich gut essen und gut schlafen konnte. Und das war und ist eine große Sicherheit für mich. Trotzdem musste ich meine Berlin-Vorbereitungen auch selbst mitfinanzieren und habe rund 10.000 Euro investiert. Da gab es keine Zuschüsse!

BwSportMag: Du sprachst soeben vom Verzicht, der ja wohl ein entscheidendes Wesensmerkmal im mittlerweile international brutal hart gewordenen Langstreckenlauf darstellt, wenn man am Ende dauerhaft internationale Erfolge erzielen will. Was bedeuten da Deine oftmals monatelangen Trainingsabstecher nach Kenia ganz konkret?  

Petros:  Ich verzichte ständig auf das Feiern mit Freunden und einen ganz normalen Alltag. Ja, ich verzichte schon auch auf sehr viele Freizeitvergnügungen, weil man nach dem Training einfach schlafen gehen muss. Ich verzichte auch auf falsche Verführungen beim Essen, wie etwa Süßigkeiten, Kuchen oder Burger: der tägliche Ernährungsplan, dass immer wieder eng abgestimmte Essen, das ist für mich allein schon eine harte Sache. So ist das aber in Kenia! Ich war vier Monate in einem Dorf, wo es außer Licht und Strom, Dusche, Essen und Trinken gar nichts weiter gab, außer an jedem Tag hartes und langes Training.

Hundert Prozent Verzicht und viel Reisgemüse

BwSportMag: Das spartanische Leben eines Marathonläufers unter der Devise, nur mit gleichzeitiger Ernährungsaskese kommst Du zum Ziel?

Petros: Ja, auf jeden Fall! Viele meiner Gerichte sind in Kenia auf Reisbasis gekocht, und das Essen gibt es in vielen Varianten mit Gemüse und Fleisch zusammen tagtäglich speziell für uns Laufsportler zubereitet.

BwSportMag: Kenia, ist das so etwas wie ein großes Marathonkloster für Dich, um unter Gleichgesinnten zu leben und um sich vollkommen auf das Langstreckentraining konzentrieren zu können?  

Petros: Wenn Du in Deutschland trainierst, verlierst Du wegen allmöglicher Erledigungen und Ablenkungen mindestens vier Stunden am Tag. Und vier Stunden sind nicht einfach wieder aufzuholen. Für einen Marathonläufer sind die Phasen der Regeneration absolut wichtig. In Kenia lebst Du von vornherein in der Höhe. Da ist Deine Strecke, da ist Deine internationale Laufgruppe und egal, was Du trainieren möchtest, Du findest da immer eine passende Trainingsgruppe. Und von daher kann dort auch schon deshalb nichts falsch laufen. Da bist Du eben wochenlang mit Deinen verschiedenen Gruppen zusammen, die in Deinen Trainingsplan passen. In Kenia ist einfach alles am Training ausgerichtet! Du musst Dich da um nichts kümmern und organisieren!

BwSportMag: Hendrik sagte mir, er hätte während der Marathon-Vorbereitung für Berlin auch mal Umfänge von 230 bis 240 Trainingskilometern pro Woche absolviert. Welche Umfänge und Intensitäten spulst Du da in Iten/Eldoret so wöchentlich in den Vorbereitungsphasen ab?  

Petros: 230 Wochenkilometer erreiche ich kaum. Ich trainiere in Kenia meistens so um die 210 Wochenkilometer. Wir trainieren mit dem internationalen Trainer Canova, aber mein Trainer Kirschbaum ist auch da, und wir arbeiten alle zusammen und stimmen die Trainingspläne auch immer sehr genau gemeinsam ab.

Carbon-beflügelt segelte die Marathon-Rotte der Bundeswehr förmlich über Berlins Asphaltpisten: Während Amanal Petros mit deutschem Fabelrekord finishte, stürmte Sportsoldat Hendrik Pfeiffer mit exzellenten 2.08,48 Stunden zur persönlichen Bestzeit.

Kontrastreich: Mit schnellen Bahnzeiten zu Straßenrekorden

BwSportMag: Du wechselst ja durchaus auch auf die Bahn und ziehst dabei Deine Spikes an, um Schnelligkeits- und Schnelligkeitsausdauerakzente auf Langstreckenunterdistanzen wie im 10.000 Meter Lauf zu setzen. Wie baust Du das in Deine Marathonvorbereitung ein? 

Petros: Ja, das ist wirklich sehr wichtig, denn durch unsere sehr langen Dauerläufe verlieren wir sonst auch zu viel an Schnelligkeit. Für mich geht es deshalb auch immer wieder ins Stadion, um mit gezielten Intervallen die Schnelligkeit zu stärken und zu erhalten. Das sind wichtige Tempogrundlagen, denn ich möchte noch sehr lange beim Marathon bleiben!

Paris 2024 und die 10.000 Meter Attacke auf Dieter-Baumann-Rekord im Fokus

BwSportMag: Inwieweit profitierst Du mit der in Berlin gezeigten Topleistung schon für Paris 2024. Wirst Du jetzt stärker in den härteren Tempoausdauerbereich gehen – also weniger Kilometer, mehr Schnelligkeit, höhere Intensitäten: wie sehen bei Dir die kommenden elf Monate im Mix zwischen Tempo und Ausdauer in etwa aus?

Petros: Ich werde bei der Schnelligkeit auf jeden Fall noch dranbleiben. Die Ausdauer ist wirklich gut entwickelt, aber ich werde jetzt noch mehr Krafttraining machen. Da fehlt mir noch etwas an Muskulatur im Kernbereich um die Hüfte. Und mein Ziel für die 10.000 Meter ist eine Bestzeit unter 27:20 Minuten.

Sportsoldat Petros will 2024 auch den deutschen 10.000 Meter Rekord von Ex-Sportsoldat Dietmar Baumann (27:21,53 Minuten) angreifen und die längste Bahnstrecke unter 27:20 Minuten laufen.

 

Die Fragen stellte Volker Schubert exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.

Text und Fotos: Volker Schubert

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