Germany Athletics-Chef Claus Dethloff: „Der leichtathletische Leistungssport in Deutschland ist nicht länger alternativlos!“

Von Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport

Germany Athletics wirkt!Beim Berliner Halbmarathon ist Esther Pfeiffer (Düsseldorf Athletics) mit 67:25 min Deutschlands weibliches Aushängeschild für absolute Ausdauerhärte und 2026 die „offizielle Nummer 3“ in Europas Straßenlaufszene der Frauen. 

Anfänglich ebenso belächelt wie beklatscht, mittlerweile bewundert wie verwünscht, stößt der kometenhafte Aufstieg der innovativen Leichtathletik-Dachmarke „Germany Athletics“ (GA) immer öfter auf eine Achterbahn diametraler Perzeptionslagen. Denn unaufhaltsam scheint sich das unter Dauerbeschuss von sportverbandsreform-aversen Fundamentalzweiflern und Berufsnörglern befindliche Topsport-Konzept, die deutsche Spitzenleichtathletik wieder vom Kopf auf die Füße stellen zu wollen, seinen Weg zu bahnen. Im Juli 2021 mit dem Startup-Verein „Cologne Athletics“ ins Rennen gegangen, stürmen GA-Athleten fünf Jahre später mit medialer Unübersehbarkeit aufs Medaillentreppchen. Während GA mit seiner bundesweiten Expansion in Metropolen und Regionen zusehends Raum gewinnt, verzettelt sich der diversitätsverliebte, immerhin noch „deutsch“ nennende Leichtathletikverband in immer abstruser anmutenden Strukturgebäuden und fremdthemendominierten Abschottungskonstruktionen – von der spärlichen Medaillenernte auf globalen Bühnen ganz zu schweigen.

Allen Unkenrufen und einem einer Kommunikationssperre gleichkommenden Kontaktverhalten der DLV-Oberen gegenüber der innovationsgetriebenen Dachmarke trotzend, könnte sich GA zum nationalen Gamechanger entwickeln, denn die disruptiven Profisportkonzepte bergen das Potential, sich in naher Zukunft als bahnbrechende Eckpfeiler zur Neuaufstellung der deutschen Leichtathletik-Szene erweisen zu können. Der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Olympischer Spitzensport, Volker Schubert, traf den ehemaligen Hammerwurf-Olympioniken, einstigen Sportsoldaten und Germany Athletics Initiator Dr. Claus Dethloff vis-á-vis der Glockentürme des ikonischen 1936er Reichssportfeldes und diskutierte mit dem erfolgreichen Ökonomen über nachhaltige Zukunftsperspektiven zur Stärkung der deutschen Leichtathletik exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin

Interview auf olympischer Augenhöhe: Korrespondent Olympischer Spitzensport Volker Schubert im Gespräch mit dem ehemaligen Sportsoldaten, Leichtathletik-Entrepreneur und Germany Athletics Deutschlandchef Claus Dethloff vor weltsporthistorischer Kulisse.  

BwSportMag: Claus, jeder bahnbrechenden Idee liegt ein Gründungsmythos zugrunde. Was waren mit kritischen Blick auf die ungenügende Professionalisierung der Leichtathletik Deine entscheidenden Beweggründe, um als Ideengeber zur Neuausrichtung der olympischen Kernsportart die Dachmarke ‚Germany Athletics‘ (GA) ins Leben zu rufen? 

Dethloff: Nun, ich bin seit meinem siebenten Lebensjahr in der Leichtathletik verwurzelt, habe als Kind und Jugendlicher alle leichtathletischen Disziplinen ausgeübt, war als Junior und Erwachsener im Leistungssport national und international erfolgreich, habe von Beginn an Vereinsleben und Sportentwicklung in der Gestaltung ganz nah erlebt, zunächst durch meine Eltern, die mit vielen Ideen und sportfachlicher Expertise den MTV Lübeck zum leistungsstärksten Verein in Schleswig-Holstein gemacht haben, später dann durch eigene Funktionen und durch alle Rollen, die der Sport auf Funktionärsebene bietet, vom Jugendwart über Wettkampf- und Lehrwart bis hin zum sportlichen Leiter und Vorsitzenden oder auch Präsidenten in verschiedenen Vereinen und Verbänden. Somit habe ich die Leichtathletik und auch andere Sportarten in ihrer Entwicklung über fast 50 Jahre begleitet.

Progressive Sportentwicklung: Demotivation verhindern

Dabei habe ich so manche Fehlentwicklung mit ansehen müssen und gerade in den letzten 20 Jahren sind diese in der deutschen Leichtathletik besonders negativ aufgefallen, mit dem fortlaufenden Ergebnis einer spürbar nachlassenden internationalen Konkurrenzfähigkeit des Verbandes und deutlichen, immer erneut wiederkehrenden Demotivationsschüben im eigenen Land bei Vereinen, Trainern und Athleten. Die Beweggründe als Ideengeber haben sich also stetig angehäuft, geäußerte Verbesserungsvorschläge fanden allerdings bei Entscheidungsträgern kein Gehör, also konnten sie erst umgesetzt werden, als wir Cologne Athletics ins Leben gerufen haben, eine Initiative von über 50 Athleten und ihren Eltern. Das Ziel dieser Vereinsgründung war es, in der Leichtathletik-Szene ein Praxisbeispiel für mehr Erfolg exemplarisch zu statuieren und dadurch auch Motivationskonzepte zu implementieren, die für nachhaltige Leistungssteigerung sorgen.

BwSportMag: Der DLV wird seit geraumer Zeit nicht nur wegen mangelhafter Medaillenbilanzen durch das Bundesinnenministerium kritisiert, sondern ebenso wegen des Tenors der auf der DLV-Homepage propagierten Agenda, deren Ambitionen zusehends mit hochumstrittenen Meldeportalen zu konkurrieren scheinen: Im Zentrum der Kritiker: reihenweise alarmistisch inszenierte Sexismus- wie Antirassismus-Programme und ein hartnäckig woker, der Bevölkerungsmehrheit und dem Rat für deutsche Rechtschreibung widersprechender Gender-Sprech. Ist der DLV Mitte der 2010er Jahre links abgebogen und generiert sich seither als nichtregierungsseitige Vorfeldorganisation, statt alle Kräfte auf den Medaillenauftrag zu konzentrieren – wie beurteilst Du diese mittlerweile angstvoll empfundene und oftmals mit vorgehaltener Hand kritisierte Entwicklung?

Dethloff: Der Sport muss parteipolitisch neutral sein und auch der Leistungssport sollte stets unpolitisch bleiben. Meine Wahrnehmung ist zunächst, dass wir in den Vereinen, vor allem aber in den Verbänden zunehmend keine leistungssportorientierte Grundhaltung mehr wiederfinden, zumeist nicht einmal eine leistungsorientierte Einstellung. Als wir bei der WM in Budapest 2023 keine einzige Medaille gewonnen haben, stand beim DLV im Folgejahr sein neues visuelles Erscheinungsbild auf der Agenda ganz oben. Die Erneuerung der Verbands-Website und das Corporate Design waren wichtiger als neu auszurichtende leistungssportliche Konzepte.

Bunte Farbenlehre statt klarer Medaillenglanz

Um den Verband für eine erfolgreiche Zukunft aufzustellen, griff das damalige Präsidium also lediglich zu Gestaltungselementen, die die Vielfalt der Leichtathletik in all ihren Facetten bunt und dynamisch nach außen hin mit einer veränderten Farbwelt abbilden sollen. Parallel dazu wird auch die Außenkommunikation des DLV mehr und mehr in einem Boulevard-Stil gestaltet, nicht nur auf Social-Media-Kanälen fehlt es meist an Qualitätsjournalismus. Somit verfestigt sich der Eindruck, dass Aufmerksamkeit und Reichweite über Nebenschauplätze generiert werden sollen und das Kernprodukt, der Leistungssport, dabei aus den Augen verloren geht.

BwSportMag: Dass ‚GA‘ semantisch mit der globalen Leichtathletik-Vereinigung World Athletics (WA) korreliert, dürfte kein Zufall sein. Signalisiert die namentliche Orientierung des GA-Brandings am Label des Weltverbands auch die strategische Ausrichtung und inwieweit wirkt sich Euer Corporate Design prägend in puncto Corporate Identity, Corporate Communication und Corporate Image aus?     

Dethloff: Der Weltverband und der Europäische Verband haben es vorgemacht, der Deutsche Leichtathletik-Verband ist nicht gefolgt. World und European Athletics heruntergebrochen auf Bundesländer und Städte bedeutet schlussfolgernd beispielsweise Saxony und Cologne Athletics. Wir bündeln auf der unteren Ebene den organisierten Sport in Bezug auf Metropolregion und Sportart und signalisieren zugleich unsere Zugehörigkeit zur internationalen Leichtathletik-Community.

Kooperativ denken und vernetzt agieren

Der DLV betreibt dagegen eher eine Abschottungspolitik, und kam erst auf die Idee, den Antrag auf eine Wortmarke „Germany Athletics“ beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) einzureichen, nachdem er erfahren hat, dass wir bereits diese als Wort- und Bildmarke beantragt haben. Bezeichnend ist, dass die Anmeldung des DLV vom DPMA wegen des Fehlens jeglicher Unterscheidungskraft zurückgewiesen wurde, unsere Marke hingegen rechtsbeständig eingetragen ist.

BwSportMag: Claus, Du bist nicht nur promovierter Ökonom mit Schwerpunkt Wirtschaftspsychologie, sondern mit Deinem konsequent am Hochleistungssport ausgerichteten Franchising-Konzept auch waschechter Entrepreneur. Der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter entwickelte um 1942 das Wirtschaftsmodell der ‚Schöpferischen Zerstörung‘. Sein Ziel: durch dynamische Innovationsprozesse und fortschrittliche Faktorkombinationen neue Wertschöpfungsketten zu schaffen, um damit rückschrittliche wie saturierte Unternehmenskonstruktionen aus den Märkten zu verdrängen. Wieviel schumpeter‘scher Pioniergeist steckt in GA und woraus schöpfst Du Deinen Glauben und Deine Kraft, um als Impulstreiber Deine Konzeptidee von der radikalen Professionalisierung der deutschen Spitzenleichtathletik voranzutreiben?

Dethloff: Schumpeter prägte dieses allgemein gültige Konzept für Fortschritt und Wachstum im Kapitalismus, lassen wir es im organisierten Sport ebenfalls gerne gelten und auch im internationalen Leistungssport ist das Prinzip der schöpferischen, kreativen Zerstörung oft zu finden, doch bedarf es hier im eigenen Land nicht unbedingt immer neuer Ideen und Methoden. Denn Ineffizienz in nationalen Leichtathletik-Verbänden resultiert auch daraus, dass nicht nur neue, schlechte Ideen umgesetzt werden, sondern auch alte, gute Ideen, die in der Praxis bereits erfolgreich waren, aufgegeben werden.

Im deutschen Spitzensport ist Bottom-Up besser als Top-down

Und dies können wir in der deutschen Spitzenleichtathletik feststellen. Und wenn nun vereins- und verbandsbezogene ineffiziente Strukturen nicht weichen, dann haben wir einen Systemfehler, an dem leider die Entscheidungsträger festhalten. Insofern ist mein Glaube in den letzten Jahren nicht unbedingt gewachsen, doch die Kraft wächst mit jedem Mitstreiter aus den Reihen der Trainer und Athleten und auch Vereinen, die unseren Weg begleiten und gleiche Ziele verfolgen.

BwSportMag: GA stellt das Ideal des ‚vollkommenen Leistungssports‘ in das Zentrum seines Leitbildes. In seiner anthroposophischen Ausrichtung betrachtete der deutsche Philosoph Imanuel Kant den werdenden Menschen als Rohdiamanten, der sich durch Disziplin und Körperkultur schulen müsse, um mittels der Beherrschung seines Körpers seinen freien Willen entfalten zu können. Kants darauf fußender ‚Kategorischer Imperativ‘ von der universell-moralischen Gesetzlichkeit des menschlichen Handelns spiegelt sich auch in den sportethischen Friedenskategorien des neuzeitlichen Olympiaschöpfers Pierre de Coubertin wider. Dennoch wird das GA-Leitbild von Kritikern als elitär und libertär gebrandmarkt – ist das letztlich purer Neid auf Dein Konzept-Rollout, das sich seit 2021 konstant auf der Erfolgsspur bewegt?   

Dethloff: Wer sich nicht mit dem vollkommenen Leistungssport identifiziert, wer Leistungssport nicht betreibt oder unterstützt, um bei Wettkämpfen und Meisterschaften Siege und Erfolge zu erreichen, der wird sich schwer mit uns tun und lieber weggucken, verunglimpfen und verhindern wollen. Das ist noch nicht einmal unbedingt Neid, sondern reines Desinteresse und Besitzstandswahrung.

Desinteresse, weil sich diese Kritiker überhaupt nicht mit unserem Gesamtkontext inhaltlich beschäftigen und auf Nachfrage nur irrationale Hypothesen äußern, Besitzstandswahrung, weil sich diese Kritiker jeglicher Veränderung widersetzen und lediglich ihr bisher erobertes Terrain zu verteidigen versuchen. Mir sind gesprächsbereite und änderungswillige Personen lieber, die an einer positiven Entwicklung des Leistungssports tatsächlich interessiert und offen für neue Ansätze und Konzepte sind, denn nur gemeinsam lassen sich viele Probleme für die deutsche Leichtathletik auch lösen.

BwSportMag: Scharfe Kritik an GA entstammt teilweise auch aus traditionellem Vereinsmunde.GA würde den klassisch unterfinanzierten Sportclubs immer dann deren Vorzeigeathleten abwerben, wenn sich beispielsweise erste nationale Erfolge oder europäische Perspektiven anbahnen würden. Es wären schließlich die ‚einfachen‘ Vereine, die die Erfolgsbasis legten. GA, scheinbar monetär wie monopolistisch orientiert, profitiere davon und ziehe die Sportler mit finanziellen Verlockungen aus der angestammten sportlichen Heimat, so die Anwürfe, die GA Abwerbungspraktiken sozialdarwinistischen Charakters unterstellen; was entgegnest Du diesen durchaus als Anfeindung zu wertenden Vorwürfen?    

Dethloff: Wieder ein Beispiel für irrationale Hypothesen. Kooperation und die Stärkung der Vereine in der Fläche gehören zu unserem Gesamtkonzept. Über 30 Vereine, die bisher mit uns eine Kooperation eingegangen sind, werden genau das Gegenteil, aber aus der Praxis und Erfahrung heraus, mitteilen. Diese unterstellten Abwerbungspraktiken resultieren vermutlich aus den über Jahre hinweg tatsächlich praktizierten Abwerbungspraktiken der so genannten Großvereine landauf landab. Die angestammte sportliche Heimat wollen wir gerade mit unserem Vorgehen bewahren, die Vereinslandschaft dezentral und flächendeckend fördern.

Bewährte Praxis: Kooperationen an der Basis für die Basis

Vielleicht bedarf es hier und da noch etwas mehr Präsenz und Dialog oder eines sichtbaren Beispiels vor Ort, damit auch diese verängstigten „einfachen“ Vereine ihr traditionelles Gedankengebäude hinter sich lassen und erkennen, dass wir nicht der typische Großverein vergangener Tage sind, sondern mit uns genau diese, ihre eigenen Ziele, verwirklicht werden könnten: mehr Finanzierung, mehr Aufmerksamkeit in der kommunalen Politik und Presse, bleibende Präsenz erfolgreicher Athleten.

BwSportMag: GA positioniert sich als spitzensportliches Franchise-System nach US-amerikanischem Vorbild. Gegenseitiges Geben und Nehmen zwischen Organisation und Athleten treffen auf ein vertraglich fixiertes Leistungsversprechen mit anvisierten Entwicklungsperspektiven und Medaillenzielen. Auf welches GA-Leistungspaket trifft ein an sportlicher Neuorientierung interessierter Athlet konkret, der sich bei GA für die kommenden Jahre voll und ganz – etwa im 3.000 Meter Hindernis- oder Marathonlauf – seiner Spezialdisziplin widmen will?     

Fabelhafte Symbiose. Esther und Hendrik Pfeiffer, Deutschlands Langstreckenlauf-Traumpaar (Düsseldorf Athletics) ist froh durch das Franchising-Konzept von Germany Athletics professionell trainieren zu können.

Dethloff: Zunächst trifft dieser leistungssportlich ambitionierte Athlet auf ein Umfeld, welches seine Interessen und Bedürfnisse versteht. Wir leben Leistungssport und verstehen uns als Dienstleister. Konkret beinhaltet unser Leistungspaket ein Gesundheits- und ein Athletenmanagement, ein internationales Netzwerk für unterschiedliche Themen, sei es Trainingslager, Studium oder Expertenwissen, eine monatliche finanzielle Unterstützung und eine variable Leistungskomponente, die prozentual weniger als 30 Prozent des verlässlichen Fixums ausmacht, damit der Athlet finanziell Planungssicherheit hat.

Bedarfsorientierter Athletenservice handlungsleitend

Das gilt gerade dann, wenn er mal unterjährig verletzt ist oder bei einer Meisterschaft nicht die Medaille erreicht, die er sich vorstellte. Durch unser Franchisekonzept und damit den bundesweit vorhandenen Athletics-Clubs erfährt der Athlet zudem eine Durchlässigkeit und Flexibilität, die es ihm ermöglicht, auch ohne Verlassen seines vertrauten sozialen Umfeldes all diese Dinge in Anspruch nehmen zu können. In der Spitzenleichtathletik sind individuelle Passgenauigkeiten leistungsfördernd, diese zu ermöglichen, ist unser Ziel und stets unser Handlungsleitfaden

Junger Stürmer unter GA-Fittichen. Der deutsche Vizemister 2026 Niklas Buchholz (Franconia Athletics) gehört zur nationalen 3.000 Meter Hindernislaufelite; startet im August bei der Leichtathletik-EM in Birmingham.

Dethloff: Gute Events locken auch ein Publikum ins Stadion. Doch derzeit haben wir in Deutschland nur wenige gute Meetings und deshalb auch kaum Zuschauer bei Leichtathletik-Veranstaltungen. Insofern geht es selbstverständlich darum, die Nachfrage in der Bevölkerung – und die Leichtathletik ist eine sehr beliebte Fernseh-Sportart – auch mit attraktiven Wettbewerbs-Formaten zu bedienen. Das kann dort erfolgen, wo die potenziellen Fans sich aufhalten, nämlich in den Einkaufsstraßen und an den Sehenswürdigkeiten einer Großstadt, oder an bekannter Trainings- und Wettkampfstätte.

„Leichtathletik ohne Grenzen“ schafft erst Perspektive für alle Athleten

Die Attraktivität einer Leichtathletik-Liga besteht darin, dass sie in Anlehnung an Ligen von Mannschaftssportarten dem Publikum mehr Identifikationsmöglichkeiten und mehr Spannung bietet. Hier kämpfen Teams aus Städten um Punkte und Siege, mit seiner Stadt identifiziert sich ein Fan oftmals stärker als mit einem einzelnen Athleten, und ähnlich wie früher die „Spiele ohne Grenzen“ sorgt eine leichtathletische Spielshow im Staffelformat und mit Disziplinvielfalt für mehr Adrenalin beim Publikum. Eine Liga wie in Mannschaftssportarten führt aber noch zu einem anderen Ergebnis.

Mit 10,08 Sekunden über 100 Meter – hautnah an der berühmt-berüchtigten Sub-10-Schwelle – ist Yannick Wolf (links, Munich Athletics) Deutschland schnellster Polizeibeamter längst bühnenreif.   

Unsere Athleten haben dann regelmäßig eine Bühne, auf der sie auftreten können, was die Sichtbarkeit und Reichweite erhöht. Wenn lediglich 20 Prozent der Bundeskader-Athleten eine Chance auf die Teilnahme an einer internationalen Meisterschaft haben, wenn das einzige Highlight für die meisten Athleten eine Deutsche Meisterschaft ist, die mitunter recht stiefmütterlich vom eigenen Veranstalter, dem DLV, behandelt wird, dann verwundert es nicht, dass viele Athleten sich ein jährliches Training und die Mühe für den Leistungssport schenken und nach dem Schulabschluss mit dem Sport aufhören.

BwSportMag: Auch der Präsident von WA, der frühere britische Weltklassemittelstreckler  Sir Sebastian Coe, will die Leichtathletik revolutionieren und das sportliche Potential in neue spitzensportliche Leuchtturmprojekte mit schillerndem Eventcharakter überführen – ist GA damit ein natürlicher Verbündeter des WA-Chefs, und gibt es wegen der disruptiven Parallelkonzepte bereits einen fruchtbaren Austausch mit der WA-Zentrale in Monaco? 

Dethloff: World Athletics und Germany Athletics arbeiten parallel an der Freisetzung des leichtathletischen Potenzials, die Ziele sind auch gleich, beide wollen die Leichtathletik mit Innovationen und Kreativität pushen, beide wollen die Leichtathleten auch in finanzieller Hinsicht stärker fördern. Und beide haben erkannt, dass aktuelle Konzepte nicht nachhaltig sind, doch die Rahmenbedingungen sind schon noch etwas unterschiedlich. Sebastian Coe verfügt über eine Vielzahl von weltweit bekannten Spitzensportlern, davon kommen aber mittlerweile nur sehr wenige noch aus Deutschland.

Den Leistungssport professionalisieren und von Altsystemen entkoppeln

Wir verfügen über eine Vielzahl von Vereinen, die wiederum spielen für den Weltverband keine Rolle, in vielen Mitgliedsverbänden werden die Athleten über andere Organisationsformen betreut und gefördert. Mit der World Athletics Continental Tour und der Diamond League gibt es weltweit ein großes Netzwerk von Meetings, in Deutschland findet davon so gut wie nichts statt. Ich denke, wenn wir diese Disbalancen aufgehoben haben, macht ein konkreter Austausch mit der WA-Zentrale mehr Sinn.

BwSportMag: Absoluten Spitzensport in der Leichtathletik zu betreiben, funktioniert in Deutschland außerhalb des Geldsports Fußball häufig nur durch Zugehörigkeit in den Exekutiv-Organen Zoll, Polizei oder Bundeswehr – letztere als mit Abstand größtem Spitzensportunterstützer. Die deutsche Diskus-Ikone, der langjährige Sportsoldat Robert Harting, sagte mir vor Jahren, dass Zugehörigkeit zu den 16 Bundeswehr-Sportfördergruppen letztlich nur der sozialen Grundsicherung diene und der DLV bei der Stellenbesetzung eine oft fragwürdige Rolle spiele. Wie wichtig ist die Armeesportförderung aus Deiner Sicht und sollte die Truppe die internationalen Erfolge ihrer steuerfinanzierten Botschafter im Waffenrock folglich auch deutlich offensiver in die Öffentlichkeit tragen?

Dethloff: Die Spitzensportförderung durch die Bundeswehr ist immens wichtig. Ihr Stellenwert ist vielen gar nicht bekannt, wird zuweilen aber auch verschwiegen. Sehr bedauerlich ist, dass die Stellenbesetzung mehr oder weniger dem DLV überlassen bleibt, zumal dieser diese Machtgrundlage gerne mal für ganz eigene Interessen instrumentalisiert. Bei der Landes- oder Bundespolizei wird schon eher mitentschieden. Für Sportsoldaten und Polizeisportler gilt gleichermaßen, dass ihnen der DLV kaum eine Bühne gibt und bei Nennung ihrer sportlichen Erfolge auch nicht ihren öffentlich-rechtlichen Dienstherren als größten Sponsor beim Namen nennt.

Letztlich teilen dieses Schicksal auch die Vereine: der DLV stellt alles und jeden in sein eigenes Rampenlicht und lässt nichts neben sich gelten. Das ist keine Selbstliebe, sondern reiner Überlebenskampf. Wer einmal genauer hinschaut, wird feststellen, dass kaum ein reines DLV-Produkt international Medaillenreife hat. Das Geld für Leistungssport, welches dem DLV zufließt, könnte das Bundesinnenministerium (BMI) für andere Projekte und Organisationseinheiten, die mehr Erfolg versprechen, sinnvoller investieren.

Bundeswehr soll sich nicht vor den Karren spannen lassen

Die Sichtbarkeit solcher Optionen, von denen eine auch Germany Athletics wäre, will der DLV aus Eigeninteresse schlicht verhindern, er möchte gegenüber dem staatlichen Investor BMI als alternativlos gelten. Die Rolle des Investors Bundeswehr sollte auch überdacht werden. Mit einer stärkeren Außenkommunikation über die sportlichen Erfolge der eigenen Sportsoldaten ist es allein nicht getan. Die Bundeswehr hat alles, was eine Sportorganisation benötigt, genügend ökonomische und personelle Ressourcen, sie könnte als eine eigenständige Säule den Spitzensport in Deutschland auch effizienter und erfolgreicher mitgestalten.

Patriot mit Luftwaffenschwingen. Marathonsoldat Hendrik Pfeiffer (Düsseldorf Athletics, PB: 2:06.34 h) brennt darauf, den deutschen Adler auf internationalen Asphaltpisten zu repräsentieren. 

BwSportMag: Bei derPlanstellenvergabe auf die begehrten Bundeswehr-Sportförderplätze verfügt der DLV über eine zweifelhafte Entscheidungsdominanz gegenüber dem Verteidigungsministerium, wie die Fälle des Elitelaufpaars Esther und Hendrik Pfeiffer (Düsseldorf Athletics) nur zu drastisch belegen. Esther wurde trotz überragender Straßenlaufleistung ein militärsportlicher Förderplatz verwehrt und Hendrik bangt trotz ausgezeichneter Marathonergebnisse Jahr für Jahr um seinen Statusverbleib als Sportsoldat. Was muss sich an diesem Machtgefälle ändern und wie kann die Bundeswehr für Sportsoldaten aber auch als hoheitsstaatliche Sportförderorganisation zukünftig noch attraktiver werden?        

Dethloff: Nun, wer mehr Ausstrahlungs- und Anziehungskraft haben möchte, der sollte zunächst ein Wir-Gefühl in den eigenen Reihen entwickeln und den eigenen System-Wirkungsgrad verbessern. Da ist es kontraproduktiv, wenn Sportler, die der Bundeswehr gegenüber positiv eingestellt sind, keinen Förderplatz erhalten, und andere wiederum zu Sportsoldaten werden, die in keinem Interview die Bundeswehr erwähnen. Und wenn diese Auswahl von einem Dritten getroffen wird, dann besteht noch nicht einmal eine Chance auf Heilung. Das Verteidigungsministerium ist gut beraten, das Heft allmählich selbst in die Hand zu nehmen, anstatt sich auf einen Sportfachverband mit zahlreichen Systemfehlern zu verlassen, die bis auf Weiteres schöpferisch nicht zerstört werden können, um noch einmal das Schumpeter-Prinzip zu bemühen.

BwSportMag: Die Bundesregierung will den deutschen Spitzensport mit dem Sportfördergesetz (SpoFöG) spezialgesetzlich auf neue ‚Medaillenfüße‘ stellen. Eine ‚Bundesagentur für Spitzensport‘, beim Bundeskanzleramt angesiedelt, soll der zentrale staatliche Ankerplatz werden, um Athleten sportartübergreifend, unmittelbar und unbürokratisch auf internationalen Medaillenkurs zu manövrieren. Staatliche Spitzensportführung aus einer Hand bedeutet insbesondere Entmachtung der Fachverbände und deren Inpflichtnahme zur konsequenten Konzentration auf das eigentliche Kerngeschäft deutscher Platzierungs- und Edelmetallausbeute bei Olympischen Spielen, Europa- und Weltmeisterschaften – wie bewertest Du dieses sportpolitisch akzentuierte Reformpaket als GA-Vorsitzender?       

Dethloff: Jeglicher Reformansatz im deutschen Leistungssport ist zu begrüßen, sollen wieder mehr Erfolge und Siege auf internationaler Wettkampfbühne erreicht werden. Unsere aktuelle Performanz ist ganz offensichtlich in fast allen Sportarten so schlecht wie nie zuvor. Und wenn hier die Einsicht fehlt oder der Reformwille oder die Kompetenz, dann muss auch einem für die Misere verantwortlichen Verband die Machtgrundlage entzogen werden dürfen. Ich hatte bereits erwähnt, dass die Leichtathleten, die international Medaillen holen, kaum noch aus der gut finanzierten Produktschmiede des DLV stammen. Das Bundesverteidigungsministerium und das Bundesinnenministerium stellen jeweils für sich bereits wichtige Säulen der Spitzensportförderung dar, das Bundeswirtschaftsministerium, zusätzlich auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie die Schul- und Wissenschaftsministerien können zu weiteren Säulen ausgestaltet werden und über eine Bundesagentur für Spitzensport wird dann der Gesamtförderverbund koordiniert. Dies ist ja nicht ganz so geplant, leider.

Leistungszentren wie Start-Ups behandeln

Doch wenn zukünftig ein zentral staatlicher Ankerplatz die Lizenzen vergibt und Fördergelder verteilt, dann sollte weniger auf große Tanker wie Verbände geachtet werden, sondern auf Schnellboote wie Leistungszentren, unabhängig von ihrem Status als Bundes- oder Landesstützpunkt, sondern allein in Bezug auf Trainer und Athleten und auf Perspektive und Erfolge. Diese Leistungszentren sind nämlich zu vergleichen mit Start-Ups in der Wirtschaft, für die auch das Leistungsprinzip gilt und in die gerade deswegen investiert wird. Es ist ja kein Zufall, dass in unserem GA-Konzept flächendeckend disziplinspezifische, altersklassenübergreifende Leistungsteams die zentralen Wirkfaktoren für die Leistungssportentwicklung im Lande darstellen.

BwSportMag: Claus, ich wünsche Dir für Deine progressive Leichtathletik-Agenda kameradschaftliches Fortune, maximale Drehzahlen und bahnbrechende Erfolge!

Der Spiritus Rector von Germany Athletics
Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Claus Dethloff ist Geschäftsführender Gesellschafter einer Kölner Analyse- und Beratungsgesellschaft und als Spitzensportpionier der  Spiritus Rector eines progressiven Professionalisierungsprogramms zur Förderung der deutschen Spitzenleichtathletik, das durch ein von ihm initiiertes Franchise-System unter der deutschen Dachmarke Germany Athletics repräsentiert wird. 

Sportsoldat und Olympionike
Der 1968 geborene Lübecker gehörte in den 1990er Jahren der nationalen Hammerwurf-Elite des DLV an, schwang sich zwischen 1990 und 1994 drei Mal zum deutschen Hammerwurf-Vizemeister auf und wurde 1995 erstmals Deutscher Hammerwurfmeister. 1991 und 1995 startete Claus Dethoff bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Tokio und Göteborg; 1994 repräsentierte der Sportsoldat Deutschland bei den Europameisterschaften in Helsinki. In den Olympiajahren 1992 und 1996 vertrat Claus Dethloff die deutschen Farben bei den Sommerspielen von Barcelona und Atlanta.
Als Sportsoldat spielte Claus Dethloff seine Disziplinstärke ebenso bei drei Militär-Weltmeisterschaften aus und stieg als Diplom-Student der Psychologie bei zwei Universiaden in den Wurfkreis. Seine Bestweite erzielte der DLV-Kaderathlet 1994 mit einer Wurfleistung von 77,68 Metern – eine herausragende Weite, mit der sich der GA-Manager und Vorsitzender des Kölner Leichtathletikvereins „Cologne Athletics“ (sowie Vorsitzender von weiteren 14 Athletics-Clubs) in der aktuellen WA-Rangliste, also 30 Jahre später noch, unter den weltbesten 15 eintragen würde.
Mit Empathie und Expertise hautnah bei unseren Militärleichtathleten. Der ehemals erfolgreiche Berliner Leichtathletik-Amateur (10.000 Meter PB: 30:13 min) und DLV-Lizenztrainer Volker Schubert, berichtet als Korrespondent Olympischer Spitzensport exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.  
  • Text: Volker Schubert
  • Fotos: Volker Schubert / Claus Dethloff (privat)

Liebe Leser, bitte beachten Sie auch unseren Link zur BwSportMag-Reportage:

„Zukunftsprojekt Germany Athletics / Zeigen, wo der Hammer hängt“ von Korrespondent Olympischer Spitzensport Volker Schubert exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin