Von Volker Schubert, Korrespondent Olympischer Spitzensport

Ob schwächelnde Medaillenbilanz, verkrustete Organisationsstrukturen, fragwürdige Verbands-Priorisierung oder ungenügende Spitzensportförderung – geht es in der olympischen Kernsportart um Deutschlands internationale Reputation und Erfolge auf Weltklasseniveau, scheint der Deutsche Leichtathletik-Verband seinen zentralen Auftrag seit Jahren zu verfehlen. Licht am Ende des verdüsterten Leichtathletik-Tunnels verspricht indes ein programmatisches Neukonzept unter der innovativen Dachmarke Germany Athletics, dessen Gründungsinitiative auf den spitzensportökonomisch ausgerichteten Entrepreneur, ehemaligen Sportsoldaten und deutschen Hammerwurf-Meister Claus Dethloff zurückzuführen ist, der die deutschen Farben in seiner Spitzensportkarriere bei Olympischen Sommerspielen, Welt-, Europa- und Militärweltmeisterschaften repräsentierte.
Dass sich die deutsche Leichtathletik seit geraumer Zeit im tiefen Krisenmodus befindet, ist längst zur Binsenweisheit geronnen. Die nationalen Medaillenbilanzen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften der letzten Jahre sprechen Bände, wenn es um das Systemversagen in der einst in Deutschland so beliebten olympischen Kernsport geht. Abgefedert werden die Negativbilanzen allenfalls durch die Sportsoldaten der Bundeswehr oder staatliche Förderkonzepte unter den Fittichen der Bundespolizei, den Länderpolizeien und dem Zoll, oder durch ausgewanderte Top-Athleten wie die wettkampfsportlichen Ex-post-Analysen mit Blick auf Nationenwertung und Topplatzierungen mit tendenziell bitterem Nachgeschmack belegen.

Auf den jährlichen Haushaltsmittelzufluss durch das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI) Bundesinnenministerium, das dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) in den letzten fünf Jahren durchschnittlich über elf Millionen € pro anno an staatlichen Fördermitteln zur Verfügung stellte, dürfte die mangelhafte bis ungenügende Edelmetallausbeute jedenfalls nicht zurückzuführen sein. Obwohl die hoheitsstaatliche Mittelzufuhr primär der Finanzierung und Entwicklung des Leistungssportpersonals einschließlich des Bundestrainer-Tableaus, gezielten Trainingsmaßnahmen und den Olympiastützpunkten zugutekommen soll, setzt der DLV verstärkt auf linkspopulistisch gefärbte Kampagnen; reiht sich zeitgeistig in den vermeintlichen Progressivkurs politisch umstrittener Haltungs-, Sexismus- und Antirassismus-Projekte ein.
Gendersternchen statt Edelmetall
Doch statt die eigenen Verbandstrukturen kritisch zu hinterfragen, die sportartspezifischen Erfolgskonzepte europäischer Nachbarstaaten, wie denen der Niederlande, der Nordischen Länder und Großbritanniens mit trainingswissenschaftlichen Adaptionskonzepten an die nationalen Rahmenbedingungen anzupassen und in wirksame Spitzensport-Fördermaßnahmen zu transformieren, setzt der mediale DLV-Mainstream weiterhin auf Gendersternchen und transgeschlechtliche Debattenkultur. Insbesondere dann, wenn es durch biologischen Geschlechtsnachweis vor allem darum geht, für faire Wettkampfbedingungen in der Frauenkonkurrenz zu sorgen. So lösten die rechtsverbindlichen Beschlusslagen des internationalen Sportgerichtshofs (CAS), des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und des Leichtathletik-Weltverbands World Athletics (WA) mittels verbindlicher Gentests Schutzregelungen für Athletinnen durchzusetzen, die im DLV mittlerweile üblichen Entrüstungskaskaden aus.
CAS, IOC und WA: Gen-Tests schützen Frauenkonkurrenz
Die Abwehr von geschlechtsspezifischen Bevorteilungen durch den Wettkampfausschluss biologisch nicht-regelkonformer Transfrauen oder Athleten mit nicht eindeutiger weiblicher Disposition (Störung der Geschlechtsentwicklung, DSD: Differences of Sex Development), führte innerhalb des DLV zu den erwartbaren Diskriminierungsdebatten. Die Geschlechtertests zur Ausschließung von Personen, die über ein Y-Chromosom verfügen und damit biologisch als männlich zu determinieren sind *), sei nicht nur ein überbordender Eingriff in die Privatsphäre von Frauen, sondern werde der angeblichen Komplexität der Geschlechter nicht gerecht, wie die DLV-Protagonistin Malaika Mihambo kurz vor der Tokioter WM 2025 mainstreamkonform zu propagieren wusste.
- *) Anmerkung des Autors: Bei WA seit 2025 vorgeschriebener SRY-Test: der Nachweis des SYR-Gens auf dem Y-Chromosom weist zellgenetisch nach, dass die getestete Person männlich determiniert ist.
Harsche Kritik hagelt es von der ostdeutschen Leichtathletik-Ikone, ewigen deutschen Weitsprung-Rekordhalterin (7,48 Meter) und zweimaligen Olympiasiegerin Heike Drechsler, die dem Verband mit diametral gelagerter Tonalität vorwirft, dass es im DLV an der konsequenten Fokussierung auf sportliche Höchstleistungen fehle. Vergleichbare Kommentierungen erntete der DLV auch aus dem Athletenlager, nachdem der Fachverband die dem Perspektivkader zugedachten Fördergelder rigoros zusammenstrich und 80 Athleten infolgedessen ad hoc von der finanziellen Unterstützung abkoppelte. Die fachverbandliche Minderleistung in puncto Athletenbetreuung korreliert auch mit sportsozialwissenschaftlich unterfütterten Feldstudien: mit dem ernüchternden Ergebnis, dass deutschen Spitzensportlern in den nichtkommerziell abgefederten olympischen Sportarten ein monatliches Durchschnittseinkommen von 1.919 € brutto zur Verfügung steht.
Mit prekärem Einkommen Weltklasseleistungen erzielen?
Angelehnt an die praxisnahe Bemessungsgrundlage, bei der ein Spitzensportler beispielsweise rund 60 Wochenstunden für sein Training einschließlich eines modifizierten dualen Wissenschaftsstudiums aufwendet, entspricht das einzubeziehende Bruttoeinkommen einem Stundenlohn von 7,40 €, so die aktuelle sportökonomische Analyse des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, die nach Abzug aller sportartspezifischen Ausgaben ein verfügbares monatliches Nettoeinkommen von prekären 626 € errechnet hat.

Kein Wunder, dass der Zielkorridor des DLV mit der Schwerpunktverlagerung auf gruppenspezifisch selbstreferenzierte Wokeness-Affinität und identitätsideologisch aufgeladene Workshops kritikerseitig als radikales Ablenkungsmanöver vielfaltsleer aufgeladener Buntheitsfloskeln identifiziert wird. Mit dem Negativeffekt, dass sich der hartnäckig eingenistete Reformunwille des DLV zu Ungunsten zielgerichteter nationaler Talentsichtung, zukunftsorientierter Nachwuchsförderung und medaillengenerierenden Spitzensportkonzepten zukünftig noch deutlich verstärkter manifestieren dürfte.
Staatliche Mittelkürzungen wegen Medaillenfehl in Paris und Budapest
Doch nicht nur das von phrasenhaften Regenbogen-Parolen durchfärbte Agenda-Setting sorgt innerhalb des DLV für Streit. So agiere die DLV-Spitze zusehends in einer verbandseigenen Echokammer, wie Gremienvertreter das Abschottungsverhalten gegenüber kritischen Spitzensportreformern monieren. Auch unter sportministeriellen Bemessungsmaßstäben des BMI widerspricht das aktuelle DLV-Gebaren der durch den Bund geforderten Konzentration auf den „Medaillensport“, so die regierungsseitige Konnotierung. Wegen der defizitären Medaillenauslese bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris und der 2023er WM in Budapest stellt das Innenressort zusehends die Effizienz des DLV-Apparats infrage, was für 2026 zu einer Haushaltsmittelkürzung von rund einer Million € führte.

Hinzukommt, wie aus informierten Athletenkreisen zu hören ist, dass sich in den DLV-Entscheidungsebenen ein innerer Zirkel etabliert habe, der nicht nur für intransparente Vorgaben sorge, sondern kritische Verbands- und Athletenstimmen vehement zu unterdrücken scheine. Insbesondere dann, wenn es um die Rückbesinnung auf den Hochleistungssportgedanken, deutsche Bestplatzierung im globalen Ranking und zielgerichtete Professionalisierung der Athletenförderung ginge. Die gravierenden Unwuchten im DLV-Getriebe sind neben fachverbandsfremder Projektpositionierung, die zusätzliche Finanz- und Personal-Ressourcen verschlingen, auch auf administrative Wasserköpfe und einen überblähten Funktionärsapparat in dysfunktionalen Strukturgebilden zurückzuführen, so Insider der DLV-Szene. So stünde der DLV dem durch das Bundesinnenministerium geforderten Reformkurs, sich vollends auf das Kerngeschäft medaillenorientierter Spitzensportförderung zu konzentrieren, seit geraumer Zeit diametral entgegen.
Leuchtturmprojekt Germany Athletics: Rücksturz zur Weltspitze in Visier
Eine radikale Trendumkehr, die der deutschen Leichtathletik wieder internationale Strahlkraft verschafft, scheint jedenfalls nicht in Sicht, wenn der DLV zwar an der Athletenschraube Kadernormerhöhung dreht, sein finanzielles wie fachliches Potential aber unter dem Deckmantel nichtssagender Vielfaltsfloskeln als politische Vorfeldorganisation des links-grünen Gesellschaftsspektrums entrollt und sich dabei rückhaltlos in das umstrittene Agitationsfahrwasser sogenannter Nichtregierungsorganisationen begibt. Doch auch wenn die Abstiegstendenz des DLV vorprogrammiert zu sein scheint – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Neuen spitzensportlichen Glanz auf nationalen wie internationalen Leichtathletik-Bühnen verspricht das deutsche Leuchtturm-Projekt „Germany Athletics“, das seit 2021 deutschlandweit expandiert und sich voll und ganz der Athleten-orientierten Professionalisierung durch ein modernes, marktökonomisch wertschöpfendes Franchise-System positioniert.
- Text: Volker Schubert
- Fotos: Claus Dethloff (privat) / Volker Schubert
Interview mit Dr. Claus Dethloff
Liebe Leser, bitte beachten Sie auch den Link zu unserem BwSportMag-Interview: Konzept der „Schöpferischen Zerstörung“ – GA-Chef Claus Dethloff: „Der leichtathletische Leistungssport in Deutschland ist nicht länger alternativlos!“. Der Korrespondent Olympischer Spitzensport Volker Schubert im Gespräch mit dem ehemaligen Sportsoldaten und Germany Athletics Initiator Dr. Claus Dethloff über die Zukunftsperspektiven der deutschen Leichtathletik exklusiv für Bundeswehr Sportmagazin.