„Ich finde es immer schön im Deutschland-Trikot zu starten“ – Im Blitzinterview mit der 3.000 Meter Hindernis-Europameisterin Gesa Felicitas Krause

Wenn es darum geht, die deutsche Leichtathletik in Kombination mit dem Sportfördersystem der  Bundeswehr zu repräsentieren, gibt Gesa Felicitas Krause stets ihr Bestes. Als Sportbotschafterin ohne Diplomatenstatus ist Deutschlands „Hohe Leichtathletik-Repräsentantin“ längst eine international anerkannte Größe. Ihr individuelles Markenzeichen – eine exzellente Paarung aus überragender Disziplin und einer großen Portion gesundem Ehrgeiz – ist für ihre technisch höchst anspruchsvolle Spezialdisziplin des 3.000 Meter Hindernislaufs unabdingbar. Und so betreibt Stabsunteroffizier (Feldwebelanwärter) Gesa Krause die sportmotorisch hochkomplexe Bahndistanz mit großem Erfolg wie internationalen Meriten. Deutschlands schnellste Militärpolizistin und U20-Europameisterin von 2011 ist in der nationalen wie internationalen Sportszene längst zum absoluten Star arriviert, den die weltweiten Konkurrentinnen mittlerweile zu fürchten gelernt haben.

Neue deutsche Läuferinnen-Generation

Damit gehört Gesa Felicitas Krause in Deutschland zu einer hoffnungsvollen Generation ebenso schneidiger wie willensstarker Läuferinnen, die sich, wie die Ausnahme-Mittel- und Langstreckenläuferin Konstanze Klosterhalfen (Nationale Rekordhalterin über 5.000 Meter Bahn in fabelhaften 14:26,76 Minuten) und die deutsche Spitzenläuferin Alina Reh (10.000 Meter Bahnbestzeit in 31:19,87 Minuten) anschicken, in der Weltliga der Allerbesten beim harten wie zähen Minuten-Fight um das heiß begehrte Edelmetall mitzukämpfen. Gerade erst hat die nun 27-jährige Hindernisikone eine einmalige Sieges-, Zeiten- und Platzierungserie vorgelegt. Denn die Weltmeisterschafts Bronze-Medaillistin von 2015 lief innerhalb der Berlin Finals 2019 integrierten Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Berliner Olympiastadion zu ihren fünften nationalen Titel in Folge – ihre Siegeszeit 9:28,45 Minuten, nicht wirklich schnell für ihre Möglichkeiten, wie sie selbstkritisch anmerkte. Weitaus bravourösere Paukenschläge gelangen der Sportsoldatin allerdings Ende August und Anfang September, als Gesa  Felicitas Krause wieder einmal förmlich über sich hinauswuchs.

Weltklasse-Traumziel SUB9

Auf dem Weltklassekunststoff des Züricher Letzigrund drehte Deutschlands schnellste Feldjägerin Ende August auf den letzten 1.000 Metern voll auf und düpierte nach der kenianischen Weltrekordlerin Beatrice Chepkoech, die mit 9:01,71 Minuten einen glorreichen Start-Ziel-Sieg hinlegte, indes die restliche Konkurrenz. So schnell, dass am Ende ein neuer Deutscher Rekord winkte, mit dem sie ihre eigene Bestmarke toppte. 9:07,51 Minuten schlugen da im Hexenkessel des Diamond League-Finale zu Buche – damit rangiert  Gesa Felicitas Krause global nun als Weltranglisten-Sechste.

Gesa mit ISTAF-Weltrekord über die Krummen

Wie spitzenmäßig und stabil ihr Leistungs- und Gesundheitsbild aktuell ist, stellte die Sportsoldatin von der Bundeswehr Sportfördergruppen der Bundeswehr Mainz nur drei Tage später beim Berliner Weltklasse-ISTAF im Olympiastadion unter Beweis, als sie von 40.500 lautstarken Zuschauern förmlich wie getragen zu ihrem Sieg über die krummen Strecken entschwebte. Bei einem taktisch brillant gestalteten Rennen glänzte die gertenschlanke Amazone über die 2.000 Meter Hindernis in 5:52,80 Minuten – neuer Weltrekord! Den Kopf erneut völlig ausschalten, das will Gesa Felicitas Krause demnächst in Katar. Die Weltmeisterschaft im Herbst in Doha kann kommen, denn da will Gesa im von ihr so geliebten Deutschland-Trikot nun ganz vorne mitmischen, so die mutige Deutsche, nämlich unumwunden um WM-Gold kämpfen.

In Doha konsequenter Kampf um WM-Gold

Der Ritt über starre Barrieren wie um gekrönte Spitzenzeiten, könnte die couragierte Militärathletin dann erstmals an die 9:00 Minuten-Grenze führen, wenn das Rennen zunächst ebenso schnell wie konstant ist und sie am Ende Ihre exzellente Hürdentechnik und ihre endspurtstarken Unterdistanzqualitäten ausspielen kann. Dass sie ihrem Traum von unter neun Minuten 2019 deutlich näher gerückt ist, das ist Fakt. Die Operation SUB9 bleibt damit ein absolut greifbares Projekt: Nur Ort und Zeit stehen noch aus! Bemerkenswert ist dabei, dass bis dato nur fünf Spitzenläuferinnen die magische SUB9-Marke über 3.000 Meter Hindernis knacken konnten.

Nach ihrem fünften Deutschen Meistertitel interviewte der Berliner Sportjournalist Volker Schubert die beliebte Publikumsikone mit dem Talent zur Regierungssprecherin exklusiv für das Bundeswehr Sport-Magazin.

Bundeswehr Sport-Magazin: Klasse Gesa und herzlichen Glückwunsch! Das war wieder einmal generalstabsmäßig durchmarschiert, Dein Start-Ziel-Sieg bei den Deutschen Meisterschaften im Berliner Edeloval, wie empfandest Du die Stimmung insbesondere vor und während des Rennens?

Gesa Felicitas Krause: Vielen Dank erst einmal! Es ist für mich immer etwas ganz Besonderes im Berliner Olympiastadion, in meinem Wohnzimmer, zu starten. Die Atmosphäre war auch heute wieder grandios. Es macht mir Riesenspaß vor so einem tollen Publikum zu laufen. Das beflügelt mich, und deswegen bin ich sehr, sehr zufrieden aber auch begeistert von der Riesenstimmung, die einen wirklich um die Runden trägt. Und ja, ich komme in diesem Jahr noch mal zurück vor deutschem Publikum. Im Olympiastadion auf der blauen Bahn zu laufen ist einfach etwas ganz, ganz Tolles.

BwSportMag: Noch einmal zu Deinem heutigen Start-Ziel-Sieg in Deinem Wohnzimmer nachgefragt. Du hast von Anfang an die Pace gemacht: War das so etwas wie die Einsamkeit der Hindernisläuferin, und konntest Du bei Deinem Rennen noch einige anspornende Flash-Backs zur Hindernis-EM 2018 verspüren? 

Krause: Im letzten Jahr war die Einsamkeit im Olympiastadion natürlich deutlich geringer, zumindest was die Europameisterschaften betrifft. Von den Vorleistungen wusste ich, dass ich das Rennen natürlich sehr, sehr individuell gestalten kann. Mein Ziel war es aber eine schnelle Zeit zu laufen. Deswegen habe ich davor auch keine Scheu gehabt, ähnlich wie Konstanze gestern, die von vorne wegzog, hier zu marschieren und zu sehen, was heute geht. Und das waren dann 9:28 Minuten in einem sehr gleichmäßigen Rennen mit alleiniger Hürdenüberquerung. Und damit bin ich eigentlich auch recht zufrieden, wenn ich denke, dass das Jahr noch lang ist. Ich finde, mit diesem Startschuss bei den Deutschen Meisterschaften ist das Jahr wirklich gut gelungen.

BwSportMag: War das 5.000 Meter-Rennen von Konstanze mit Ihrem neuen deutschen Fabelrekord von gestern noch mal ein emotionaler Beschleuniger für Dich, auch eine richtig gute Leistung abzuliefern?

Krause: Ach, nicht wirklich! Weil ich in den letzten Wochen sehr konzentriert an meinem Ziel vor Augen gearbeitet habe. Ich habe eine Vision, von dem was ich möchte. Und da ist das eher so, dass man klar auch mitfiebert und denkt, dass das eine ganz tolle Leistung ist, und  man es natürlich auch ähnlich machen möchte. Aber ich habe jetzt nicht aufgrund dessen, dass Konstanze gestern so schnell gelaufen ist, gesagt, ich laufe jetzt auch gleich von vorne. Also, das war schon auch mein definitiver Plan für die Berliner Finals.

BwSportMag: Welche Rolle spielt es dabei heute für Dich, dass Du nach Deinem letztjährigen Europameistertitel hier in Berlin erneut, aber – in Anführungsstrichen – nur bei den Deutschen Meisterschaften an den Start gegangen bist?

Krause: Also, ich glaube schon, dass die Europameisterschaften 2018 in Berlin erheblich dazu beigetragen haben, dass die Leute sich gedacht haben, das wird auch wieder ein gutes 3.000 Meter Hindernis-Rennen und ich würde so etwas gerne noch einmal erleben. Und dementsprechend empfinde ich 34.000 Zuschauer an diesem Tage auch als etwas ganz Besonderes. Und das hat man auch gemerkt. Während meines Laufs war die Stimmung grandios, und es war sehr, sehr laut – und so bin ich ganz glücklich, dass der Jubel in diesem Jahr durchaus an die Europameisterschaften heranreichte. Das erfüllt jeden Sportler, der heute im Stadion antrat, schon mit Dankbarkeit.

BwSportMag: Gesa, Du startest bereits am nächsten Wochenende bei den Team-Europameisterschaften in Polen. Wie sehr motiviert Dich so ein Wettkampf als Mitglied der Deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft unter dem Aspekt des eigentlichen Jahreshöhepunkts, den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Herbst in Doha – nur eine formstabilisierende Zwischenstation oder mehr?

Krause: Es war meine Entscheidung bei der Team-EM zu laufen. Ich finde es immer schön im Deutschland-Trikot zu starten. Es ist ein Wettkampf, der einen besonderen Charme hat, weil man eben nicht nur für sich läuft, sondern für das deutsche National-Team. Man sammelt Punkte und kämpft gemeinsam für einen Titel. Ich habe sehr viele Erinnerungen an Lille (Anmerkung der Redaktion: Ort der Team-EM 2017 in Frankreich) und Cheboksary, was für mich ein sehr exotischer Ort bei der Team-EM in Russland vor vier Jahren war. Und deswegen freue ich mich auch auf dieses Event, wie schon gesagt, im polnischen Bydgoszcz. Das  möchte ich auch in diesem Jahr nicht verpassen, und das ist auch schon schön im Nationaltrikot zu starten und gemeinsam zu kämpfen.

BwSportMag: Aber Deine leistungssportliche Zufriedenheit scheinst Du ja ausgesprochen anspruchsvoll zu definieren, wenn ich auf Deine Bestzeiten der vier letzten Jahre schaue?  

Krause: Also, ich will in diesem Jahr auf jeden Fall eine Bestzeit laufen, das ist mein großes Ziel! 2017 ist mir das das letzte Mal gelungen, und das möchte ich auf jeden Fall in diesem Jahr schaffen! Natürlich würde ich sehr gerne ins Medaillengeschehen eingreifen, aber dafür muss eine Bestzeit fallen, das ist ganz klar. Ich möchte einfach nur die beste Form in diesem Jahr haben und mein bestes Ergebnis erzielen. Und dann muss ich damit zufrieden sein, und  dann kann ich darauf konstant weiter machen mit dem langfristigen Aufbau.

BwSportMag: Die Weltmeisterschaften in Doha sind ja dieses Mal nicht nur sehr spät in der Saison, sondern auch klimatisch eine echte Herausforderung – wie kritisch siehst Du diese Kombination: zum einen für die reine Formerhaltung, zum anderen aber auch unter den Herausforderungen der hitzebedingten Belastungen?

Krause: Ganz so kritisch sehe ich das nicht, da ja jeder die gleiche Ausgangssituation vorfindet. Es ist natürlich nicht ganz einfach präzise in die Saison hineinzuplanen. Demnach habe ich jetzt auch noch nicht so viele Wettkämpfe bestritten. Und jetzt geht’s einfach erst so richtig los. Aber diese Voraussetzungen haben natürlich alle anderen Athleten aus den anderen Nationen auch zu meistern. Das Training ist natürlich schon eine knifflige Aufgabe im Hinblick auf Tokio 2020, da nach der WM wenig Pause und Erholungszeit vorhanden ist. Man muss dann relativ schnell wieder einsteigen, aber ich sehe das auch als Chance. Man muss halt sehr auf sich achten, weil die Gesundheit  das A und O ist. Und wenn ich gesund und verletzungsfrei bleibe, dann bin ich auf jeden Fall schon sehr zufrieden.

BwSportMag: Aber dennoch, trotz Deiner Aussage zu den grundsätzlich gleichen Bedingungen für alle Athleten: Sind die Afrikanerinnen in Doha von den klimatischen Auswirkungen auf den Körper nicht ganz unwesentlich im Vorteil, was ihre wettkampfspezifische Anpassung an Hitzerennen gerade über Mittel- und Langstreckenlauf-Distanzen betrifft?  

Krause: Ja, das ist natürlich schon schwierig. Ich glaube, das Stadion wird klimatisiert sein auf mindestens 20 bis 22 Grad. In dem Maße sind es normale Bedingungen, wo man als Europäer eher aufpassen muss, dass man sich nicht erkältet vor oder nach dem Laufen. Denn diese Klimaanlagen das ganze Jahr sind wir hier in Deutschland nicht ganz so gewohnt. Deshalb glaube ich nicht, dass der Vorteil für die afrikanischen Konkurrentinnen so extrem ausfallen wird.

BwSportMag: Gesa, am Ende noch ein Blick auf das neue Format Berlin Finals, das die olympische Kernsportart Leichtathletik ja sehr innovativ einzurahmen scheint. Ist das aus Deiner Sicht der medial erfolgversprechende Weg für die Leichtathletik und die anderen olympischen Sportarten, wie Triathlon, Rudern, Turnen oder Boxen um beim Publikum deutlich weiter nach vorne zu kommen?

Krause: Also, ich denke, medial ist das sicherlich eine sehr, sehr gelungene Sache. Als Athlet bekommt man da nicht allzu viel mit. Gestern habe ich die Finals natürlich ein bisschen im Fernsehen verfolgt, aber man ist einfach viel zu sehr mit sich selber beschäftigt und muss schließlich auch an dem Tag,  wo man selbst am Start steht, Leistung abliefern. Und da ist es natürlich unsere primäre Aufgabe ganz bei uns und bei der Sache zu bleiben. Aber bei den Zuschauern ist es sicherlich der richtige Weg, Sport einfach deutlich attraktiver zu gestalten.

BwSportMag: Gesa, danke! Und bleib vor allem verletzungsfrei für alle Deine großen Ziele, die Du Dir so wünschst. 

Text und Fotos: Volker Schubert

 

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