Dresdens Hinderniskönig drängt ins Tokio-Finale – Feature und Blitzinterview mit Karl Bebendorf, dem neuen deutschen Hattrick-Meister im 3.000 Meter Hindernislauf

Der Dresdner Topleichtathlet, spurtstarker Mittelstreckler und 3.000 Meter Hindernisspezialist Karl Bebendorf startete sein Tokioter Olympiajahr zunächst mit für ihn exzellenten Zeiten in den Unterdistanzen. In der frühen Hallensaison glänzte der sächsische Sportsoldat von der legendären Sportfördergruppe in Frankenberg beim Erfurter Topmeeting gemeinsam mit dem deutschen Weltklasselangsprinter Mark Reuter über die 800 Meter; finishte in hervorragenden 1:47,33 Minuten und einer klaren Ansage an die globale Hindernis-Konkurrenz, die für ihn gleichwohl die Qualifikation zu den Hallen-Europameisterschaften über die vier überdachten 200 Meter Runden im polnischen Thorn bedeutete. Und auch über die 1.500 Meter Flachstrecke zeigte der Sportsoldat aus der Athleten-Hochburg des Vorerzgebirges, was er Spitzensportliches 2021 so auf dem Kasten hat.

Sein zweiter Streich gelang ihm bei einem international top besetzen Rennen in Luxemburg, wo er beim Indoor-Meeting im dortigen Kirchberg in 3:40,88 Minuten auf Rang vier finishte und damit sein „doppeltes“ Hallen-EM-Ticket für Polen in den Tornister packte. Allesamt optimale Zubringerleistungen für seine ungekrönte Königsdisziplin mit den 28 Balkenhindernissen und sieben Wassergrabenüberquerungen. Weitere Goldkörner für seine durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) heißersehnte Olympia-Nominierung zu den XXXII. Sommerspielen verdiente sich Karl Bebendorf bei unermüdlichen Wettkampfauftritten auf nationalen wie internationalen Leichtathletik-Bühnen, wo sich Karl Bebendorf ungebrochen formstark präsentierte. Herausragend erwies sich sein Rennen bei den „Deutschen“ in Braunschweig, wo ihm neben dem nationalen Titel-Hattrick zugleich seine persönliche 3.000 Meter Hindernis-Bestzeit in 8:23,28 Minuten glückte und er damit nur sehr knapp an der direkten Tokio-Norm von 8:22 Minuten vorbeischrammte.

So pendelte der Militärathlet im „atmenden Ranking“ des Weltverbands World Athletics (WA) zwischenzeitlich zwischen den Plätzen 36, 40 und 45. Doch am Ende konnte der eifrige Weltranglisten-Punktesammler seinen Kindheitstraum erfüllen. Anfang Juli sorgte Elektronisches für tiefe Erleichterung: Seit jener entscheidenden DLV-Email ist der heimatverbundene Sportsoldat, der seine Meriten für den Dresdner Sportclub 1898 (DSC) sammelt, nun offiziell DOSB-nominierter Tokio-Reisender innerhalb der 431 deutsche Sportler zählenden Nationalmannschaft. Beim internationalen Leichtathletik-Auftakt ANHALT21 im Dessauer Paul-Greifzu-Stadion traf der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Spitzensport Volker Schubert den von Sturm und Drang beseelten Militärathleten zum Smalltalk – ein Feature nebst Blitzinterview exklusiv für das Bundeswehr Sport-Magazin.

Wenn die Erinnerungen des deutschen Speerwurftitanen Johannes Vetter und die des international aufstrebenden Sachsenblitzes über die 3.000 Meter Hindernis, Karl Bebendorf, in ihre jugendlichen Erlebniswelten an der pittoresken Elbmetropole abschweifen, müssen die beiden Sportsoldaten mit den Dresdner Wurzeln mit breitem Grinsen auf den Lippen über ihre damaligen Schwitzkastenspielchen beim leichtathletischen Kindertraining schmunzeln. Da ließ das sich muskulär schon recht kräftig entwickelnde und etwas ältere Werfer-Talent Johannes den deutlich filigraner gebauten Läufertypen Karl schon mal „am langen Arm verhungern“. Das war noch zu sportlichen Beginner-Zeiten in der sächsischen Heimat beim altehrwürdigen Dresdner Sport Club, als Karl Bebendorf sich im zarten Alter von neun bei seinen ersten Startversuchen im Heinz-Geyer-Stadion ausprobierte. Die engagiert vorangetriebene Kinder- und Jugendleichtathletik des DSC führte die beiden talentierten und damals noch blutjungen Spitzenathleten des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) schon früh zusammen.

Vom Dresdner Kinder-Catchen zu internationaler Spitzenklasse

Nach dem gemeinsamen Erlernen des Leichtathletik-ABCs und ersten erfolgreichen Jugendwettkämpfen in der nationalen Nachwuchsszene, trennten sich die Wege der beiden Dresdener DLV-Newcomer im Jahr 2015. Johannes Vetter, der damals seine bei der Landespolizei Sachsen beginnende und damit gesicherte Beamtenexistenz aufkündigte, stieg schließlich bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Frankenberg ein, meldete sich flugs und mit militärisch-schneidigem Gruß bei deren Leiter, dem ehemaligen Topskilangläufer Jan Fiedler ab, um mit zackigem „schwenkt Marsch“ gen Westen zu wechseln: Zur LG Offenburg und damit zur militärischen Spitzensport-Dependance nach Mainz. Boris Obergföll, ehemaliger Weltklassespeerwerfer mit einer Bestleistung von 90,44 Metern, sollte fortan den trainingseifrigen Rohdiamanten schleifen.

Und zwar innerhalb einer kleinen Speerwurfkampfgemeinschaft, denn Oberstabsfeldwebel Boris Obergföll ist seit seinem Sportkarriereende Berufssoldat und als Bundestrainer Speerwurf dauerhaft zum DLV abgeordnet. In die überschaubare Trainer-Athlet-Gemeinschaft gesellte sich von Anfang an auch seine Ehefrau Christina, die deutsche Speerwurfikone der 2000er und 2010er Jahre, mit 70,20 Metern noch immer nationale Rekordhalterin und 2013 Speerweltmeisterin von Moskau, die als studierte Sportwissenschaftlerin ebenso gewinnbringend an den entscheidenden Stellschrauben zu Johannes Vetters fabelhafter Leistungsentwicklung „mithandwerken“ konnte.

Beim diesjährigen Freiluftauftakt ANHALT21 im Dessauer Paul-Greifzu-Stadion konnten sowohl Karl Bebendorf als auch Johannes Vetter zwar mit ihren jeweiligen Siegen glänzen, reagierten dabei allerdings mit diametralen Emotionsausbrüchen. Während der LG Offenburger Superspeerwerfer seinen Meeting-Rekord über 93,20 Meter mit lautstarker Jubelpose wie feurig glänzenden Augen kommentierte, stürmte Karl Bebendorf, der über die selten gelaufene „krumme“ 2.000 Meter Hindernisstrecke gegen ein internationales Starterfeld angetreten war, mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen ins Ziel – als Sieger wohlgemerkt und dennoch mit ambivalenten Gefühlen in der Brust: Hauchdünn nur war der Dresdner Hindernisspezialist am deutschen „Krummstreckenrekord“ vorbeigeschrammt.

Deutscher 2.000 m Hindernis-Rekord: Karl Bebendorfs realistisches Kopfkino

Neun Hundertstel trennten den bis dahin zweimaligen Deutschen Meister über die bei internationalen Meisterschaften nicht zum Wettkampfklassement gehörende Fünf-Runden-Strecke, als er mit starkem Endspurt unangefochten und in 5:25,64 Minuten das elektronische Zeitmess-System zum Stehen brachte. Völlig verständlich also, dass die ANHALT21-Macher das Finale im 2.000 Meter Hinderniswettbewerb zuvor schon als potentielles Rekordrennen angekündigt hatten. Beim heftigen Glockenschlagen eingangs der letzten Runde lag der Wunschfavorit des Veranstalters dann schon mit deutlichem Abstand vor den zur Perlenkette aufgereihten Konkurrenten. Plätze in der WA-Weltrangliste gut machen, um sich Olympianorm-alternativ auch über Leistungspunkte für die Tokioter Sommerspiele qualifizieren zu können, lautete das Ziel des ebenso kämpferisch wie technisch-ästhetisch auch nach dem letzten Hindernisbalken noch sehr energiegeladen sprintenden Sportsoldaten.

Doch aus den glatt 59,0 Sekunden für die letzte Runde, die Karl Bebendorf zum Rekordlauf fehlten, wurden letztlich nur sehr knappe 60 Sekunden. Deutlich weniger als ein einziger Schritt vielleicht und damit „ärgerlich“, wie Karl Bebendorf kurz danach und beinahe erzürnt kommentierte. Versöhnliche Töne gab es dennoch: Die waren am Ende des Meetings nahe des Siegerpodestes von Johannes Vetter zu hören. Der lobte Karl Bebendorfs sportlichen Aufstieg mit ausgesprochen warmen Worten: „Karli und ich haben eine gemeinsame Geschichte, und wir haben es beide geschafft“, so der weltbeste Speerwerfer und die Nummer zwei der ewigen Weltbestenliste gegenüber Bundeswehr Sportmagazin. „Du noch ein bissel mehr“, scherzte Karl Bebendorf anerkennend. Woraufhin Johannes Vetter beim weiteren Smalltalk salomonisch erwiderte: „Aber uns hätte es beiden keiner zugetraut, dass wir mal dort stehen, wo wir jetzt stehen.“

Und in der Tat bot ANHALT21 das Große Kino, was der medialen Popularität der zwei sympathischen Sportsoldaten dann auch den gewünschten vorolympischen Auftrieb verlieh, nämlich eine flutlichtgetränkte Gänsehaut-Atmosphäre die das MDR-Format „Sport im Osten“ umgehend via Live-Schalte übertrug. Wenige Minuten nach dem MDR-Interview sprach der Berliner Sportjournalist und Korrespondent Spitzensport Volker Schubert exklusiv für das Bundeswehr Sport-Magazin mit dem ambitionierten Olympiaaspiranten und Sportsoldaten von der Elbmetropole über den so knapp verpassten Rekordversuch, spitzensportliche Olympiaperspektiven und Modisches.

BwSportMag: Karl, auf dem letzten Drittel Deines Rennens bist Du ja quasi wie Zieten aus dem Busch voran gestürmt. Also, erst einmal Glückwunsch zu Deinem Hindernisauftakt nach Maß, den Du aber dennoch sehr selbstkritisch und mit einem emotionalen Mix von wütend bis enttäuscht wahrgenommen hast. Nach dem ersten Abkühlen, was bleibt nach dem so hauchdünn gescheiterten Rekordversuch bei Dir innerlich hängen, überwiegt da am Ende vielleicht doch die Freue über den Sieg?     

Karl Bebendorf: Natürlich, ich habe es heute groß angekündigt, dass heute der Tag ist oder sein kann. Neun Hundertstel, dazu brauche ich eigentlich nicht viel sagen, schade! Aber auch diese Zeit muss man erst einmal laufen! Und natürlich ärgere ich mich, dass ich so dünn am Rekord vorbeischrammt bin. Ich habe aber gut trainiert, und ich weiß, was ich körperlich drauf habe. Ein Rekord ist keineswegs außerhalb meiner sportlichen Reichweite, dass zeigt mir ja auch meine gestoppte Endzeit im Ziel. Was soll‘s, ich nehme das Rennen jetzt einfach als weiteren Erfahrungsschatz für meine nächsten Wettkämpfe mit.

Schadlos durchs Corona-Tal

BwSportMag: Jetzt blende ich mal kurz einige Monate nach 2020 zurück: Dein Corona-Jahr Nummer eins ist eigentlich gar nicht so gut verlaufen. Du warst ja einer der ersten Topsportler in Sachsen, die an Covid-19 erkrankt sind. Wie hat sich die Infektion bei Dir persönlich ausgewirkt?

Karl Bebendorf: Meine Infektion wurde mitten in der zweiten Welle festgestellt. Wie ich mich angesteckt habe, kann ich mir bist heute nicht erklären. Was dann kam, war eine sehr schwierige Zeit. Es gab damals auch noch nicht die Informationen, über die wir heute verfügen. Dementsprechend habe ich mich schon auch wie ein Versuchskaninchen gefühlt. Ständig wurde ich auf alle möglichen Studien hin angesprochen. Ich saß dann meine zehn Tage dementsprechend isoliert ab, also in Quarantäne. Mir ging es aber körperlich nicht wirklich schlecht. Doch der dabei andauernde Geruchs- und Geschmacksverlust hat mich schon ein bisschen verunsichert. Ich habe Corona aber insgesamt doch recht gut überstanden.

BwSportMag: Jetzt nochmal zurück zu Deinem Rennen und zur Ursachenanalyse nachgefragt: War der erste Kilometer, um zirka die drei Sekunden zu langsam, wie der Stadionsprecher meinte, schließlich der Grund für Deine so hauchdünn verlaufene Aufholjagd; wie war Dein Fahrplan für die Durchgangszeiten zuvor eigentlich durch Deinen Trainer und Dich selber gestrickt?

Karl Bebendorf: Gut gemanagte Rennen kann jeder laufen

Karl Bebendorf: Der Rennverlauf war schon recht ungleichmäßig, dass der eine oder andere Gegner technisch nicht so sauber über die Hindernisse gegangen ist. Das stört einen natürlich schon, gerade am Wassergraben, wo ich dann plötzlich nach links ausweichen musste. Aber das Rennen war von der Taktik her in der Mitte einfach zu langsam, das konnte ich am Ende auch nicht mehr mit meiner Schnelligkeit kompensieren. Wenn ich dann aber bei Europameisterschaften oder bei Olympia am Start stehe, muss ich natürlich auch mit solchen Gegnern klarkommen. Und deswegen sage ich: Gut gemanagte Rennen kann jeder laufen. Die hohe Kunst im Hindernislauf ist es nun mal auch unter wechselnden, manchmal sogar widrigen Bedingungen gute Zeiten zu laufen, und das ist im Endeffekt gleichzeitig auch immer wieder ein optimales Training.

BwSportMag: Wie sehen Deine weiteren Wettkampfstationen für die Freiluftsaison aus, wo kann man Dich wieder am Bildschirm verfolgen und mit welcher Zielrichtung willst du dort an den Start gehen?

Karl Bebendorf: Ich laufe nächste Woche bei der Team-Europameisterschaft mit. Ich darf Deutschland über die 3.000 Meter Hindernis vertreten. Das ist für mich dann auch noch einmal eine gute Gelegenheit die Olympianorm zu laufen, jedenfalls wenn das Rennen schnell wird. Ansonsten bietet die Team-Europameisterschaft auf jeden Fall auch die Möglichkeit gut Punkte einzusammeln.

Tokio-Hoffnung ruht auf WA-Ranking

BwSportMag: Dein Fahrplan für die Olympiaqualifikation eröffnet Dir aufgrund des neuen WA-Reglements Richtung Tokio zweigleisig zu fahren. Folglich über die direkte Erzielung der Olympianorm oder über das Punktesammeln im globalen WA-Ranking. Wo stehst Du da aktuell und was musst aus Deiner jetzigen Perspektive heraustun, um Deine Nominierungschancen in sicheres Fahrwasser zu leiten?  

Karl Bebendorf: Ich bin vom internationalen Ranking her mit der heutigen Zeit nochmals stabiler geworden und vom Wertungsprinzip her momentan drin. Aber ich kann mich mit dem heutigen Rennen jetzt nicht auf die Couch legen und entspannt auf die Nominierung für Tokio warten. Ich muss die Leistung von heute einfach noch weiterhin untermauern oder eben doch noch durch die offizielle Nominierungszeit für Tokio in Sack und Tüten packen. Dafür brauche ich vor allem schnelle Rennen, bei denen es durchaus auch mal mit den Ellenbogen zur Sache geht. Der 3.000 Meter Hindernislauf auf internationalem Niveau ist jedenfalls kein Sackhüpfen für zartbesaitete Mentalitäten.

BwSportMag: Karl, egal ob ich Dich in Wettkampf- oder Trainingsklamotten treffe oder im zivilen Look, Du siehst immer topgestylt aus; wie wichtig ist Dir Dein persönliches und damit ja auch öffentliches Erscheinungsbild, denn wenn ich auf Deine sozialen Plattformen schaue, könntest Du neben Deinen sportlichen Botschaften ja durchaus als Mode-Influencer rüberkommen?

Karl Bebendorf:  Über mein ziviles Outfit mache ich mir grundsätzlich Gedanken. Schließlich ist modische Kleidung auch ein persönliches Statement an mein soziales Umfeld. Da möchte ich schon sportlich-elegant und modisch rüberkommen. Mein Kleiderschrank ins neben meinen Sportsachen jedenfalls auch sonst gut sortiert. Hoffentlich kommt bald noch eine modische Besonderheit hinzu: Wenn ich die Nominierung zu den Sommerspielen schaffe, werde ich natürlich mit der offiziellen Olympia-Bekleidung ausgestattet. Das ist auf jeden Fall ein einmaliger Wert, den es so nicht zu kaufen gibt. Fast wie eine Medaille, die mich dann natürlich auch Stolz macht.

Die Fragen stellte Berliner Sportjournalist und Korrespondent Spitzensport Volker Schubert exklusiv für Bundeswehr Sport-Magazin.   

Spitzensportlicher Tapetenwechsel, die Team-Europameisterschaften im Schlesien-Stadion des polnischen Chorzów (ehemals deutsch: Königshütte) Ende Mai, nur gut eine Woche nach Dessau. Für Karl Bebendorf ein kontinentales Stelldichein mit erneuten Olympia-Norm-Ambitionen. Doch das 3.000 Meter Hindernisrennen verlief ab dem Wassergraben der vorletzten Runde alles andere als glücklich ab. Karl Bebendorf, im Rennverlauf taktisch gut aufgereiht und eng im Peloton mit jederzeitigem Kontakt zur Führungsspitze, kam nach seiner TV-optisch einwandfreien Wassergrabenlandung aus der Balance und stürzte plötzlich völlig unvermutet.

Team-EM-Drama am Wassergraben: Sturz. Auferstehung. Karlskrone gerichtet!

Was dann folgte, war die berühmte Schrecksekunde. Nach seiner raubkatzenartigen Vorwärtsrolle zeigte sich der Frankenberger Sportsoldat von geistgegenwärtiger Kaltblütigkeit. Mit elegantem Geschick stand Karl Bebendorf nach einem leicht benommen wirkenden, allenfalls leicht zwei Zehntel währenden Durchschütteln unvermittelt auf. Mit einem energischen wie raumgreifenden Antritt gelang es Karl Bebendorf auf der Gegengeraden der letzten Runde erneut die Verfolgungsjagd aufzunehmen. Dann entspann sich Dramatik pur: Der nun hochspannende Rennverlauf wandelte sich zum Hinderniskrimi, bei dem es Karl Bebendorf tatsächlich gelang, sich der bereits enteilten mehrköpfigen Spitzengruppe noch aussichtsreich an die Hacken zu heften. Doch die so mutig erzielte Tuchfühlung reichte am Ende nicht aus. So kam der Elbstädter hinter dem spanischen Sieger Fernando Carro (8:38:67 Minuten), dem Franzosen Mehdi Belhadj (8:40,03 Minuten) und dem Italiener Asama Zoghlami (8:40,41 Minuten) in 8:40,93 Minuten auf Rang fünf ins Ziel.

Eine unter den Umständen nur dünne Zeiteinbuße, die angesichts der Endspurtfähigkeiten des 25-Jährigen Bände spricht, wäre der Schützling des DSC-Trainer Dietmar Jarosch nach seinem Gerangel in der sechsten Runde, nicht vom Pech verfolgt gewesen. Der bittere Zwischenfall habe sich ereignet, als er gerade die Spitze attackieren wollte, so der Taktiker Karl Bebendorf bei einem nachfolgenden Telefonat zu Bundeswehr Sportmagazin, der seine Siege oftmals durch blitzartige Antritte im letzten Wettkampfviertel einleiten konnte. Der nach dem Wassergraben im Kunststoff verhakte Spike habe ihm fünf Plätze und vor allem viel Kraft gekostet, wie er am Hörer weiter einräumte.

Wer allerdings auf den medialen Hype angesichts des gestrauchelten, wieder auferstandenen und seine Krone gerichteten Dresdner Hinderniskönigs Karl wartete, der wartete vergeblich. Der sportethisch berechtigte Widerhall blieb nahezu aus, ebenso wie das würdigende Schulterklopfen des DLV oder der Fairplay-Preis des Veranstalters, denkt man an den Medienrummel nach dem Sturzpech von Disziplinkameradin Gesa Felicitas Krause bei der Leichtathletik-WM 2017 in London! Pech hat, wer den Schaden hat und den Spott erntet, so das bittere Urteil über den kühn und beherzt weiterkämpfenden Karl Bebendorf, wenn man darauffolgend die offiziellen Reaktionen als auch die überwiegend postheroisch akzentuierten Meldungen Revue passieren lässt.

3.000 Meter Hindernis: Nichts für sackhüpfende Grobmotoriker

Seinen vorolympisch entscheidendsten Höhepunkt stellte sein Juni-Auftritt im Braunschweiger Eintracht-Stadion dar; der letzten Chance für ein Tokio-Ticket auf dem Weg über die Zeitnorm-Qualifikation der WA. Doch kurz vor den nationalen Berlin I Rhein-Ruhr Finals 2021 wurde Karl Bebendorf eiskalt von einer sich immer aggressiver entwickelnden Allergieattacke erwischt. Und so fiel der gesundheitliche Auftakt zu diesem wichtigen Qualifikationsevent alles andere als erfreulich aus: Durch die sich schleichend verschlimmernde Symptomatik wurde der ansonsten so kerngesunde und bis in jede Faserspitze hinein durchtrainierte Spitzenläufer von entzündeten Nebenhöhlen und einem dick angeschwollen Hals traktiert. Der heftig entfachte Heuschnupfen, „ein wirklich ungutes Gefühl“, wie der Braunschweiger Titel-Favorit kommentierte.

Trotz leichter Schwindelgefühle auf den Einlaufplatz, beherrschte der zierlich-schlanke Laufsportler schließlich die Kunst der Überwindung. Vielleicht auch ein mentaler Push-and-Pull-Effekt, nach dem so knappen ANHALT21-Rennen, der ihm innerlich zuzwinkerte, jetzt auf keinen Fall aufgeben zu wollen. Und auch sein regelmäßiges Training mit einer die Einatmung einschränkenden Maske sorgte möglicherweise für stärkende Effekte, wie Karl Bebendorf nach dem Rennen verriet. Im Endeffekt erwiesen sich die Deutschen endlich als das von Karl Bebendorf herbeigesehnt schnelle Rennen, bei dem die engere Titel-Konkurrenz dann auch wirklich nichts anbrennen ließ.

Ein sich bis zur ersten Rennhälfte recht gleichmäßig abspulender Tempoverlauf wechselte zusehends in eine spannende Hatz mit mehreren Führungswechseln zwischen Karl Bebendorf und dem U23-Europameister Frederik Ruppert (SC Myhl, Silber in 8:25,27 Minuten), die der Dresdner Hindernismeister der beiden Vorjahre exakt mit dem einsetzenden Glockenschlag eingangs der letzten Runde dann endgültig dominieren sollte. Sein mutig erstrittener Hattrick glückte sogleich mit persönlicher Bestzeit in 8:23,28 Minuten. Chapeau, denn fast fünf Sekunden schneller als seine alte Bestmarke und insgesamt die schnellste seit neun Jahren erzielte eines DLV-Hindernisspezialisten.  Dabei schrammte der DSC‘ler nur etwas mehr als eine Sekunde an der direkten Olympia-Norm (8:22) vorbei; musste damit erneut auf seine Unter-45-Platzierung im WA-Ranking hoffen.

„Atmende“ Weltrangliste beschert olympische Punktlandung

Dass er trotz der Allergieprobleme in Braunschweig Bestzeit gelaufen sei, zeige ihm, dass er über Reserven für eine Zeit unter 8:20 Minuten verfüge, so Karl Bebendorf bei seiner Nachbetrachtung anhand seiner zuvor gemessenen Trainingswerte überzeugt. Seine Olympiaziele schätzt Karl Bebendorf folglich ebenso kämpferisch wie realistisch ein, denn die Konkurrenz im internationalen Lauf- und Hindernislaufbereich sei nahezu erdrückend: Und so will die aktuelle Nummer 45 der WA-Weltrangliste im Tokioer Nationalstadion zunächst einmal um die Finalteilnahme fighten. Wenn ihm das Bravourstückchen gelingen sollte, stünden alle taktischen Türen für eine mögliche Medaille offen – je nach Rennverlauf, denn „hinten raus“ dürfte der couragierte Dresdner aufgrund seiner exzellenten 800 Meter Zeiten und seiner finalen Mobilisationsfähigkeiten in Schlussspurt durchaus über ein beinhartes Ass in seinen fein gelochten Hindernisspikes verfügen. Das wäre dem engagierten Sportsoldaten von Sachsens Elitesportfördergruppe Frankenberg bei seinen ersten Sommerspielen auch innerhalb eines publikumsfreien olympischen Tokioter Lauftempels allemal zu wünschen.

Text: Volker Schubert    Fotos: Volker Schubert / Karl Bebendorf privat

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