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Mit dem Kick-down des Solisten – Interview mit Tunnelsprinter Julian Reus

Filed in Interview, Leichtathletik, Spitzensport by on 11. August 2017 0 Comments • views: 26

Wer die Wahl hat, hat die Qual, hieß es vor gut einer Woche für den Top-Leichtathletik-Soldaten Julian Reus. Obwohl der derzeit schnellste deutsche Sprinter und Rekordhalter über die 100 Meter vom TV Wattenscheid 01 nur auf Flachstrecken an den Start geht, musste der WM-Nominierte wenige Tage vor dem Londoner Sommermärchen zunächst echte Hürden überspringen: Rein mentale Hindernisse allerdings! Denn für Julian Reus, der aktuell mit Saison-Bestzeiten von 10,10 Sekunden über 100 Meter und 20,29 Sekunden über die 200 Meter, seiner neuen persönlichen Bestzeit, aufwarten kann, stand im Vorfeld zu den Leichtathletik-Weltmeisterschaften an der Themsemetropole eine schwierige Entscheidung an.

Anfang August war das Rätzel um die WM-Strecken-Wahl schließlich gelüftet. „Die Entscheidung ist mir sehr, sehr schwer gefallen“, offenbarte Julian Reus, der schließlich seinen Start über 100 Meter bekannt gab, obwohl ihm „im Moment auch beide Strecken leistungsmäßig absolut gleichwertig sind“. Und so wäre ein Einzel-Start über 200 Meter auch die Alternative gewesen. Angesichts der gigantischen Übersee-Konkurrenz zeigte sich Rekordhalter Julian Reus, Deutschlands einziger 100 Meter WM-Einzelstarter, dennoch realistisch, erklärte das Erreichen des WM-Halbfinales als sein eigentliches Ziel – zudem vor einem Jahrhundertfinale, in dem der „9/58-Superweltrekordler“, der Jamaikaner Usain Bolt, sein Abschiedsrennen zelebrieren wollte. Schon deshalb strebte Julian Reus einen Lauf durch den mentalen Tunnel an, wollte sich ganz und gar auf sein Sprintrennen fokussieren und so wenig wie möglich des London-Spektakels an sich heranlassen, um nicht abgelenkt zu sein.

Und in der Tat, mit seinen 10,25 Sekunden, Rang sechs im Vorlauf, verfehlte der Wattenscheider Militärathlet seinen WM-Wunschkorridor nur um eine Hundertstel, denn als einer der sechs Zeitschnellsten gelang Emmanuel Matadi aus Liberia, 10,24 Sekunden und Rang vier, die hauchdünne Halbfinalnominierung. In Großbritanniens Leichtathletik-begeisterter Metropole setzt der nationale Sprint-Solist dennoch auf „schöne Meisterschaften“, wenn es um die deutsche 4×100-Meter-WM-Staffel mit seinen beiden Wattenscheider Vereinskameraden, den Sportsoldaten Robert Hering und Robin Erewa, geht. Dort liebäugelt Julian Reus schon mal mit der Finalteilnahme, weil man im Bundesleistungszentrum Kienbaum gut ablaufendes Staffeltraining absolviert habe. „Wenn in London alles passt, geht es ins Finale“, so Reus durchaus Euphorie versprühend.

Schließlich habe das DLV-Sprintquartett bei den letzten beiden Weltmeisterschaften mit zweimal Platz vier bewiesen, dass die erfolgversprechendsten Spielkarten in den Staffelrennen immer wieder neu gemischt würden. „Sehr weit vorne landen“ und darauf achten, „woraus man Kraft und Energie“ ziehen könne, wie Reus anspornend zu verstehen gab. So wie bei der Team-EM im französischen Lille, wo DLV-Sprinter auf Rang zwei ihre absolute Konkurrenzfähigkeit unter Beweis gestellt hätten. Im finalen WM-Trainingslager Kienbaum, kurze Zeit vor seiner Entscheidung für die 100 Meter, interviewte der Berliner Sportjournalist Volker Schubert Julian Reus, den top-gestylten Coverman des deutschen WM-Teams, zu seinen Kick-down-Vorhaben im Solo-Sprint und in der 4 x 100 Meter-DLV-Staffel für London. Lesen Sie hier die transkribierte Fassung.

Einer gegen alle, heißt das WM-Motto für Julian Reus in London! Der deutsche Rekordhalter über 100 Meter ist der einzige deutsche Sprinter, der bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2017 gegen die Phalanx der Unter-zehn-Sekunden-Sprinter in der Einzelqualifikation antritt. 

Bundeswehr Sport-Magazin: Julian Reus, in wenigen Tagen steigen Sie in London in Ihre  Startblöcke; und damit in eine sporthistorisch überaus ruhmreiche Arena. Bei den Olympischen Spielen 2012 konnte der deutsche Diskuswerfer Robert Harting dort seine Wurfserie vergolden. Aktuell sind Sie als nationaler Rekordhalter über 100 Meter und Topläufer über 200 Meter auch dieses Jahr der definitiv schnellste deutscher Sprinter. Was liegt Ihnen im Vorfeld der Weltleichtathletik-Spiele in London jetzt besonders am Herzen, mit welchen Gedanken fiebern Sie dem Megaevent entgegen?

Julian Reus: Meine Gedanken drehen sich nur darum, möglichst gute Rennen von Anfang an abzuliefern und alles andere lässt man auf sich zukommen. Also, dass die Briten Sportereignisse und Sportevents machen können und Stadien füllen können, das hat man in den letzten Jahren gesehen und von daher denke ich, dass die Weltmeisterschaften auch gut besucht werden und die Briten auch als Leichtathletik-freundliches Land gute Stimmung machen werden.

Bundeswehr Sport-Magazin: Das hört sich ja schon sehr nach hochkonzentriertem Tunnelblick an, also auf die totale Fokussierung auf Ihren 100 Meter Lauf, wenn ich das richtig interpretiere?

Julian Reus: Es steht ja noch gar nicht fest, ob ich die 100 Meter laufe. Also ich kann ja auch die 200 Meter laufen. Also, von daher haben wir ja noch keine Entscheidung getroffen.  

Bundeswehr Sport-Magazin: Was lässt das WM-Reglement denn alles an Mehrfachstarts zu. Bei den Olympischen Spielen treten einige der überragenden Sprinter ja oftmals über die 100 Meter, die 200 Meter, den Weitsprung und die 4 x 100 Meter Staffel an. An der Themse beabsichtigen Sie doch sicherlich bei der Staffel mitzumischen, oder?   

Julian Reus: Starts sowohl über die 100 Meter als auch über und die 200 Meter, das geht bei der WM nicht. Es ist immer nur eine Strecke möglich und dazu die Staffel. Die Staffelteilnahme ist aber auf jeden Fall mein Ziel.

Bundeswehr Sport-Magazin: Bei der 4 x 100 Meter DLV-Staffel gelingt es unseren schnellsten Männern immer wieder gegen ein großes Konkurrenzumfeld von exzellenten Unter-10-Sekunden-Einzelstpintern aufgrund beeindruckender Staffelstab-Wechseltechniken mit international beachtlichen Platzierungen aufzutrumpfen. Ist die Staffel auch in London wieder so ein Pfund und wie ist Ihr sportlicher Werdegang seit Berlin fliegt!, wo erstmals unter anderem mit Ihnen auch Top-Sprinter auf einer verkürzten Planche am Start mit-fighten durften, bis kurz vor den Jahreshöhepunkt London 2017 insgesamt denn so verlaufen?  

Julian Reus: Die Staffel ist auf jeden Fall ein Pfund, genau! Ja, zum Training seit Berlin fliegt!, das ist jetzt ja fast komplett ein Jahr her, da folgten im Training die ganz normalen Geschichten. Man trainiert im Winter bis zum Frühjahr möglichst verletzungsfrei durch, was mir jetzt gelungen ist, um meine Hausaufgaben zu machen und sich für die internationalen Wettkämpfe vorzubereiten und zu qualifizieren, was mir auch gelungen ist. Und jetzt stehen dann die internationalen Wettkämpfe, also die WM als Höhepunkt, an.

Bundeswehr Sport-Magazin: Mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Bundesinnenminister, der ja auch für den nationalen Spitzensport zuständig ist, sind ja vor kurzem novellierte Förderrichtlinien beschlossen worden, die unter vielen Aktiven, wie auch von  der Diskuswerferin und Sportsoldatin Christina Schwanitz, heftig kritisiert worden sind. Die Maßnahmen griffen zu kurz und verlangten sportliche Vorleistungen, die nur die wenigsten Talente in jungen Jahren erbringen könnten, hieß es dort sehr skeptisch. Aber auch auf Seiten der finanziellen wie sozialen Unterstützungen böte das neue deutsche Sportfördersystem nicht genügend Sicherheiten wie langfristige Karriereperspektiven. In Großbritannien denke man hier sehr viel weiter, investiere deutlich intensiver und langfristiger in die Athleten, wie auch deren Erfolge zeigten, hieß es dort insgesamt lobend weiter. Wie sehr beschäftigt Sie das alles?

Julian Reus: Förderung wir immer diskutiert, aber ich kann jetzt nicht einschätzen, wie die Athleten in Großbritannien bei der Leichtathletik unterstützt werden oder wie sie angestellt werden. Das kann ich jetzt deshalb auch nicht vergleichen.

Bundeswehr Sport-Magazin: Im Langstreckenlauf wird ja immer von der Ostafrika-Phalanx aus Kenia und Äthiopien gesprochen, die aus europäischer Sicht quasi nicht zu knacken wäre. Herr Reus, sie gelten in der internationalen Sprinterszene ja als der aktuell zweitschnellste Weiße, wie eine westdeutsche Tageszeitung im WM-Vorfeld schrieb, also knapp hinter dem Franzosen Christophe Lemaitre rangierend, inwieweit stimmt das eigentlich?

Julian Reus: So genau weiß ich das gar nicht. Ich bin da auch niemand, der hier die Statistiken wälzt. Also von daher kann ich hier keine präzisen Angaben machen.

Bundeswehr Sport-Magazin: Nun noch einmal in Richtung WM und damit auf Ihre Vorbereitungen für London geschaut. Was war da in den letzten Monaten und Wochen Ihr Trainingsschwerpunkt mit Blick auf den Mix von Kraft, Schnelligkeit und Technik – gab es da essenzielle Neuakzente, die sich besonders erfolgreich auf ihre Schnelligkeit, konkret ihren deutschen Rekord, auswirkten?  

Julian Reus: Also ich bin jetzt letztes Jahr drei Mal unter 10,10 Sekunden gelaufen, mit 10,01 Sekunden den deutschen Rekord gelaufen, in der Halle über die 60 Meter mit 6,52 Sekunden den deutschen Rekord gelaufen, da kann man nicht das komplette Trainingssystem umstellen. Da arbeitet man an Feinheiten. Das sind dann teilweise ein bis zwei Läufe mehr oder ein bis zwei Läufe weniger. Da wird dann ein wenig an der Intensität geschraubt, aber da wird das Rad jetzt nicht komplett neu erfunden. Also von daher, da mache ich beispielsweise auf einmal nicht komplett mehr Krafttraining. Das sind insgesamt so maximal fünf bis sechs Prozent des Trainings, die wir schrittweise verändern. Das ist eigentlich so wenig, dass es für Otto Normalverbraucher nur sehr schwer ist zu erklären oder nachzuvollziehen ist.

Bundeswehr Sport-Magazin: Das Fazit Ihrer Antwort, das ich hier herauslese, das ist dann eine hochintensive, sehr präzise trainingswissenschaftliche Betreuung und Steuerung, richtig, Herr Reus?

Julian Reus: Ja, genau. Das war in den letzten Jahren schon so der Fall.

Bundeswehr Sport-Magazin: Würde man die letzten Trainingsjahre noch einmal Revue passieren lassen, scheint dann wohl sehr genau an der Schraube Trainingsdosierung gedreht worden zu sein?

Julian Reus: Ja, man versucht es zumindest, ob es am Ende richtig ist oder nicht. Natürlich wäre es schön, wenn man da am Ende ein klares Ja oder Nein bekommen würde. Das ist ja immer so ein wenig das, wo man schauen muss, ob das alles so gepasst hat, aber wie gesagt, man muss erst einmal irgendwie das erreichen, was einen bereichert und weiter bringt. Man muss sich für die internationalen Wettkämpfe qualifizieren und vom Gefühl her ist das dann schon so, dass man merkt, dass das Training angeschlagen hat oder eben nicht. Und wenn ich mich mit 10,10 Sekunden für die WM qualifiziert habe, definitiv, dann ist das schon so, dass das Training angeschlagen hat.

Bundeswehr Sport-Magazin: Wie sahen jetzt ihre letzten Trainingswochen vor der ja absolut hochkarätigen London-WM inhaltlich so ungefähr aus?

Julian Reus: Die Woche vor vier Wochen sieht natürlich komplett anders aus als, als das, was man in der Woche vor der WM macht. Beides ist nicht zu vergleichen. Es wird immer weniger, was man macht, sage ich mal ganz einfach. Weil der Körper einfach die Frische braucht im Sprint, das man da mit 100 Prozent da ist. Und vier Wochen zuvor wird einfach noch viel mehr trainiert, als direkt zum WM-Höhepunkt hin.

Bundeswehr Sport-Magazin: Alle zwei Jahre gibt es ja nur die WM, da geht es dann nochmal um die letzte Feindosierung. Wohl vor allem ein Prozess, um die Form zu konservieren und auf den Punkt genau abrufbar zu gestalten. Lassen Sie bitte den Leser doch mal kurz reinschauen, was da so passiert.      

Julian Reus: Man trainiert acht Mal in der Woche. Drei Mal Krafttraining, drei Mal Sprinttraining, zwei Mal allgemeines Training, aber den kompletten Trainingsplan von vor vier Wochen kann ich dann auch nicht mehr auswendig aufsagen.

Bundeswehr Sport-Magazin: Und was das athletische Umfeld betrifft, Sie sind ja bei der Bundeswehr quasi unter Vertrag, mit welchem Dienstgrad eigentlich?

Julian Reus: Ja, Feldwebel, bei der Sportfördergruppe Oberhof. 

Bundeswehr Sport-Magazin: Da hört man ja oftmals in den Medien, dass der eine Athlet oder die eine Athletin in Interviews hinsichtlich zweitweise nicht so ganz zu zufriedenstellender Leistungen betont, dass man nicht so richtig trainieren konnte, weil man zum Feldwebellehrgang musste. Inwieweit ist das ein limitierender Faktor?

Julian Reus: Das ist ja auch so. Also, wenn man siebeneinhalb Wochen in der Trainingsvorbereitung nicht so verbringen kann, wie man es muss oder braucht. Deswegen konnte ich in diesem Jahr auch keine Hallensaison machen. Es gehört natürlich dazu, darüber bin ich mir auch bewusst, deswegen gebe ich da bei den Lehrgängen dann auch mein Bestes. Dann ist die Vorbereitung natürlich nicht so störungsfrei, wie wenn man sich im reinen Trainingsprozess befinden würde.

Bundeswehr Sport-Magazin: Sind diese militärischen Lehrgänge dann gekürzt beziehungsweise inhaltlich gestrafft?

Julian Reus: Das sind Feldwebellehrgänge Spitzensport dann, ja! Wie die sich aber zu den normalen Feldwebellehrgängen unterscheiden, das weiß ich halt auch nicht so genau.

Bundeswehr Sport-Magazin: Und hat man dann nach Dienstschluss noch die Möglichkeit in adäquaten Sportanlagen disziplinspezifisch zu trainieren, also auf Hochleistungskunststoff-Laufbahnen und in entsprechend ausgestatten Krafträumen etwa?

Julian Reus: Genau so ist das, aber doch mit starken Einschränkungen. Es ist ja kein qualitatives Training möglich. Bei meinem Lehrgang in Hannover, da musste ich beispielweise noch jeweils 45 Minuten zum Olympiastützpunkt hinfahren. 

Bundeswehr Sport-Magazin: Nimmt man als Hochleistungssportler in Flecktarn Vorgänge im verteidigungs- und sicherheitspolitischen Umfeld eigentlich intensiver und geschärfter wahr, als die übrige Bevölkerung?

Julian Reus: Also, man nimmt schon die Meldungen, wie etwa das Beispiel Mali, wo die Hubschrauber abgestürzt sind, wahr. Natürlich verfolgt man das. Man liest dann das in den Medien und man verfolgt das. Oder wenn man mal auf Lehrgängen ist, dann tauscht man sich mit den Soldaten aus, die in den Einsätzen waren. Und da setzt man sich schon intensiver mit auseinander.

Bundeswehr Sport-Magazin: Ist der Beruf Soldat nach der Sprinterkarriere für Sie eine Perspektive, es soll ja wohl zukünftig auch Möglichkeiten geben, bei der Bundeswehr Sport zu studieren und dann gegebenenfalls als Trainer zu arbeiten?

Julian Reus: Da habe ich mir jetzt noch keine Gedanken gemacht. Aktuell ist es mein Job Leistung zu bringen, Sport zu machen und wie es dann nach meiner Karriere aussieht, darüber habe ich mir jetzt noch keine Gedanken gemacht.

Bundeswehr Sport-Magazin: Was sind nach der London-WM Ihre nächsten großen Stationen, die Leichtathletik-EM in 2018 Berlin sicherlich und dann schon der weite Blick Richtung Olympia 2020 in Tokyo, wie sieht Ihr Fahrplan mittelfristig aus?

Julian Reus: Ja, Berlin natürlich. Dann 2019 die WM in Doha und 2020 die olympischen Spiele in Tokyo. 

Bundeswehr Sport-Magazin: Für London wünsche ich Ihnen für Ihre persönlichen Ziele und Ihren Wettkampfverlauf maximale Erfolge. Und dass Sie neben dem 100 Meter Tunnel nach Ihren Rennen noch genug Zeit für interessante Londoner Impressionen finden.

Julian Reus: Super, danke schön!

 

Die Fragen stellte der Berliner Sportjournalist Volker Schubert.

Foto: Volker Schubert

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