67. Deutsche Hallen Meisterschaften 2019 – „Ein Traum für Deutschland starten zu dürfen“

Im Blitzinterview mit 3.000 Meter Hindernisspezialist Martin Grau, Deutscher 3.000 Meter Hallen-Vizemeister 2020

Im globalen Ranking des Weltleichtathletik-Verbands IAAF rangierte Sportsoldat Martin Grau letztes Jahr unter den exklusiven Top-25. 2019 auch national der Jahresschnellste, liebäugelt der bayrische Hindernisspezialist für 2020 nun mit einer olympischen Finalteilnahme im neuen Tokioter Nationalstadion. Ende Februar präsentierte sich Martin Grau erneut ambitioniert, als er bei den Deutschen Leichtathletik-Hallenmeisterschaften in Leipzig eine erste Visitenkarte für seinen im Hochsommer anvisierten Japan-Trip abgab: Nach einem bis zuletzt spannungsgeladenen 3.000 Meter Hallenfinale interviewte der Berliner Sportjournalist Volker Schubert den Deutschen 3.000 Meter Hindernismeister und frisch gebackenen Deutschen Hallenvize, der über die gleichlange Flachdistanz mit neuer Unter-8-Minuten-Bestzeit aufhorchen ließ.

Der ungeplante Ausflug zu den 67. Deutschen Hallenmeisterschaften nach Leipzig war nicht nur ein taktischer Schachzug, sondern auch eine mikrozyklische Punktlandung. Nachdem Sportsoldat Martin Grau bei seinem 1.500 Meter Hallen-Rennen Anfang Februar im Finish mit 3:45 Minuten zu Buch schlug und dabei mit neuer persönlicher Bestzeit glänzen konnte, schien es wohl zum Greifen nahe, die erkämpften Zuwächse an Topspeed wie an Tempohärte rasch noch bei einem erneut beinharten Rennen zu testen – und zwar auf der Doppeldistanz; schließlich ist der 27-jährige Nordbayer derzeit Deutschlands Nummer Eins in seiner Spezialdisziplin, dem technisch äußerst komplexen und taktisch wie konditionell überaus fordernden 3.000 Meter Hindernislauf. Und so lag der Trip in die sächsische Sportmetropole zum nationalen Indoor-Höhepunkt förmlich auf der Hand.

Vom Start an hohes Tempo

Vor allem schnell sollte er sein, der zweite „Verstärkerwettkampf“, der sich mitten in der Hallensaison, gepaart von profunder Zuschauerresonanz einer fast ausverkauften Arena Leipzig, da so prächtig präsentierte. Nach den in persönlicher Bestzeit absolvierten 1.500 Metern war der Wunsch des Militärathleten entsprechend groß, auf der 3.000 Meter Flachdistanz ebenfalls die bisherige persönliche Bestmarke zu toppen. Ein sportlich ambitioniertes Ziel, das dann auch in neue zeitliche Dimensionen führen sollte: Die 3.000 Meter endlich einmal unter acht Minuten zu laufen, das schien bei der nationalen Leipziger Titelkonkurrenz nun definitiv machbar. Die spontane Entscheidung der Vereinsführung den 27-Jährigen, der für den LAC Erfurt startet, erneut in ein hochkarätiges Rennen zu schicken, führte dann auch in ein echtes Fegefeuer: Für den Ex-Höchstadter ein Auftakt nach Maß, denn der von Martin Grau gehegte Wunsch nach schnellem Rennauftakt wurde rasch Wirklichkeit.

Und so wurden Martin Graus Hoffnungen gleich vom ersten Schritt an erhört: Mit 2:37 Minuten passierte der Führungs-D-Zug die ersten 1000 Meter; die Durchgangszeit der Spitze verlief nahezu perfekt. Mit knapp einer Sekunde Abstand platzierte sich Martin Grau zunächst geschickt in jene taktische Lauerposition, in der er jederzeit über Tuchfühlung nach vorn verfügte und ebenso zügig zur Spitze aufschließen konnte. Als Mohamed Mohumed, der über ostafrikanischen Migrationshintergrund verfügende Führungsmann von Olympia Dortmund, zu bummeln oder möglicherweise früh zu schwächeln anfing, wurde es dem mittelblonden Militärathleten sprichwörtlich zu bunt. Grau schaltete umgehend auf hochaktiv, also den Angriff stringent nach vorn starten, so wohl die intrinsische Devise des Hindernisspezialisten, mit der der Sportsoldat seine eigene Planerfüllung postwendend einzuläuten begann.

28 Balken, sieben Wassergräben: Über raue Pfade nach Tokio

Der Nordbayer zeigte Mut, drückte aufs Gas und riss dabei das vordere Konkurrenten-Feld nun endgültig auseinander. Auf den letzten 150 Metern musste sich Martin Grau, der bis aufs Messer fightete, dem Flachstreckenspezialisten geschlagen geben. Unwiderstehlich erschien der starke Endspurt des Düsseldorfers Maximilian Thorwirth, der schließlich in hervorragenden 7:53,31 Minuten siegte. Und dennoch, mit seinen 7:56,20 Minuten konnte Grau gleich zwei Ziele verwirklichen, eine Medaille als Deutscher Vizemeister und das Sprengen der Acht-Minuten-Schallmauer.

Wenn auch nicht programmmäßig, ein Indoor-Ausflug, der sich für Martin Grau wohl schon jetzt auszahlte, denn für Martin Grau stand kurz nach dem Rennen fest, dass sein Rennverlauf den Beweis erbracht habe, „in der Vorbereitung alles richtig gemacht“ zu haben, der frisch gebackene Vizemeister gegenüber Bundeswehr Sport-Magazin. Jetzt, wo „die Grundlagen […] da“ wären, könne er auch sein heuer größtes Ziel seiner bisherigen Athleten-Karriere anpeilen: Bei den Olympischen Sommerspielen in seiner Spezialdisziplin einen Finaleinzug ins Neue Nationalstadion der japanischen Hauptstadt Tokio zu erstreiten.

3.000 Hindernis-Spezialist Martin Grau auf Tokio-Kurs

Bundeswehr Sportmagazin (BwSportMag): Ja, Martin, das war wirklich ein hartes und ein starkes Rennen von Dir, zumal als deutscher 3.000 Hindernisspezialist, der sich anschickt, noch tiefer in die disziplinspezifische Weltelite vorzudringen. Gleich zu Beginn ging es richtig schnell zur Sache, die ersten 1.000 Meter in 2:37 Minuten. Das war sicherlich kein Pappenstiel, aber nach Deinen Top-1.500-Metern zuvor in 3:45 Minuten Bestzeit wohl ein erstes Drittel ganz nach Deinem Geschmack. Wie hast Du das Rennen erlebt, und kam Dir das hohe Anfangstempo bei Deiner anvisierten taktischen Gestaltung am Ende entscheidend entgegen?     

Martin Grau: Also, ich wollte sehr schnell rennen, um zu testen, was mit Grundlagen geht. Insofern war es mit sehr recht, dass wir in 2:37 Minuten bis 2:38 Minuten durchgegangen sind. Das war ein wirklich guter Start. In der Mitte fand ich es schon schade, dass das Rennen dann langsamer wurde. Und da musste ich dann selbst die Initiative ergreifen, was mir dann aber auch ganz gut gelungen ist. Das war ja dann auch der entscheidende Cut. Ich wusste natürlich, dass ich hier gegen Maximilian Thorwirth im Endspurt nichts in petto hatte. Aber ich habe Spurten ja auch nicht trainiert. Ich habe im Winter die Grundlagen für die Sommersaison gelegt, und die kamen ja wirklich sehr gut, wie man heute gesehen hat. Aber für einen Endspurt gegen Maximilian reicht’s eben noch nicht ganz, aber das ist schon völlig ok so.

BwSportMag: Natürlich wirst Du Deine Bestzeit von heute gleich mal auf Deine Spezialstrecke umrechnen. Wie lautet da Deine Prognose Richtung Tokio-Saison und die wirkliche harte DLV-Olympianorm von 8:22 Minuten?

Grau: Klar, völlig richtig. Da rechne ich um die 20 bis 30 Sekunden drauf und dann komme ich wieder in den Bestleistungsbereich. Also, was jetzt die Grundlagen angeht, da bin ich in einem sehr guten Bereich. Und im Sommer werde ich das wohl auch umsetzten können; es geht wohl schon so in Richtung 8:20 Minuten bis 8:22 Minuten. Da will ich auf jeden Fall hin, wenn nicht sogar ein Stück darunter.

BwSportMag: Martin, Du bist ja Sportsoldat, was allerdings kaum bekannt ist. Welcher Sportfördergruppe gehörst Du da konkret an?  

Grau: Ich bin bei der Bundeswehr-Sportfördergruppe in Oberhof organisiert, aber ich trainiere in Erfurt, was für mich ja auch sehr heimatnah gelegen ist. Die Rahmenbedingungen sind damit sehr gut, und ich bin sehr zufrieden mit dem leistungssportlichen Umfeld. Alles funktioniert wirklich sehr gut, und ich fühle mich gut betreut. Ich möchte meinen Sport machen – derzeit also alles wunderbar!

BwSportMag: Wie lange bist du eigentlich schon unter den Fittichen der militärischen Sportförderung?

Grau: Ich bin schon seit 2011 als Sportsoldat dabei; ja, das sind jetzt schon zehn lange Jahre.

Kämpfernatur im Hinderniswald. Sportsoldat Martin Grau – aktuell die Nummer 57 in der Weltrangliste der World Athletics – will europäisch wie international ganz oben mitmischen. Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften über die 3.000 Meter Flachstrecke durchstieß der zähe Mittelstreckler erstmals die unter Läufern noch immer als legendär geltende 8 Minuten-Schallmauer und wurde damit Deutscher Vizemeister.

BwSportMag: Da summiert sich ja zeitlich wirklich einiges zusammen. Bist Du da schon Hauptfeldwebel oder mit welchem Dienstgrad geht’s für Dich an die Evolvente?  

Grau: Ich bin einer von denen, denen der letzte Lehrgang dafür noch fehlt. Also, ich bin Stabsunteroffizier, weil ich trainingsmäßig die abschließende Ausbildung dafür noch nicht machen konnte.

BwSportMag: Das verstehe ich völlig. Du bist ja ein echter Vollblutläufer, wenn ich auf deine leichtathletische Vita schaue. Und da stehen sich Trainingslager und Wettkämpfe im Verhältnis zu militärischen Lehrgangsplanungen wohl oftmals im Wege und der Sport rangiert da klar an erster Stelle. Das dürfte dann für 2020 sicherlich erneut der Fall sein, wenn ich an den kommenden Megaevent in Tokio denke. Was ist im Land der aufgehenden Sonne Dein aufsteigender Stern, von dem Du für die Olympischen Sommerspiele spitzensportlich gerade träumst?        

Grau: Tokio ist auf jeden Fall mein sportliches Primärziel. Das ist natürlich schon ein Traum für Deutschland starten zu dürfen. Und darauf ist jetzt alles ausgelegt.

BwSportMag: Wie sieht dafür jetzt Dein Trainings- und Wettkampf-Fahrplan in Richtung Deutsche Freiluft-Meisterschaften in Braunschweig und die Zeit nach dem nationalen Juni-Event aus? 

Grau: Also unsere nächste unmittelbare Planung führt uns in sechs Tagen nach Südafrika mit dem Verband. Dann an die Ostsee nach Zinnowitz und das ist eine wirklich schöne Trainingslagerkette. Und dann muss es auch schon mit den Wettkämpfen über die Hindernisse losgehen, also Punkte sammeln bei den internationalen Leichtathletik-Events, was ja neben der Olympianorm auch eine Qualifikationsmöglichkeit ist, die zur Tokio-Nominierung führen kann.

BwSportMag: Welche Rolle spielt für Dich in dieser Phase das rennspezifische Techniktraining über die Hindernisse und den Wassergraben?

Grau: Diese Trainingseinheiten muss ich auf jeden Fall machen und sehr intensiv trainieren, weil ich sonst zu viel im Technikbereich verliere. Und ich brauche vor allem dieses spezielle Gefühl dafür, was aber auch im Grundlagenbereich durchaus einbaubar ist.

BwSportMag: In der Wintersaison steht Dir naturgemäß kein Wassergraben zur Verfügung. Dafür aber der Hürdenwald der Kurz- und Langsprinter – baust Du die dann zur Überbrückung statt der fehlenden Balkenhindernisse in Dein Hallentraining ein?     

Grau: Ja, den Wassergraben kann ich im Winter leider nicht damit kompensieren, aber die Hürden baue ich immer wieder mit ein. Statt des Wassergrabens mache ich aber mein spezielles Kraft- und Sprungtraining. Das kann ich alles im Olympiastützpunkt in Erfurt trainieren – da ist alles an Trainingsmitteln vorhanden, was ich zur Überbrückung brauche. Und vor allem gleich mit dem Bundestrainer vor Ort mit zusammen.

BwSportMag: Welche Rahmenbedingungen stellt Dir die Bundeswehr eigentlich am Militärstandort Erfurt zur Verfügung, wenn ich da beispielsweise an den physio-therapeutischen oder sportmedizinischen Support denke? 

Grau: Nun, physio-therapeutisch war ich nur zweimal bei der Sportfördergruppe Oberhof unter Betreuung. Zum Glück habe ich hier im Olympiastützpunkt in Erfurt wirklich gute Möglichkeiten. Aber medizinisch bin ich mittlerweile auch über die Bundeswehr-Sportschule in Warendorf sehr gut abgesichert. Dort hat man ein offenes Ohr, wenn verletzungsbedingt mal was ansteht und mir wird dann dort auch wirklich weitergeholfen. Dadurch habe ich leistungssportlich sehr, sehr viele Freiheiten, um das Training genau nach meinem speziellen Trainingsbedarf zu gestalten. Und alles das, was man mit der Bundeswehr so abspricht, das funktioniert dann auch immer wirklich gut.      

BwSportMag: Unter diesen erfreulichen Aspekten möchte ich mal einen Blick in Deine berufliche Zukunft werfen. Seit 2019 wird das neue Konzept der Bundesregierung, mit dem der Staat den Leistungssport weiter fördern will, umgesetzt und ausgerollt – das Stichwort hier: duale Karriere. Gleichzeitig will auch die Bundeswehr für ehemalige Spitzenathleten unter den Sportsoldaten neue Perspektiven für die berufliche Zukunft eröffnen. Siehst Du unter diesen Rahmenbedingungen für die Zeit nach Deiner Spitzensportkarriere attraktive Anknüpfungspunkte für Dich?            

Grau: Da habe ich danach vor, mein Studium dranzuhängen. Hier gibt es ja aktuell das interessante Fach Sportmanagement. Für viele mag die Förderung jetzt ein sehr gutes System zu sein, aber ich will zunächst wohl eher erst einmal raus. Und die Bundeswehr wäre da zunächst keine Option. Aber die Wege, die da gerade gegangen werden, sind definitiv die richtigen Schritte. Auf jeden Fall!

BwSportMag: Dann zum Schluss noch eine Frage zu Deinem sportlichen Leistungs- und Gesundheitsbild und den daraus möglicherweise resultierenden Wettkampfperspektiven. Sieht man Dich wegen Deiner klasse Mittelzeitausdauer und Deinem Kämpferherz langfristig auch als heißen Kandidaten auf den 10.000 Metern oder bei gleichlangen Straßenrennen?       

Grau: Ganz klares Nein! Ich bleibe den 3.000 Meter Hindernissen treu!

BwSportMag: Dank‘ Dir, Martin. Wir sehen uns hoffentlich gesund und wettkampfstark in Braunschweig.

Grau: Ich freue mich!

Das Interview führte der Berliner Sportjournalist Volker Schubert.

Text und Fotos: Volker Schubert

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